01.10.2021 - 17:52 Uhr
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Die Liebe und die Pandemie: Eine Zerreißprobe für Beziehungen

Corona stellt auch viele Partnerschaften auf die Probe. Die Zahl der Scheidungen ist bisher aber nicht gewachsen. Eine Weidener Paartherapeutin und eine Familienanwältin wissen, weshalb das so ist.

Alles aus: Die Pandemie bedroht auch Ehen und Partnerschaften.
von Celina Rieß Kontakt Profil

Corona geht an Partnerschaften und Beziehungen in der Oberpfalz nicht spurlos vorbei. "Sowohl Paare als auch Familien sind durch Corona stark belastet", erklärt die Weidener Diplom-Pädagogin Maria Hunger-Weig. Sie arbeitet für die "Beziehungskiste", berät dort Paare, die ihre Beziehung retten oder sich vernünftig trennen wollen.

Aktuell gebe es kaum ein Gespräch mit Klienten, in dem die Pandemie nicht zum Thema wird. Corona sei dabei nicht immer der Auslöser, aber die Pandemie verstärke die Probleme. "Ja, und dann auch noch Corona...". Solche Sätze bekomme sie derzeit häufig zu hören, erzählt Hunger-Weig. Es gehe dann um die Kinder und geschlossene Schulen oder auch die Belastung im Home-Office.

Klarer Corona-Effekt

Was Hunger-Weig berichtet, kann Christiane Bardenheuer nur bestätigen: "Ja, man merkt ganz klar einen Corona-Effekt", berichtet die Fachanwältin für Familienrecht, die als Mediatorin auch zwischen Paaren vermittelt, wenn es in der Ehe kriselt. Es sei aber nicht so, dass sich Corona in höheren Scheidungszahlen widerspiegelt. Zum einen müssen Paare ein Trennungsjahr einhalten, bevor sie bei Gericht ihr Eheaus auch offiziell besiegeln lassen können. Dazu komme aber auch ein psychologischer Effekt, sagt Bardenheuer: "Viele Menschen erleben Corona als extreme Krise. In so einer Zeit will man dann ein weitere Krise wie ein Trennung verhindern."

Auch wirtschaftliche Probleme bringen Paare dazu, trotz Liebes-Aus zusammen zu bleiben: Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit sorgen für Engpässe, nach einer Scheidung könnte kein Partner das Haus behalten. Bardenheuer erzählt, dass Paare in den Vergangenheit fast immer nach der Trennung kamen, um Rat zu holen. "Heute kommen immer öfter Menschen, die wissen wollen, ob sie sich eine Trennung leisten können." Letztlich bringe dies dann manches Paar dazu, trotz allen Ärgers zusammen zu bleiben. "Ob diese Trennungen nachgeholt werden, wird man erst in den nächsten Monaten sehen", sagt Bardenheuer. Schon heute sei aber klar, dass die Pandemie viele Paare vor Probleme stelle.

Plötzlich viel zu eng

Dem stimmt Hunger-Weig zu: Vor allem jungen Pärchen fehlt als Ausgleich vom stressigen Alltag die gemeinsame Zeit. Dazu gehören zweisame Restaurantbesuche, oder auch einmal ein paar Tage wegzufahren, die Kinder bei den Großeltern zu lassen. Außerdem beklagen sich viele junge Frauen, dass ihre Männer zu viel Zeit im Netz verbringen und sie eigentlich andere Bedürfnisse hätten - mehr Zuwendung und Gespräche. Dabei zeige sich in den Beratungen immer wieder, dass diese Probleme nicht von der Pandemie ausgelöst wurden. Allerdings lassen sie sich in den besonderen Umständen der vergangenen anderthalb Jahre nicht mehr so einfach überspielen und kaschieren, wie zuvor.

Das sei auch bei langjährigen Paaren so, bei denen die plötzliche Enge Probleme an die Oberfläche gespült habe. Home-Office, Ausgangssperre und geschlossene Gastronomie sorgten dafür, dass man sich näher kam, als es für die Beziehung gut war. Vorhandene Konflikte verschärfen sich, es fehlt die Möglichkeit, eine Auszeit vom Partner zu nehmen. "Wir streiten nur noch, sind an der Belastungsgrenze, können Sie uns helfen?" - Sätze wie diese hört Hunger-Weig häufig.

Und auch Bardenheuer kennt das. "Viele Paare hatten ja nicht einmal die Chance, sich zu trennen." Hotels waren geschlossen, eine andere Wohnung zu finden, war in der Pandemie kaum möglich. Das führe dazu, dass Trennungen und Scheidungsverfahren plötzlich viel emotionaler ablaufen. Was früher einfach besprochen und verhandelt werden konnte, werde nun von Gefühlen und aufgestauter Aggression überlagert.

Was tun gegen den Corona-Frust?

Und welche Tipps gibt die Expertin, um dem Corona-Frust in der Partnerschaft entgegenzuwirken? Hunger-Weig erklärt, dass es mit den zurückgewonnenen Freiheiten schon wieder etwas einfacher ist. Vorher hat sie regelmäßig den Rat gegeben, etwas gemeinsam zu unternehmen.

Vor allem nach draußen zu gehen und Bewegung zu haben, auch wenn es nur zum Spazierengehen ist. "Die Paare sollen trotz aller Einschränkungen versuchen, ein gemeinsames Erlebnis in der Natur zu haben und natürlich über alles reden und sich gegenseitig wertschätzen." Es sei wichtig, Gefühle auch anzusprechen und Wünsche gegenüber dem Partner zu äußern, aber auch Ängste und Befürchtungen. "Das geht bei Paaren oft verloren, weil jeder vor sich hinlebt."

Übrigens gebe es nicht nur Paare, die unter der Pandemie leiden. Manche haben sich in dieser Zeit auch gefunden. Dating-Apps und Co. boomen, sagt die Expertin. Das Zusammenziehen erfolgte dann oft sehr schnell, weiß Hunger-Weig. Geht das gut? So genau kann das die Pädagogin nicht beurteilen. Die Pärchen gehen ja nicht direkt zur Beratung in die Beratungspraxis "Beziehungskiste".

Aktuelle Coronazahlen

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Eheschließungen und Scheidungen 2020

  • Im Vergleich zu 2019 gab es 2020 etwa zehn Prozent weniger Eheschließungen.
  • Verantwortlich war vor allem die Pandemie.
  • Gründe waren zum Beispiel geschlossene Standesämter, Beschränkungen der Personenanzahl bei der Trauung. In vielen Fällen wurden die Hochzeiten deshalb verschoben.
  • Scheidungen:
    Die Scheidungsrate im Jahr 2020 lag bei rund 38,5 Prozent.
  • Laut Statistiken war die Scheidungsrate im Jahr 2020 knapp drei Prozent höher als 2019.
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