30.06.2021 - 17:19 Uhr
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„Eine Hommage“: Autor erklärt, warum Sophie Scholl bis heute wirkt

100 Jahre Sophie Scholl. Der Spiegel-Bestsellerautor Tim Pröse stellt ihr zu Ehren Dokumente vor, welche von den letzten Tagen der Widerstandskämpferin auf emotionale und private Art erzählen. Im Interview spricht er über seine Beweggründe.

Hans und Sophie Scholl, Gründer bzw. Mitglieder der Widerstandsgruppe «Weiße Rose» an der Münchner Universität.
von Celina Rieß Kontakt Profil

ONETZ: Was fasziniert Sie an Sophie Scholl und der "Weißen Rose"?

Tim Pröse: Wir leben in einer Zeit, in der wir uns von einer Unfreiheit befreien. Wir erleben wieder ein Comeback der Freiheit. Viele haben sich während der Corona-Zeit beschwert und da dachte ich oft an Sophie Scholl. Wie unfrei die war und wie sehr sie für die Freiheit gekämpft hat. Sie zeigt uns, wie wir innere freie Menschen bleiben und uns für das Gute einsetzen können. Das ist immer noch ein ganz großes Thema und deswegen ist Sophie Scholl auch bis heute eine Heldin. Ihre Botschaft ist aktueller denn je. Wir haben es in Europa mit neuen Unrechtsregimen und einem wieder aufkommenden Rechtsextremismus zu tun. Dagegen stehen all die Ideale der Sophie Scholl – und die müssen bis heute wachgehalten werden als Vorbild für Humanismus, Menschlichkeit und Freiheit. Sie war bereit zu ihren Werten zu stehen und dafür zu sterben. Deswegen ist sie unsterblich – und auch ihr Vermächtnis.

ONETZ: Zu Sophie Scholls Leben gibt es schon viele Bücher und Filme. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen, um nicht alles bereits erzählte zu wiederholen?

Ich bin unterwegs, weil ich einem ganz besonderen Recherche-Schatz begegnen durfte. Als ich 26 Jahre alt und gerade als Volontär tätig war, durfte ich Inge Aicher-Scholl kennenlernen – die älteste Schwester von Sophie Scholl. Ich habe sie seitdem immer wieder besucht und daraus wuchs eine Freundschaft. Sie hat mir die „Erinnerungen an München“ gegeben. Ein bis heute unbekanntes Dokument, das von den letzten Tagen der Sophie Scholl auf eine emotionale private Art und Weise erzählt.

ONETZ: Was können die Menschen auch heute noch von Sophie Scholl lernen?

Wir wollen alle gerne wir selbst sein, am liebsten jeden Tag zu 100 Prozent. Das ist so schwer heutzutage – wir verzetteln uns so oft und denken, wir müssen uns nach anderen richten und verlieren dabei unser eigenes Selbst aus den Augen. Von ihr können wir lernen, wie erfüllend und aufregend es sein kann, man selbst zu sein. Und dass man seine eigenen Ideale, die Träume und Illusionen aus der Jugendzeit nicht aufgeben muss, sondern sie ein ganzes Leben lang leben kann. Das sind wir ihr schuldig, weil sie mit 22 Jahren sterben musste und wir, die alt werden dürfen, sind dazu aufgerufen, unsere Träume wirklich zu leben. Das konnte sie nur 22 Jahre lang – aber das intensiv.

ONETZ: Hat Sophie Scholl die Gesellschaft nachträglich geprägt? Und hat sich in Deutschland durch ihr Handeln viel verändert?

Ohne ihr Beispiel, aber auch ohne Georg Elser und den Grafen von Stauffenberg wäre ein menschliches Deutschland nach dem Krieg gar nicht so einfach möglich gewesen. Sonst wäre die ganze Seele eines Landes auf Dauer – vielleicht bis heute noch – ruiniert. Nur dank dieser Lichter in der Nacht ist überhaupt ein geistiger Wiederaufbau in Deutschland möglich gewesen.

ONETZ: Drei Worte, um Sophie Scholl zu beschreiben

Leidenschaftlich, temperamentvoll, lebensdurstig. Sie hatte Hunger auf Leben und hat in der kurzen Zeit, die ihr blieb das Leben voll ausgeschöpft. Sie hat jeden Tag wirklich gelebt. Vielleicht ist das ein Trost.

ONETZ: Wie stehen Sie zu Aktionen wie Jana aus Kassel ("Ich fühle mich wie Sophie Scholl") oder dem Wahlplakat der AFD "Sophie Scholl würde die AFD wählen" gegenüber? Kann man diese Vergleiche in irgendeiner Weise nachvollziehen?

Natürlich könnte man das rein menschlich versuchen zu verstehen. Viele würden sich gerne mit ihr identifizieren und sich in ihrem Lichte präsentieren. Es kann dieser Persönlichkeit und ihrem Denkmal nichts anhaben, dass das die Falschen tun. Die, die keine Gemeinsamkeit mit Sophie Scholl haben, sondern nur Hass und Eigennutz sehen - das Gegenteil von Sophie Scholl.

ONETZ: Was ist Ihr Lieblingszitat von Sophie Scholl?

Sie wurde gefragt, was sie angesichts der Aussichtslosigkeit des Kampfes noch bewegt. Und sie sagte: „Es braucht in dieser Zeit einen harten Geist und ein weiches Herz.“

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Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Fakten über Tim Pröse

  • Geboren: 1970 in Essen
  • Studium: Kommunikationswissenschaften, Politik und Psychologie
    Chefreporter der Münchner Abendzeitung
    Journalist für Reportage-Ressort des Focus
  • Aktuell: Freier Journalist und Autor
  • Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste mit dem Buch „Jan Fedder – Unsterblich”
  • Lesung zur Hommage an Sophie Scholl:
  • Fr 02.07.2021, 19:00 Uhr - Stadtbibliothek (Raseliushaus), Zeughausstraße 1 A, 92224 Amberg
    Anmeldung unbedingt erforderlich unter: Tel. 09621/475520, https://www.keb-amberg-sulzbach.de
  • Sa 03.07.2021, 19:00 Uhr - Bürgersaal (Café Mitte), Am Stockerhutpark 1, 92637 Weiden
    Anmeldung unbedingt erforderlich unter: 0961 63 49 64-2 oder online auf: www.keb-neustadt-weiden.de
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