01.09.2020 - 15:51 Uhr
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Bauland und Häuser immer teurer: "Hysterie" auf dem Oberpfälzer Immobilienmarkt

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Bauland, Häuser, Wohnungen: Der Markt in der ganzen Region steht unter Druck. Das Angebot ist rar, die Nachfrage gerade in der Coronakrise sehr hoch - auch in den Landkreisen. In manchen Orten steigen die Preise für viele ins Unermessliche.

Bauland wird auch in der Oberpfalz immer teurer.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Suche begann vor acht Jahren und ist für Christian eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Bauplatz gefunden, Bauplatz nicht frei. Bauplatz gefunden, Behörde blockt. Bauplatz gefunden, Bauplatz zu teuer. Bauplatz gefunden, Bebauungsplan veraltet. So geht das für Christian seit Jahren. "Ein ständiges Auf und Ab", sagt er.

Der 36-Jährige sucht für sich, seine Frau und die gemeinsame kleine Tochter ein Grundstück in seinem Heimatdorf im südlichen Landkreis Amberg-Sulzbach. Aktuell wohnen die drei in einer 80-Quadratmeter-Wohnung. "Aufgrund der Familienplanung wollen wir dringend und so schnell wie möglich bauen", sagt Christian, der in Wirklichkeit anders heißt. Aber das ist gar nicht so einfach - und kann durchaus mal länger dauern.

Christians Geschichte ist nur eine Episode des mittlerweile ganz normalen Wahnsinns des Oberpfälzer Immobilienmarkts.

Corona verschärft Situation

Bauland, Häuser, Eigentumswohnungen - alles wird teurer, wird schwerer zu ergattern. Auch in der Oberpfalz. Die Coronakrise hat die Situation verschärft, die Nachfrage steigt immer weiter. "Wohnen hat gerade einen ganz hohen Stellenwert", sagt Oliver Ludwig, Bereichsleiter Bauen und Wohnen bei der Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz, die mit ihrer Tochtergesellschaft City Immobilien vor allem in Weiden und den Kreisen Neustadt und Tirschenreuth tätig ist. "Gerade im Shutdown haben die Leute gesehen, dass ein Haus mit Grundstück angenehmer ist als eine kleine Wohnung. Der Wunsch nach einem Eigenheim ist größer geworden", erklärt Ludwig.

Das führt in der Oberpfalz zu einer Situation, die vor einem Jahrzent noch undenkbar war. Selbst im Kreis Tirschenreuth oder im Kreis Neustadt, beide in Statistiken meist auf den hinteren Plätzen, "gibt es keine Gemeinde mehr, wo keiner mehr hin will", sagt Ludwig. Überall sei die Nachfrage da. Werden Baugebiete ausgeschrieben, gehe es ganz schnell. "Das ist schon bemerkenswert. Das waren ja früher Märkte, in denen es sehr schwer war, etwas zu verkaufen."

Nordoberpfalz wird attraktiver

Noch vor sieben Jahren war im Kreis Tirschenreuth "der Interessent der König". Teilweise seien da auf 25 Häuser nur ein bis zwei potenzielle Käufer gekommen. "Das hat sich komplett gewandelt", sagt der Immobilienexperte. Jetzt ist die Nachfrage überall größer als das Angebot. Und alles ist viel schneller wieder vom Markt. "Wenn wir vor zehn Jahren ein Haus in Griesbach bei Mähring aufgenommen haben, haben wir gewusst, dass wir die Akte mindestens ein Jahr mit uns rum schleppen, bevor einer das Haus kauft." Heute sei so ein Haus in rund 100 Tagen weg.

"Die Nordoberpfalz gewinnt an Attraktivität", sagt Thomas Ludwig, Vorstand der Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz und von City Immobilien. Das liege nicht nur an der Pandemie, sondern auch an den niedrigen Zinsen und den niedrigen Lebenshaltungskosten in der Region. Dazu komme, dass überregionale Investoren den Markt in der nördlichen Oberpfalz entdeckt haben und fleißig mitbieten.

"Weil der Regensburger Markt weitgehend abverkauft ist, schauen die nach Weiden", sagt Thomas Ludwig. Und weil diese Investoren andere Summen aus größeren Städten gewohnt sind, treiben sie die Preise. "Da geht's überall hoch", sagt Oliver Ludwig. Also auch in Arzberg, Mähring oder Mitterteich. Trotzdem könnten die Menschen in den Landkreisen noch ein Haus bauen. "In Weiden ist das für viele nicht mehr möglich", sagt der Immobilienexperte - und präsentiert exemplarisch die aktuellsten Daten des Weidener Immobilienmarkts.

Baugrundstücke

Die Lage auf dem Baugrundstücksmarkt in der Stadt ist angespannt. Das Angebot ist rar, in den vergangenen zwölf Monaten hat es gerade mal 35 Angebote gegeben - vor zehn Jahren waren es noch 270 Grundstücke, sagt Oliver Ludwig. Die Nachfrage ist groß und trotz Pandemie gestiegen, 120 Interessenten gibt es für die 35 Bauplätze. Und wer den Zuschlag bekommt, muss blechen. "In guten Lagen steigt der Preis pro Jahr um 15 Prozent." Der durchschnittliche Kaufpreis für ein Grundstück liegt aktuell bei 137 000 Euro. Vor zehn Jahren waren es 85 000 Euro.

In Weiden gibt es auch Grundstücke, die mehr als 300 000 Euro kosten, erzählt er. "Wenn man sich vorstellt, dass da ja noch ein Haus drauf kommt, das in der Regel zwischen 400 000 und 600 000 Euro kostet, ist das nur noch für ganz wenige Menschen erschwinglich." Eine junge Familie mit Kindern - eine Zielgruppe, die früher regelmäßig am Tisch von Oliver Ludwig saß - könne in Weiden kein Haus mehr bauen.

Häuser

"Kommt ein Haus auf den Markt, ist fast Hysterie da. Wurde es Donnerstagabend ins Internet gestellt, hat der Kollege am Freitagmorgen 50 bis 60 Mails im Postfach."

Oliver Ludwig, Bereichsleiter Bauen und Wohnen bei der VR Nordoberpfalz.

Oliver Ludwig, Bereichsleiter Bauen und Wohnen bei der VR Nordoberpfalz.

Beim Häuserkauf ist die Lage ähnlich. "Kommt ein Haus auf den Markt, ist fast Hysterie da", sagt Oliver Ludwig. "Wurde es Donnerstagabend ins Internet gestellt, hat der Kollege am Freitagmorgen 50 bis 60 Mails im Postfach." Das Angebot an guten Objekten in Weiden ist überschaubar und die Nachfrage steigt - gerade in den vergangenen fünf Corona-Monaten.

"Wer ein Haus in Weiden will, muss ein älteres nehmen", sagt Oliver Ludwig. Neubauten gibt es nämlich nicht viele, und die werden jedes Jahr um bis zu acht Prozent teurer. Neugebaute Häuser kosten in Weiden durchschnittlich 414 000 Euro. Ältere Bauten, im Schnitt 50 Jahre auf dem Buckel, liegen preislich bei rund 300 000 Euro - und saniert ist dabei noch gar nichts.

Oliver Ludwig beobachtet, dass die Leute immer kompromissbereiter werden - Hauptsache ein Haus in der Stadt. Vor acht Jahren habe das Gros der Interessenten bei einem älteren Haus mit hohen Renovierungsbedarf noch zurückgeschreckt. "Jetzt ist das das gängige Gut, mit wir in Weiden handeln." Häuser mit Bäder aus den 50er Jahren - "blaugefliest mit rosa Waschbecken" - waren früher Ladenhüter. Heute sind sie die Verkaufsschlager.

Eigentumswohnungen

Dasselbe ist auf dem Weidener Wohnungsmarkt zu sehen. Auch er steht unter Druck. Die Preise steigen jährlich um bis zu sieben Prozent. Kostete 2007 ein Quadratmeter noch 1800 Euro, sind es heute zwischen 3300 und 3700 Euro.

Christian hat mittlerweile wieder einen Bauplatz in seinem Heimatort gefunden. Es ist jetzt doch ein Grundstück im Neubaugebiet geworden. Obwohl das Dorf weder Arzt noch Bäcker oder Metzger aufweisen kann, liegt der Grundstückspreis bei mehr als 190 Euro pro Quadratmeter.

Kuriose Vergaberegeln für Bauplätze in Schirmitz

Schirmitz
Große Firmen wollen in die Region - ohne Erfolg:

In den vergangenen Jahren haben sich mehrere „nahmhafte Unternehmen“ in der Region um Weiden ansiedeln wollen – ohne Erfolg, weil es keine größeren Flächen mehr gibt, sagt Immobilienexperte Oliver Ludwig von der Volksbank Raiffeisenbank (VR) Nordoberpfalz.

DIE GRÜNDE: „Gerade wenn es um Handel oder Logistik geht, wird die Region immer wieder gewählt, weil sie als Mittelpunkt Europas gesehen wird.“ Aber: „Es mangelt einfach an der Möglichkeit, etwas bieten zu können.“ In Weiden könne man seit zweieinhalb Jahren keine mehr als 5000 Quadratmeter großen Flächen stellen. „Größere Anfragen laufen momentan ins Leere“, sagt Ludwig. In diesem Jahr gab es bisher fünf Anfragen, die „wir wieder heimschicken mussten“, weil die Region kein geeignetes Angebot bieten konnte.

DIE HOFFNUNG: Die Hoffnung liegt deswegen auf dem geplanten Gewerbegebiet West IV in Weiden. Thomas Ludwig, Vorstand der VR Nordoberpfalz, fordert von der lokalen Politik, dass „hier endlich Fakten geschaffen werden. Ich habe das Gefühl, dass hier nix weiter geht, und wenn dann nur ganz langsam“.

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