25.09.2020 - 18:39 Uhr
OberpfalzDeutschland & Welt

Amateurfußball: Diese Typen haben wir vermisst

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Die Amateure kicken wieder vor Zuschauern. Nicht nur das Spiel wurde vermisst, sondern auch die besonderen Charaktere, die es nur im Amateurfußball gibt. Unser Autor ist in die Rollen geschlüpft. Eine nicht ganz ernst gemeinte Typologie.

Wie haben wir sie vermisst: Den Pöbler, den Provinz-Ronaldo, den Rentner - und viele weitere ...
von Julian Trager Kontakt Profil
Der Provinz-Ronaldo.

Der Provinz-Ronaldo

Typisches Aussehen

Hat immer die neuesten und teuersten Fußballschuhe. Mal in pink, mal in giftgrün, tatsächlich auch mal in schwarz – kommt halt drauf an, was die großen Stars gerade so tragen. Seine Schienbeinschoner haben die Größe einer Schafkopf-Karte. Die Stutzen zieht er weit über die Knie. Bein zeigt er ab und zu aber trotzdem, zieht sich vor allem im Training die kurze Hose nach oben, damit die sonnenstudiogebräunten Oberschenkelmuskeln gut zusehen sind. Hat immer eine tolle Frisur.

Typisches Verhalten

Hält sich für Cristiano Ronaldo. Zeigt gerne seine Tricks. Hacke, Spitze, Beinschüsse, Übersteiger. Trifft er aber auf den Alten oder gar den Suffkopf, hält er sich zurück. Harte Zweikämpfe bestreitet er nämlich nicht. Könnte ja die schöne Frisur kaputt gehen.

Typischer Spruch

„Ich könnte auch bei der DJK Gebenbach spielen.“ Oder: „Wann ruft endlich der Jahn bei mir an?“

Der Alte.

Der Alte

Typisches Aussehen

Trägt an den Füßen natürlich nur Copa Mundial, im Sommer manchmal Multinocken – der harte Boden, und die sensiblen Gelenke. Hat noch Schienbeinschoner, die so breit sind wie ein Din-A4-Blatt, freilich mit Knöchelschutz. Das Knie und der Knöchel sind einbandagiert, manchmal auch einer der Oberschenkel.

Typisches Verhalten

Trainiert nicht allzu oft – der Rücken, die Gelenke, die Hüfte, die Knie. Muckt die Jungen im Zweikampf aber immer noch aus: Täuscht einen Schuss an, schon springt der Provinz-Ronaldo zur Seite, und der Alte geht locker vorbei. Betonung auf: geht. Hat schon bei den Herren gespielt, als der FC im TV Amberg noch 1. FC Amberg und die SpVgg SV Weiden noch SpVgg Weiden hießen. Will eigentlich längst aufhören, kann aber nicht, weil der mannschaftseigene Provinz-Ronaldo nach der Saison zum Verein seines Kumpels eine Liga tiefer wechselt, und sonst ein Mann fehlen würde.

Typischer Spruch

„Na gut, ein Jahr häng ich noch dran.“

Der Suffkopf.

Der Suffkopf

Typisches Aussehen

Verwuschelte Haare, so als wäre gerade erst aus dem Bett raus. Hat keine Minute nach Spielende schon eine Zigarettenschachtel im Stutzen stecken, und keiner weiß, wie er das macht. Das ausgezogene Trikot hängt lässig über der Schulter, in der rechten Hand eine Fluppe, links ein Bier. Bruckmüller, Naabecker oder Gambrinus – kommt immer drauf an, in welchem Fußballkreis gespielt wird.

Typisches Verhalten

Erscheint immer verspätet zum Treffpunkt, meistens ist er verkatert. In den anderen Fällen ist er noch betrunken. Ist erst kurz vor Treff aufgestanden. Wenn er noch nicht selbst fahren kann, übernimmt’s die Mutter oder die Noch-Freundin. Gibt dann aber auch auf dem Rasen Vollgas. Feiert seine Leistung nach dem Schlusspfiff entsprechend.

Typischer Spruch

„Was geht heute Abend?“

Der Brüller.

Der Brüller

Typisches Aussehen

Von der alten Schule, und das sieht man. Trägt immer Trainingsanzug, und manchmal stammt der auch aus den guten, alten 80er, als er den 1. FC Amberg oder die SpVgg Weiden mal in einem Freundschaftsspiel schlug. Egal ob Polyester oder Ballonseide – das Oberteil spannt immer, der Bauch. Schon fünf Minuten nach Anpfiff läuft ihm der Schweiß über die Stirn.

Typisches Verhalten

Schleicht die Seitenlinie auf und ab. Schreit eigentlich die ganzen 90 Minuten durch. Abspielen! Alleine gehen! Grätschen! Kämpfen! Schiri! Schiriiiiiii! Wie kann man so blöd sein! Jungs, ruuuuuhig bleiben! Schmipft gegen alles und jeden. Wenn er nicht schreit, schnauft er durch. Immer kurz vorm Herzinfarkt. Nach dem Spiel wieder ganz normal, plötzlich der Kumpeltyp. Stößt gleich mit dem Suffkopf an.

Typischer Spruch

„Jungs, ihr müsst heute Gras fressen, verdammt nochmal!“

Der Intellektuelle.

Der Intellektuelle

Typisches Aussehen

Hat niemals einen Trainingsanzug an, immer mindestens eine Jeans, oft eine Chinohose. Obenrum ein hautenges T-Shirt, Poloshirt oder Hemd. Ein bisschen wie Pep Guardiola. Arbeitet mit Laptop und Beamer, aber auch mit einem Notizbüchlein – für seine genialen Gedanken.

Typisches Verhalten

Beobachtet die Kreisklassen-Gegner wochenlang im Voraus, ist dann aber überrascht, dass beim Gegner plötzlich acht andere Spieler auf dem Platz stehen als in der Vorwoche. Bringt immer seine eigene Taktiktafel mit, erklärt dann 15 Minuten lang, wann wer und wie intensiv pressen muss. Ist genervt, wenn der Suffkopf ohne anzuklopfen in die Kabine fällt und seine Ansprache unterbricht.

Typischer Spruch

„Wenn die diametral abkippende Doppel-Sechs und die falsche Neun zwischen den Boxen polyvalenter und fluider im Dreiecksspiel agieren, wird mein Matchplan aufgehen.“

Der Rentner.

Der Rentner

Typisches Aussehen

Das karierte Hemd steckt in der Hose, das lichte Haar fein säuberlich zurück gekämmt. Der Schnauzer ist aber noch mächtig. Eigentlich sieht man ihn nur kopfschüttelnd.

Typisches Verhalten

Schüttelt ständig den Kopf, stöhnt öfter mal laut auf. Er weiß alles besser, und das sagt er auch jedem – auch wenn er gar nicht gefragt worden ist. Damals, zu seiner Zeit, als die Kreisliga noch A-Klasse hieß, ist ja alles viel besser gewesen. Das sind damals noch echte Kerle gewesen, die haben 15 Stunden durchgearbeitet und sind dann noch über den Rasen gerannt wie die Blöden. Das ganze neumodische Zeug wie diese Viererkette findet er lächerlich.

Typischer Spruch

„Warum nimmt der den da draußen auf der Außenbahn nicht in Manndeckung!? Mei oh mei, der ist ja komplett frei.“

Der Pöbler.

Der Pöbler

Typisches Aussehen

Wirkt ganz unscheinbar, sieht aus wie jeder andere, der eine Bierflasche in der Hand hat. Nur ist es bei ihm schon die fünfte, wenn der Schiri das Spiel anpfeift.

Typisches Verhalten

Kommt eigentlich nur zum Fußballplatz, um Menschen zu beleidigen, den Schiedsrichter, die gegnerischen Zuschauer, den gegnerischen Trainer, die gegnerischen Spieler und – nach dem siebten Bier ist es dann eh wurscht – auch die eigenen Spieler. Nennt den Kicker mit der schönen Frisur und den pinken Schuhen Mädchen, schickt den Spieler in den Bandagen verbal ins Altersheim. Natürlich nutzt er andere Worte. Nur einer bleibt von seinen Schimpftiraden verschont: Gleich nach dem Schlusspfiff steht er beim Suffkopf und stößt mit ihm auf die vergangene Partynacht an.

Typischer Spruch

„Ich hab Eintritt bezahlt, ich darf das.“

Der Sponsor.

Der Sponsor

Typisches Aussehen

Trägt edle Lederschuhe, Jeans und Hemd. Die Geldbörse ist immer gut gefüllt.

Typisches Verhalten

Ständig das Handy am Ohr, wichtige Sachen organisieren. Steht meistens in der Nähe der Trainerbank, um den Intellektuellen ab und zu einen Tipp zu geben. Steckt dem eigenen Kapitän nach dem Spiel einen Hunderter zu, für die Mannschaftskasse. Danach geht er zu dem gegnerischen Spieler, der ihm in der Partie besonders gut gefallen hat. Fragt den Jungen mit den pinken Schuhen nach der Nummer, ob er nicht nächste Saison bei ihm spielen möchte. Ein bisschen Geld könne er als Sponsor schon locker machen.

Typischer Spruch

„Die Spieler kommen zu uns, weil sie die Kameradschaft im Team schätzen.“

Der Mann für alles.

Der Mann für alles

Typisches Aussehen

Trägt immer irgendwas vom Verein. Ein Shirt, eine Trainingsjacke, einen Pullover. Die Frisur ist nie gemacht, dafür hat er einfach keine Zeit.

Typisches Verhalten

Macht alles. Wirklich alles. Ist da, wo jemand gebraucht wird. Mäht den Rasen, streut die Linien auf dem Fußballplatz. Füllt die Flaschen für die Spieler auf, wäscht die Trikots. Ist Ordner. In der Nacht holt er die jungen Spieler und den Suffkopf aus der Disco ab. Und ganz nebenbei ist er noch der Sportheimwirt. Hört fast nie ein Dankeschön, dafür sehr oft Beschwerden. Warum ist der Rasen so stumpf? Warum sind die Linien krumm? Warum sind die Getränke so warm?

Typischer Spruch

„Irgendwer muss es ja machen.“

Vergangene Woche startete der Amateurfußball in der Oberpfalz wieder

Wernberg-Köblitz

Kolumne: Eine Hommage an den Amateurfußball

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.