Architektur in der Oberpfalz: 36 Jahre Berschneider in einem Band

Ihre Projekte suchen sie sich am liebsten im Umkreis von einer Stunde rund um Neumarkt: Die Architekten Gudrun und Johannes Berschneider prägen mit ihren Bauten die Oberpfalz. Nun versammelten sie ihre Meilensteine in einer Monografie.

Das "Wohnhaus G" in Amberg: Durch Sanierung wurde aus der ehemaligen Hauswirtschaftsschule ein modernes Wohngebäude mit traditionellen Wurzeln.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Moderne und Tradition, Weltoffenheit und Heimat: In der Vereinbarkeit dieser scheinbaren Gegensätze haben die Architekten Johannes und Gudrun Berschneider aus Pilsach bei Neumarkt ihr Wirken gefunden. Immer mit einem bodenständigen Anspruch an sich selbst, dem Wunsch, Architektur aus der Mitte der regionalen Gesellschaft zu schaffen und dem Streben, Funktionalität mit Ästhetik zu vereinen – wie es in der im Herbst 2020 erschienenen Monografie heißt.

Auf 448 Seiten, umgeben von einem senfgelben Einband, werden Meilensteine und Liebhaberprojekte eingefangen, die aus diesen Ansprüchen in der Oberpfalz erwachsen sind. Das Buch mutet wie ein Lebenswerk an, ganz besonders vor dem Hintergrund des Schicksals, das Johannes Berschneider ereilt hat: Der Architekt ist an ALS erkrankt und sitzt im Rollstuhl.

Museum Lothar Fischer Neumarkt

Sich für ein Lieblingsprojekt aus dem Band zu entscheiden, fällt den Architekten mehr als schwer. Gudrun Berschneider erklärt: "Es gab viele Projekte, die uns sehr am Herzen lagen. Eine besonders schöne Bauaufgabe war aber zum Beispiel das Museum Lothar Fischer in Neumarkt." Die enge freundschaftliche Zusammenarbeit mit Lothar Fischer sei besonders und bereichernd gewesen. "Und dann ist es natürlich der Traum jedes Architekten, ein Museum bauen zu dürfen."

Obwohl Lothar Fischer selbst die Museumseröffnung nicht miterleben konnte, strahlt das weiße Gebäude in Würfelform fort. In der erklärten Absicht, nicht als Baukunstwerk in Konkurrenz zum Inhalt zu treten, wurde bei der Umsetzung auf Störfaktoren verzichtet: Keine Fußleisten und der Verzicht auf Fugen geben der Präsentation selbst genügend Raum. Alles an dem Museum, wie es in der Monografie heißt, von der Betonstruktur bis zum Sitzkissen wurde von "Berschneider + Berschneider" entworfen. Rund 2,4 Millionen Euro kostete der Bau.

Willibald-Gluck-Gymnasium Neumarkt

Nicht nur künstlerische Ambition, sondern auch Wirtschaftlichkeit und damit ressourcensparendes Zeitmanagement spielt bei den Projekten der Architekten eine Rolle. Johannes Berschneider erklärt: "Wir bekommen eine Bauaufgabe an einem Ort und die wollen wir für den Nutzer so optimal wie möglich lösen. Hinter unserem Entwurf steht eine gewisse zeitlose Schlichtheit, die technisch perfekt und hervorragend ausgeführt sein muss. Der vorgegebene Zeitplan ist einzuhalten, auch die Baukosten natürlich." Damit wollen die Berschneiders ein Zeichen setzen gegen die Vorurteile, mit denen öffentliche Bauvorhaben oft behaftet sind.

Das galt auch bei der Gestaltung des Willibald-Gluck-Gymnasiums in Neumarkt. Gudrun Berschneider erklärt: "Das war unser bislang größtes Projekt, ein Meilenstein für unser Büro." Mit rund 1400 Schülern ist es eines der größten Gymnasien in Bayern. Bunte Schulflure, Sichtfenster in Klassenzimmer und Rückzugsorte, eingebettet in ein von oben lichtdurchflutetes Treppenhaus mit einer frei in den Raum geknickten Zentraltreppe. Trotz der kreativen Sorgfalt mit der Beläge, Farben und Formen ausgewählt wurden, wurden hier Budget und Zeitplan exakt eingehalten.

Wohnhäuser in Neumarkt und Amberg

Besonders wichtig sind den Architekten bei ihrer Arbeit auch funktionale Details, wie die bunten Fensterelemente an der Schule, die ein Öffnen der Fenster bei schlechtem Wetter ermöglichen. Gudrun Berschneider erklärt: "Die Funktion ist uns wichtiger als ein spektakulärer Auftritt. Wir beteiligen uns nicht an Moden, sondern sehen uns schlicht in der Verantwortung, dass der Bauherr oder der Nutzer, der sein Leben in diesen Räumen verbringt, es gut verbringen kann. Seinen Bedürfnissen und Ansprüchen entsprechend."

Auch Privathäuser finden sich deshalb in der Monografie der Berschneiders. Das "Haus D" in Neumarkt ist ein gutes Beispiel. Genauso das "Wohnhaus G" in Amberg, welches sich 2009 durch Umbau und Sanierung von einer alten Hauswirtschaftsschule in ein modernes Wohngebäude mit traditionellen Wurzeln verwandelte.

Landschaftskino Hilzhofen

Aber nicht immer müssen es die imposanten Öffentlichkeitsbauten oder umfangreiche Sanierungen sein, auch kleine Liebhaberprojekte haben den Weg in die Monografie gefunden: So wie das Landschaftskino Hilzhofen. Wetterfeste Klappstühle, angeordnet wie in einem Amphitheater hinter einem freistehenden Holztor: "Eine Einladung zum Naturfilm ohne Leinwand" nennen es die Autoren der Monografie. Hier zählt der Kontakt zur Natur. Ein weiteres Highlight der Sonderbauten: die "stillen Örtchen" auf dem Golfplatz Lauterhofen, wofür das Büro 2016 vom Bund Deutscher Architekten den BDA-Preis Bayern bekam. Die Jury urteilt: "Der Architekt hat gemeinsam mit seinen Abschlag-Kumpels die Shit-Holes auf dem Gelände durch Sanitärskulpturen ersetzt, bei deren Benutzung niemand gelangweilt auf sein Handy starren muss."

Firmenzentrale Rädlinger in Cham

Mit Vorliebe wählen Gudrun und Johannes Berschneider Projekte im Umkreis von einer Stunde aus – denn Heimat spielt eine wichtige Rolle bei ihrer Arbeit. Gudrun Berschneider erklärt: "Wir sind unserer Heimat sehr verbunden, fühlen uns der Region verpflichtet. Wir sind überzeugt, dass qualitätvolle Architektur auch 'in der Provinz' stattfinden kann und sollte. Architektur kann die Identifikation mit der eigenen Heimat stärken und die Lebensqualität verbessern. Sie kann aber natürlich auch ein Aushängeschild für eine Region sein und die Wahrnehmung von außen positiv beeinflussen."

Ein Beispiel für die Symbiose von Alt- und Neubau ist die Gestaltung der Firmenzentrale der Rädlinger Unternehmensgruppe in Cham. Eine wichtige Aufgabe für die Architekten war, die neue Zentrale für rund 200 Mitarbeiter mit dem ehemaligen Klostergebäude trotz des Alters- und Größenunterschieds in eine harmonische Beziehung zu setzen. "Wie Geschwister wahren die gegensätzlichen Architekturen ihre Eigenständigkeit und treten doch gemeinsam auf", heißt es in der Monografie. Eine kleinteilige Gliederung der Front sorgt dabei dafür, dass der Neubau von 75 Meter Länge nicht zu groß wirkt. Das Klostergebäude wurde vollständig entkernt und erfährt eine neue Funktion als Mitarbeiterrestaurant.

Alte Mälze Lauterhofen

Auch ein sehr aktuelles Projekt aus dem vergangenen Jahr hat den Weg in das Buch gefunden: Der Umbau und die Sanierung der alten Mälze in Lauterhofen. Denn für die Architektur in der Oberpfalz wünschen sich die Architekten, dass die Baukultur hier weiter hochgehalten wird. Gudrun Berschneider erklärt: "Im letzten Jahr haben wir zwei kommunale Projekte beendet, die Leuchtturmprojekte sein könnten: in den Ortsmitten von Pyrbaum und Lauterhofen wurden dem Verfall geweihte Gebäude von der Gemeinde gekauft und saniert. Entstanden sind ein Veranstaltungsraum für die Gemeinde und ein offener Kulturtreff." Solche Projekte würden dazu beitragen, Ortszentren intakt zu halten. "Gerade beobachten wir eine gute Dynamik in der Region, eine junge Generation von Architekten kommt nach. Wir wünschen uns, dass sie auch der regionalen Baukultur die Bedeutung beimessen, die ihr zusteht. Gute Architektur darf sich nicht auf Metropolen und Ballungsräume beschränken."

Wohntraum aus der Oberpfalz auf Titelseite eines Baumagazins

Etzenricht

Architektur aus Weiherhammer für Maybach

Weiherhammer
Info:

Zur Person: Johannes und Gudrun Berschneider

Johannes Berschneider wird 1952 in Pilsach geboren. 1978 machte er sein Diplom "Innenarchitektur" an der FH Rosenheim. Gudrun Berschneider wird 1959 in Neumarkt St. Veit geboren. Seit 1985 war sie im Architektur- und Innenarchitekturbüro Berschneider & Knychalla als freie Mitarbeiterin tätig. Seit 2002 gibt es das Büro Berschneider + Berschneider.

Info:

Zum Buch

  • Berschneider + Berschneider Werkmonografie
  • Erscheinung: 2020, Büro Wilhelm Verlag
  • Format: 21 x 28 cm
    Umfang: 448 Seiten, Hardcover, Leineneinband, Farbschnitt, Fadenheftung
  • ISBN: 978-3-948137-22-9
  • Preis: 55,00 €

 

 

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