20.06.2021 - 17:04 Uhr
Deutschland & Welt

Luisenburg-Premiere: Der Schicksalsberg ruft laut und deutlich

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Ewig lockt der Berg: Die Kulturfreunde zur Luisenburg und die Bergnarren zum Watzmann. Mit dem Kult-Stück „Der Watzmann ruft“ von Wolfgang Ambros kehrten am Freitag nach der Corona-Pause im Jahr 2020 die Festspiele zurück ins Fichtelgebirge

Der Bua (Christopher Schulzer, r.) will "aufi aufn Berg", der Vater (Peter Hohenecker) kann ihn nicht zurückhalten: Das Stück "Der Watzmann ruft" endet auch bei den Luisenburg-Festspielen tragisch.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Ein Kult-Stück auf die Bühne zu bringen, ist immer eine Herausforderung. Vor allem auch angesichts der Tatsache, dass das Stück mit der Originalbesetzung um Wolfgang Ambros immer noch auf Tour ist und zudem vor 13 Jahren – die älteren Semester werden sich erinnern – einen Riesenerfolg bei den Luisenburg-Festspielen feierte. Die beiden Regisseure Peter Hohenecker und Robert Draxler – beide selbstredend Österreicher – meistern dies mit Bravour und geben dem Stück eine ganz eigene Note. Und so kommt eine Inszenierung heraus (Choreographie: Sandra Maria Germann; Kostüme: Marion Hauer), die es problemlos mit dem „Original“ aufnehmen kann.

Dass liegt freilich zu einem Stückweit auch an dem unschlagbaren Partner der Macher – nämlich der Bühne und der Kulisse, die sich am alten Theaterplatz im Felsenlabyrinth auftun. Da passt es ganz gut, dass die Sieben-Minute-Ouvertüre des Stückes den Zuschauern die Zeit lässt, das Ambiente aufzusaugen und die Felsen, die durch ihre Anordnung eine Art Arena bilden, zu bestaunen. Wenn der Berg sein „Hollaröhdulliöh“ ruft, dann wird jedem klar, dass Unheil in der Luft liegt und der Watzmann respektive das Fichtelgebirge ein neues Opfer sucht.

Die Rebellion des Bua

Der Inhalt des Stückes gilt gemeinhin aufgrund der Überdrehtheit des gesamten Werkes als vernachlässigbar, obwohl er eigentlich echte Volkstheater-Themen wie die Rebellion des Bua gegenüber dem Vater oder den Verlust des Kindes bietet. Dies wird in der Inszenierung gut herausgearbeitet, was auch an den beiden Hauptakteuren auf der Bühne liegt: Peter Hohenecker und Christopher Schulzer glänzen nicht nur als von Weisheit verschont gebliebene und verschrobene Knechte („Ich bin a Knecht!“) mit viel Wort- und Aktionswitz, sondern sie geben den Figuren Vater und Bua auch eine erkennbare Tiefgründigkeit. Und – hier zeigt sich ein weiterer Vorteil gegenüber dem Original – beide singen ihre Passagen auch selbst, was das Spiel noch authentischer und frischer macht.

Optischer und musikalischer Höhepunkt der Inszenierung ist freilich der Auftritt der „ausgschamten Person“, in diesem Fall allerdings nicht der berühmt-berüchtigten „Gailtalerin“, sondern des nicht weniger anrüchigen „Gailtaler-Tim“, erneut dargestellt von Peter Hohenecker. Testosterongesteuert und sexuell nach allen Seiten hin offen, optisch eine Reinkarnation von Elvis, sorgt er für frivole Schauspiel- und Musicalmomente, die man als Zuschauer nicht so schnell vergessen wird. Dass das gesamte Konzept so gut gelingt, hat allerdings noch weitere Stützen: Da ist zum einen die scherzhaft als „Ostwand-Quintett“ angekündigte Live-Band unter der Leitung von Christian Auer, der auch als Erzähler sowie als Sänger in Erscheinung tritt und die Zuschauer durch die 80-Minuten-Version des Stückes führt.

Überraschende Amateure

Eine weitere positive Überraschung des Abends sind die mitwirkenden Amateure: Die Damen und Herren der Kreismusikschule Tirschenreuth liefern im Ballett (Leitung: Sylvia Brauneis) und im Chor eine Performance ab, die auch von Profis schwer zu toppen ist: Die Tänzerinnen trotzen bei ihren Choreographien dem wurzel- und felsdurchzogenen Boden und geben in einer Walpurgisnacht-Szene mit den geschnitzten Hexenmasken des niederbayerischen Holzkünstlers Josef Schmalhofer ein stimmig-gruseliges Bild ab. Und der Chor fügt sich mit starken Stimmen in viele Nummern, auch „Koa Hirtamadl“ gelingt perfekt. Darüber hinaus haben Adina Schöffel und Anna-Maria Beck auch bemerkenswerte Szenen mit solistischen Einlagen. Am tragischen Ende des Stückes ändert das natürlich nichts: Denn was der Watzmann einmal in seinen Klauen hat, lässt er nicht mehr los. Viel Applaus für eine Premiere wie aus dem Bilderbuch.

Vorbericht zum "Watzmann" auf der Luisenburg

Wunsiedel
Info:

Weitere Watzmann-Vorstellungen

  • Coronabedingt finden derzeit zur 75 statt der ursprünglich geplanten 150 Zuschauer Platz am alten Theaterplatz
  • Am vergangenen Wochenende haben bereits fünf Aufführungen stattgefunden
  • Bis vorerst 25. Juli sind noch zehn weitere Aufführungen geplant. Auch Zusatztermine sind noch möglich.
  • Weitere Informationen: www.luisenburg-aktuell.de

 

 

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