22.11.2019 - 13:00 Uhr
KümmersbruckDeutschland & Welt

Beruf: Traveller

Biggi Bauer und Flo Westermann betreiben mit phototravellers.de einen der größten Reiseblogs Deutschlands. Ihre Follower waren dabei, als sie zuletzt 700 Kilometer vom Großglockner zur Adria wanderten. Dabei taten sie Ungewöhnliches.

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Sie sammelten alles an Abfall auf, was ihnen vor die Füße geriet. Im Interview erklären die Journalistin (34), die aus Kümmersbruck stammt, und ihr Partner (39), ein Landschaftsfotograf, wie es dazu kam.

ONETZ: 700 Kilometer in 36 Tagen – das ist eine sportliche Leistung.

Flo Westermann: Ich bin Wanderleiter beim Alpenverein. Aber 36 Tage am Stück waren schon eine Hausnummer. Wir haben keinen Pausetag gemacht. Das ist härter, als man vielleicht auf den ersten Blick denkt.

ONETZ: Und dann haben Sie auch noch Müll aufgelesen?

Biggi Bauer: Wir machen das eigentlich schon immer, nicht erst seit "Friday for Future". Egal, wo wir unterwegs sind, in den Bergen, am Meer, auf der ganzen Welt sammeln wir auf, was auf den Wanderwegen rumliegt. Gemeinsam mit anderen Outdoor-Bloggern haben wir den Hashtag #walkintrashout ins Leben gerufen. Walk in, trash out.

ONETZ: Warum tun Sie sich das an, auch noch fremder Leute Abfall mitzunehmen?

Biggi Bauer: Die Reisebloggerei ist ja an sich nicht nachhaltig. Wir haben aber für uns entschieden, die Welt entdecken zu wollen. Aber wir wollen dafür auch etwas zurückgeben. Wir machen auch Beach-Cleanups. Wenn wir in Mallorca unterwegs sind, legen wir uns nicht an den Strand, sondern nehmen unser Sackerl und sammeln Müll auf. Da kommt man immer mal wieder auch mit Einheimischen ins Gespräch. Dieser Kontakt ist uns für den Reiseblog sehr wichtig.

ONETZ: Lösen Internet-Angebote den klassischen Reiseführer zunehmend ab?

Biggi Bauer: Ja, sicherlich. Aber wir gehen für unsere Tipps eben nicht über den Tripadvisor. Uns ist es wichtig, ums Eck zu schauen. Sehr oft fragen wir Einheimische, beispielsweise nach ihrem Lieblingslokal. Die sagen dann: Aber da geht doch kein Tourist hin! Eben. Genau das suchen wir. Wir nehmen oft einiges auf uns, um besondere Ort aufzuspüren.

ONETZ: Um Ihre 130 000 Blog-Leser im Monat dann genau dorthin zu führen?

Flo Westermann: Wenn es sich um Spots handelt, die ohnehin jeder kennt, die eine Infrastruktur haben, braucht man nichts verheimlichen. Etwa der Grand Canyon. Aber es kommt vor, dass wir in der Natur scouten – etwa in Island – und Dinge sehen, von denen wir noch nie gehört haben. Solche Standorte verraten wir dann nicht. Wir zeigen die Schönheit der Natur in unseren Landschaftsfotografien, aber halten geheim, wo sich die Orte befinden. Die Folgen wären mitunter immens.

ONETZ: Was könnte schon passieren?

Flo Westermann: Ein Beispiel: Ich war gestern in Berchtesgaden und habe einen Fotokurs gegeben. Über dem Königsee gibt es einen Spot, der über Instagram populär geworden ist. Ein Naturpool, von dem man den Blick über den See hat. Da gibt es keinen Weg hin. Die Menschen sind durch das Naturschutzgebiet getrampelt, teilweise abgestürzt. Die Nationalparkbehörde hat jetzt reagiert. Absperren konnten sie das nicht. Also haben sie einen Baum gefällt, der jetzt im Pool liegt. Ich mache sowas nicht: Wenn das ein Naturschutzgebiet ist, dann halte ich mich dran. Ich latsche nicht 100 Meter in ein Brutgebiet wegen eines Fotos.

ONETZ: Ich höre da immer ein wenig heraus, dass Sie sich fürs Reisen entschuldigen?

Flo Westermann: Nein, wir glauben schon, dass Reisen den Horizont erweitert und wichtig ist. Und wer aus verschiedenen Gründen nicht reisen kann, den nehmen wir mit.

ONETZ:

Biggi Bauer: Aber dieses Jahr sind wir tatsächlich bewusst nicht so viel geflogen. Wir waren viel in Bayern unterwegs, Schwarzwald, Österreich, Italien. Auch mit dem Zug sind wir viel gefahren. Wir versuchen schon, einen Ausgleich zu schaffen.

ONETZ: Wie viel Zeit des Jahres sind Sie auf Reisen, wie oft daheim in München?

Flo Westermann: Wir betreiben den Reiseblog jetzt seit zwei Jahren hauptberuflich. Die längste Zeit, die wir zu Hause verbracht haben, waren drei Wochen im August. Zwischen den Reisen kehren wir zur Homebase nach München zurück um das Material für den Blog aufzubereiten. Die Social-Media-Kanäle bedienen wir für unsere Follower von unterwegs.

ONETZ: Wie viele Leute gehen da virtuell mit, wenn Sie – wie zuletzt – von den Alpen zur Adria wandern? Kommunizieren Sie während der Wanderung mit Ihren Anhängern?

Biggi Bauer: Auf Instagram haben wir 18000 Follower. Da kommen täglich ganz viele Nachrichten. Beim Trail sind wir abends jeder eine Stunde dagesessen und haben Fragen beantwortet. Manchmal haben wir auch Fragerunden gemacht. Social Media ist dann schon – in Anführungsstrichen – Arbeit.

ONETZ:

Flo Westermann: Es passiert es uns immer häufiger, dass uns Leute erkennen. In den USA sagten letztes Jahr Leute: Hey, ihr seid doch die Phototraveller?

ONETZ: Haben Sie für den Alpe-Adria-Trail die Quartiere vorgebucht?

Biggi Bauer: Wir haben uns immer am Abend zuvor für den nächsten Tag um ein Quartier gekümmert. Soweit das möglich war. In einem Fall sind wir nach der Tagesetappe an eine urige Hütte gekommen. Die hatte Ruhetag. Wir standen vor der Entscheidung, noch drei Stunden weiterzulaufen oder abzusteigen. Ich habe die Hüttenwirtin angerufen, ob sie nicht doch irgendeinen Tipp hat, wo wir unterkommen könnten. Sie sagte. Mei, jetzt gehst mal zur Hintertür, die ist nicht abgesperrt. Siehst des Bett? Das ist meines. Da dürft’s drin schlafen. Am Wäscheständer hängt Bettwäsche. Und so durften wir in ihre Hütte einbrechen.

ONETZ: Was vermutlich fünf Minuten später im Netz zu lesen war.

Biggi Bauer: Nein, in diesem Fall nicht. Wir hatten kein Internet. Der letzte Stand unserer Leser war, dass wir ohne Unterkunft dastehen. erst am nächsten Tag, 11 Uhr, hatten wir am Berg wieder Empfang. Da ist der Nachrichteneingang richtig explodiert: Wie geht's euch? Habt ihr eine Unterkunft gefunden?

ONETZ: Brauchen Sie nicht manchmal Urlaub vom Urlaub?

Biggi Bauer: Dieses Jahr hatten wir uns bewusst acht Tage nur für uns genommen. Bari, Italien. Und, wie hat das geendet?

ONETZ:

Flo Westermann: Nach ein paar Tagen haben wir uns ein Mietauto genommen. Statt gemütlich im Hotel rumzuchillen sind wir durch die Gegend gehetzt, um uns unbedingt noch dieses und jenes anzusehen. Das Schlimmste für uns wäre, wenn man uns auf eine kleine Insel packen würde, wo es nur Strand und Meer gibt.

ONETZ: Ihr Lieblingsplatz?

Biggi Bauer: Man muss nicht weit weg. Fürs Herz genügt, in der Umgebung zu bleiben. Mir reicht ein Berggipfel bei schönem Herbstwetter.

Zur Person:

Die Phototravellers

Biggi Bauer kommt aus Kümmersbruck in der Oberpfalz (und war 2008 Oberpfälzer Bierprinzessin). Nach dem Studium in Regensburg ging sie nach München, „weil da die Berge einfach näher dran sind“. Ihr Partner Florian Westermann ist Landschaftsfotograf, der schon einige Ausstellungen in Berlin und München bestückt hat.

Ihr Reiseblog Phototravellers.de ist für Abenteurer und Fotografen gedacht. Den Blog gibt es seit 2010. Aktuell verzeichnet er nach Auskunft der Betreiber rund 130 000 Leser und 170 000 Seitenaufrufe im Monat – „Tendenz stark steigend“. In den sozialen Medien wie Instagram, Facebook und Twitter folgen insgesamt rund 50 000 Fans den beiden Bayern.

Biggi Bauer hat berufliche Stationen bei „Antenne Bayern“, beim „Deutschen Anleger Fernsehen“, beim Süddeutschen Verlag und beim Shopping-Sender HSE24 hinter sich. Flo Westermann war unter anderem beim Anlegermagazin „Der Aktionär“ und der Finanzzeitschrift „Euro am Sonntag“ angestellt. Seit 2018 sind sie „Vollzeit-Blogger“: „Wir haben den Sprung ins kalte Wasser gewagt und uns mit dem Blog selbstständig gemacht.“

Wie sich davon leben lässt? Je nach Thema, in dem der eigene Blog angesiedelt ist, gibt es unterschiedliche Strategien. Eine Einnahmequelle sind Affiliate-Links. Wird über die gekauft, zahlt der kommerzielle Anbieter Provisionen. (ca)

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