01.03.2021 - 16:53 Uhr
FreudenbergDeutschland & Welt

Eisfall und brennende Rotoren: Risikocheck für Windanlagen

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Die WAA sei „kaum gefährlicher als eine Fahrradspeichen-Fabrik“ hatte Franz Josef Strauß einmal gesagt. Manche Windkraftgegner halten ein Windrad für gefährlicher als beides. Sind Eiswurf oder Rotorenbrand ein relevantes Risiko?

Ein Schild warnt vor Eiswurf von einem Windrad.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Die erste Windanlage des Landkreises Amberg-Sulzbach entstand 2011 in Freudenberg. „Als bei uns 2008 das Thema aufgeploppt ist, gab es auch erst einmal Widerstand“, erinnert sich Andreas Wilczek, Geschäftsführer der Bürgerwind Freudenberger Oberland GmbH & Co. KG. „Wir waren damals eine lose Interessengemeinschaft und konnten durch sachliche Aufklärung die Wogen glätten.“

Punktlandung nach Fukujima

Ein Gründerquartett ging rasch in die Planungsphase über und finanzierte den Planungsprozess mit eigenem Geld. „Die Lage hat sich vor allem deshalb schnell beruhigt, weil wir als erstes mit den Betroffenen, den Oberlandlern, gesprochen haben, bevor etwas unterschrieben wurde.“ Erst als man einen Flächensicherungsvertrag unterschrieben hatte, kam es zur GmbH-Gründung und im zweiten Schritt zur Erweiterung als Co. KG, in die Gesellschafter Anteile einbringen konnten.

Windkraftanlagen in Oberpfälzer Landkreisen

„Wir haben derzeit 208 Gesellschafter, überwiegend aus der Gemeinde und dem Landkreis“, sagt Wilczek. Die äußeren Rahmenbedingungen kurz nach der Atom-Katastrophe von Fukujima seien günstig gewesen: „Das war am 11. März 2011 eine Punktlandung.“ Beteiligt an der Bürgergesellschaft sind viele Kleinanleger mit je 5000 Euro: „Vom Ertrag profitieren alle und die Gemeinde von der Gewerbesteuer.“ Und weil man wirtschaftlich konservativ geplant habe, wurden die Erwartungen deutlich übertroffen: „Die Anlagen laufen gut, der Windertrag ist besser als zuvor vorsichtig kalkuliert, die regionale Wertschöpfung ist da.“

Ausbau der Windkraft bis 2015

Diesem Pilotprojekt folgten sukzessive bis 2016 im Landkreis 25 Windanlagen: „Amberg-Sulzbach war der zubaustärkste Windanlagen-Landkreis“, sagt Wilczek. „Insgesamt entstanden bis 2015 109 Windkraftwerke oberpfalzweit, danach kamen nicht mehr viel dazu.“ Horst Seehofers 10-H-Regelung bremste den Zubau auf fast Null. „Es kamen nur noch wenige im Landkreis Schwandorf und Tirschenreuth dazu, die vorher genehmigt waren.“ Da die Anlagen in der Regel auf 20 Jahre ausgelegt sind, laufen sie noch 10 bis 15 Jahre.

„Aus technischer Sicht sind wir zuversichtlich, dass unsere Anlage noch darüber hinaus läuft“, sagt Wilczek. „Die Lebenserwartung beträgt 25 bis 30 Jahre, alle vier Jahre wird sie auf Herz und Nieren getestet.“ Bisher habe es nur eine betriebsbedingte Störung gegeben: „Wir mussten Kabeln austauschen, was glücklicherweise in einer windarmen Zeit geschah.“ Und wenn dann doch das Ende der Laufzeit erreicht ist? „Anders als Betreiber von Atomkraftwerken müssen wir den Rückbau komplett finanzieren.“ Bereits bei der Genehmigung der Anlage müsse eine Rückbauverpflichtung inklusive Rückbaubürgschaft vorliegen: „Wir sind verpflichtet, die Anlage abzubauen und den ursprünglichen Zustand komplett wieder herzustellen.“

Prüfer für bis zu 700 Anlagen

Den Betrieb wie auch den Rückbau der Anlage kontrollieren unabhängige, akkredidierte Sachverständige. Einer von ihnen ist Diplomingenieur (TU) Stephan Glocker mit Sitz in Memmingen. „Es gibt sechs Sachverständige für Windkraftanlagen im süddeutschen Raum“, erklärt Glocker, „wir prüfen 600 bis 700 Anlagen bis hoch nach Berlin.“

Der Allgäuer hat sich bereits im Studium mit Windanlagen beschäftigt: „Ich bin ein Urgestein der Windkraft, zuerst in der Erprobung tätig, dann beim germanischen Lloyd, dem TÜV für Windanlagen.“ Inzwischen ist er selbstständig und kontrolliert dabei auch die Oberpfälzer Anlagen.

Was passiert bei Bränden?

„Brennende Rotoren sind zum Glück sehr selten“, sagt Glocker. „Das passiert in Deutschland ein- bis dreimal im Jahr.“ Gemessen an der Anzahl der Anlagen – etwa 30.000 sind im Betrieb – eine verschwindende Größe. „Im schlimmsten Fall brennt die Anlage ab, Menschen oder die Umwelt sind dabei nie zu Schaden gekommen.“ Die örtlichen Feuerwehren werden bei der Errichtung neuer Anlagen geschult: „Sie kennen die Örtlichkeiten, wissen wie man reinkommt.“

Wie gefährlich ist Eiswurf im Winter?

„Die meisten Anlagen haben Sensoren, welche die Anlage stoppen, sobald sich Eis an den Rotorenblättern bildet“, sagt der Prüfer. „10 bis 20 Prozent – wie die Anlage in Freudenberg – haben eine Rotorblattheizung.“ Klirrende, feuchte Kälte mit Eisbildung habe man meist in windschwachen Phasen. „Das planen die Betreiber von vornherein mit ein.“ Dennoch könne es passieren, dass beim Auftauen Eis abfalle. „Bisher ist durch Eisfall noch niemand zu Schaden gekommen.“ Meist stünden Windräder auf Ackerboden, der im Winter nicht bearbeitet würde. Bei Zuwegen muss ein Eisfall-Hinweisschild aufgestellt werden. „Bei der Anlage auf dem beliebten Rodelhügel vor der Allianzarena warnen rote Leuchten, wenn Gefahr auftritt.“

Stellen ältere Anlagen ein Risiko dar?

„Bei Windanlagen verkürzt sich das Prüfintervall nach 20 Jahren“, sagt Glocker, „sie müssen dann nicht alle vier, sondern alle zwei Jahre überprüft werden.“ Beim 20-jährigen Weiterbetriebsgutachten schaue man sehr genau auf alle Komponenten: „Wir prüfen sie auf Herz und Nieren.“ Die Erfahrung zeige, dass sich die meisten Anlagen nach 20 Jahren in einem guten technischen Zustand befänden. „In der Regel geben wir die Anlagen darüber hinaus frei.“

Unter welchen Voraussetzungen werden die Anlagen abgeschaltet?

„Nach der durchschnittlichen Lebensdauer von 30 Jahren kann ein Reparaturstau auftreten, weil die Anlagen schwächer als neuere und deswegen nicht mehr so rentabel sind“, erklärt der Sachverständige. Die Einspeisevergütung nach dem EEG von 7 bis 9 Cent läuft nach 20 Jahren aus. „Der Betreiber muss den Strom danach selbst vermarkten, was nicht einfach ist.“ Auf Grund der geringen Börsenpreise reduzieren sich die Einnahmen auf 3 bis 4 Cent. „Wenn eine große Komponente zur Reparatur ansteht, kann es das wirtschaftliche Aus der Anlage bedeuten.“ Selbst wenn der Betreiber am Standort weiter Strom produzieren will, sei der Abbruch und Neubau günstiger.

Wie werden die Materialien nach dem Rückbau entsorgt?

„Stahl, Kupfer und Beton lassen sich sehr gut recyclen“, sagt Glocker. Für die glasfaserverstärkten Kunststoffe der Rotorenblätter gebe es noch keine ausgereifte stoffliche Verwertung, aber das fällt kaum ins Gewicht. „Die ersten Anlagen sind in der Erprobung.“ In der Praxis seien Rotorblätter nach dem Rückbau noch gut in Schuss: „Die führen oft ein zweites Leben auf dem Gebrauchtmarkt.“ Der Rest würde zurzeit noch geschreddert und thermisch verwertet. Die Fundamente würden durch lokale Abbruchunternehmen zurückgebaut, der Beton meist im Straßenbau wieder verwendet.

Drohen andere Umweltschäden?

„Abgesehen davon, dass bei jeder Maschine Öl austreten kann, besteht keine Umweltgefährdung“, sagt der Sachverständige. „Wenn man in Wasserschutzgebieten baut, muss man den Ölrückhalt verbessern.“ Die Gutachter überprüften vor allem die sensibleren Hydraulikleitungen in der Nabe.

Gibt es Arbeitsunfälle?

„Sehr selten, weil die rund 100.000 Angestellten der Branche gut geschult sind“, sagt Glocker. Ihr Berufsrisiko sei es, in großer Höhe an elektrischen Anlagen zu arbeiten. „Die Berufsgenossenschaften haben eigene Arbeitskreise, die das Arbeiten an Windkraftanlagen behandeln.“

Neue Anlagen produzieren deutlich mehr Strom

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Info:

Perspektive der Windenergie

  • Der aktuelle Beitrag der regenerativen Energien beträgt etwa 50 Prozent am Strom, die Hälfte davon ist Windkraft. Ihr Anteil ist höher als der von Kohle und Kernenergie.
  • Die Zahl der Genehmigungen für Windkraftanlagen ging in allen Bundesländern deutlich zurück. Am stärksten im Saarland, in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg – seit 2015 um 75 bis 100 Prozent. Nur in Norddeutschland gab es im vergangenen Jahr einen leichten Aufwärtstrend.
  • Die Oberpfalz steht in puncto Wind bayernweit an der Spitze. Vor allem der Landkreis Neumarkt, in dem wichtige Windkraft-Unternehmen wie Bögl und Pfleiderer angesiedelt sind, aber auch der Landkreis Amberg-Sulzbach.
  • Eine Vollversorgung durch regenerative Energie halten Fachleute in den nächsten 10 bis 15 Jahren für möglich. Bei Speichern gibt es Fortschritte. Was noch fehlt ist die Ansteuerung der vielen dezentralen Anlagen und ihre Zusammenschaltung zu virtuellen Kraftwerken.
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