Neue Sophie-Scholl-Biografien: Vom Hitlermädchen zur Widerstandskämpferin

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Pünktlich zum 100. Geburtstag sind zwei neue Biografien zum Leben und Wirken der Widerstandskämpferin Sophie Scholl erschienen. Wir haben uns mit den Autoren Maren Gottschalk und Robert M. Zoske über ihre Werke unterhalten.

Franz J. Müller, damaliger Vorsitzender der Weiße Rose-Stiftung (links) und der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber betrachteten im Februar 2003 in der Walhalla bei Donaustauf (Kreis Regensburg) die Büste von Sophie Scholl. Sophie würde über eine derartige Überhohung ihrer Person die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, zitierte Scholl-Biograf Robert M. Zoske Sophies älteste Schwester Elisabeth.
von Anke SchäferProfil

ONETZ: Frau Gottschalk, Herr Zoske, im Mai steht Sophie Scholls 100. Geburtstag an. Wie gratulieren ihr die Biografen?

Maren Gottschalk: Ich werde für die WDR-Radio-Sendung "ZeitZeichen" den Beitrag zum 100. Geburtstag am 9. Mai schreiben. Und am Tag selbst werde ich in Sophie Scholls Geburtsort Forchtenberg lesen. Darauf freue ich mich besonders.

ONETZ:

Robert M. Zoske: An Sophies 100. Geburtstag werde ich als Pastor gemeinsam mit anderen einen Gottesdienst in der evangelischen Ansgarkirche in Hamburg Langenhorn feiern. Da Sophie Scholl die Musik Johann Sebastian Bachs liebte und selber spielte, wird viel von seiner Musik zu hören sein. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR Info) überträgt das live am Sonntag, 9. Mai, um 10 Uhr. So gratuliere ich und danke Gott für sie.

ONETZ: Nachdem Sie sich intensiv mit der Ikone des Widerstands auseinandergesetzt haben: Welche Facette ihrer Persönlichkeit hat bei Ihnen den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen?

Maren Gottschalk: Es ist eher die Kombination ihrer Eigenschaften, die mich fasziniert: Sie war so mutig, selbständig und unangepasst, und dazu hatte sie auch eine sehr selbstkritische und grüblerische Seite. Oft blitzte dann aber ihr Humor auf, und sie konnte sich so innig darüber freuen zu leben. Ich glaube, sie hatte eine sehr präsente Persönlichkeit.

ONETZ:

Robert M. Zoske: Zwei Charaktereigenschaften beeindrucken mich am meisten: Ihre Entschiedenheit, sich für das Gerechte und Gute einzusetzen, sowie ihr Wille, an Gott zu glauben und mit ihm gegen Hitler zu kämpfen.

ONETZ: Frau Gottschalk, Sie haben sich ja nicht zum ersten Mal biografisch mit Sophie Scholls Leben auseinandergesetzt. Auf welche bisher unveröffentlichten Quellen haben Sie nun neu zurückgreifen können?

Maren Gottschalk: Mein neues Buch ist umfangreicher als das erste, und daher habe ich längere Passagen aus den Tagebüchern zitieren können. Das war mir wichtig, weil wir Sophie Scholl durch die Tagebücher so besonders nah kommen können. Oft hat sie ihre Gedanken spontan niedergeschrieben, was man nicht zuletzt auch an der oft schludrigen Handschrift erkennt.

ONETZ: Hatten die Auswertung und die neuerlichen Gespräche mit Zeitzeugen Auswirkungen auf Ihr bisheriges Bild der Widerstandskämpferin?

Maren Gottschalk: In einem Dokumentarfilm entdeckte ich eine Mitschülerin von Sophie Scholl, die heute in den USA lebt. Sie hat mir sehr schöne Details erzählt. Ein Beispiel: Als Sophie erfuhr, dass ihre jüdischen Freundinnen nicht bei der Hitlerjugend mitmachen durften, hat sie sich darüber aufgeregt – das war auch schon länger bekannt. Mrs. Dorzback erzählte mir jetzt aber darüber hinaus, dass Sophie und ihre Freundinnen sich bunte Mützchen gehäkelt haben, um einen „eigenen Club“ zu gründen und so in die Schule zu gehen. Das hat man ihnen natürlich verboten. Diese Geschichte zeigt noch einmal deutlich, wie empathisch und spontan Sophie Scholl war.

ONETZ: Herr Zoske, auch Sie konnten auf bisher unveröffentlichtes Quellenmaterial zurückgreifen. Worum handelt es sich dabei und welche Auswirkungen ergaben sich daraus für das bis dato bekannte Sophie-Scholl-Bild?

Robert M. Zoske: Es sind überwiegend Originalmaterialien aus dem Institut für Zeitgeschichte München und dem Bundesarchiv Berlin, die bisher nur unvollständig ausgewertet wurden. Die Schriftstücke erweitern das Charakterbild Sophie Scholls – im Positiven, wie im Negativen. So war sie viel länger als bisher angenommen ein begeistertes Hitlermädchen. Noch im Frühjahr 1941 engagierte sie sich freiwillig für die Hitlerorganisation „Bund Deutscher Mädel“. Deutlich wird auch, dass ihr angeblicher Einsatz für eine jüdische Klassenkameradin eine Legende ist. Besonders ihre Tagebücher und Briefe zeigen sie als junge Frau voller Selbstzweifel, Schwermut und sexueller Identitätssuche, die aber in den entscheidenden Monaten voller Mut und Gottvertrauen ihrem Gewissen folgt. Ich zeige in meiner Biografie den ganzen Menschen und nicht nur das verklärte Idol.

ONETZ: Sie haben über Sophies Bruder Hans Scholl promoviert und dessen Leben und Wirken in einer Biografie gewürdigt. Wie gewichten Sie eigentlich den einzelnen Anteil der Geschwister innerhalb der „Weißen Rose“?

Robert M. Zoske: Die „Weiße Rose“ veröffentlichte sechs Flugblätter. Rund 65 Prozent dieser Texte sind von Hans Scholl, die anderen Autoren waren Alexander Schmorell und Kurt Huber. Ohne Hans Scholl hätte es die "Weiße Rose" nicht gegeben, aber ohne Sophie hätte es den zweiten Teil des Widerstandes ab Herbst 1942 so nicht gegeben. Sie besorgte das Material für tausende Flugschriften, etwa den Vervielfältigungsapparat, Papier, Kuverts, Briefmarken, Geld. Da wurde sie die Managerin der Gruppe und ermöglichte so erst die weite Verbreitung der Widerstandstexte.

ONETZ: Nach all dem, was Sie an Wissen gesammelt haben: Hätten Sie Sophie Scholl gerne persönlich kennengelernt und wenn ja, worüber hätten Sie sich mit ihr unterhalten?

Maren Gottschalk: Ja, ich hätte sie gerne kennengelernt. Und ich hätte viele Fragen an sie: Wann sie zum ersten Mal erkannte, dass sie mit ihrer Begeisterung für die Hitlerjugend in die Irre gelaufen ist. Wie sie es geschafft hat, als Widerstandskämpferin so verschwiegen zu sein und ihre Schwestern nicht einzuweihen. Ich würde sie auch gerne danach fragen, wie sie ihre Rolle als Frau erlebt hat, in ihrer Beziehung, im Studium und auch in der Widerstandsgruppe. Und was sie mit den beiden Studienfächern Biologie und Philosophie eigentlich beruflich machen wollte.

ONETZ:

Robert M. Zoske: Ich würde ihr – wie ihrem Bruder Hans – gerne heute begegnen. Dann könnten wir uns nicht nur über ihren Widerstand unterhalten, sondern auch darüber, was die Gesellschaft heute daraus und aus ihr macht. Als im bayerisch-germanischen Ehrentempel Walhalla bei Regensburg eine glatt geschliffene Marmorbüste Sophies eingeweiht wurde – als einzigem Mitglied der „Weißen Rose“ – meinte ihre Schwester Elisabeth, Sophie würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn sie habe nie über die anderen der Gruppe hinausgehoben werden wollen. Ich würde Sophie fragen, ob Elisabeth damit recht hat und wie es ihr damit geht, dass nicht ihr Bruder, sondern erstaunlicherweise sie für die treibende Kraft des Münchener Widerstands gehalten wird.

ONETZ: Unabhängig vom anstehenden Geburtstag taucht der Name Sophie Scholl seit einiger Zeit wieder in der Öffentlichkeit auf. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie erleben, dass sich Corona-Demonstranten mit der Widerstandskämpferin gleichsetzen?

Maren Gottschalk: Ich empfinde diese Vereinnahmung als unangemessen und herzlos. Sie verkennt die historische Situation, in der Sophie Scholl gelebt hat, sie verkennt ihren Mut, ihr Engagement und letztlich auch das, wofür sie gestorben ist.

ONETZ:

Robert M. Zoske: Ich wundere mich sehr über die kurzschlüssige, geschichtsvergessene Gleichsetzung der jungen Frau, die sich „wie Sophie fühlt“, weil sie Flugblätter verteilt – aber zugleich schüttele ich den Kopf über die Gedächtniswächter in Sozialen Medien und Politik, die Häme und Verachtung über sie ausgossen. Eine auf Wissen beruhende, selbstkritische Auseinandersetzung mit Sophie Scholl wäre besser. Klar muss sein: Die demokratische Bundesrepublik kann nicht mit dem totalitären Nazi-Deutschland parallel gesetzt werden. Wer heute für seine Überzeugung auf die Straße geht, darf sich nicht mit Sophie Scholl gleichstellen – dazu ist der Unterschied viel zu groß. Aber gerade für Freiheitsenthusiasten, Verweigerer und Protestler kann Sophie ein Hoffnungszeichen sein für Zivilcourage, Empathiefähigkeit und Glaubensmut.

ONETZ: Und insgesamt gesehen: Droht Sophie Scholls Vermächtnis nach so vielen Jahren zum reinen Hüten der Asche zu werden oder lodert die Flamme weiter für die nächsten Generationen?

Maren Gottschalk: Ich bin oft in Schulen und erzähle dort von Sophie Scholl. Dabei erlebe ich die junge Generation als aufgeschlossen für die Geschichte der "Weißen Rose". Die Schüler lassen sich von Sophies Geschichte berühren und machen sich Gedanken darüber, was sie für sich daraus lernen können. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass in der Schule auch genügend Zeit bleibt, um solche wichtigen Geschichten kennenzulernen.

ONETZ:

Robert M. Zoske: Das Gedächtnis an Sophie Scholl wird zwar nicht zur Asche zerfallen, aber es kann zum musealen Denkmal erstarren. Nach ihr sind bereits jetzt inflationär und völlig unverbindlich Hunderte von Schulen und Institutionen benannt. Nur wenn es gelingt, Realität von Legende, Fakt von Fiktion zu trennen, wird Sophie Scholl als selbstbewusste junge Frau heute und zukünftig ein authentisches, lebendiges Leitbild sein.

Ein übergroßes Porträt Sophie Scholls wandert von der FOS/BOS Weiden an die Sophie-Scholl-Realschule

Weiden in der Oberpfalz
Buchcover Gottschalk
Maren Gottschalk.
Das Buchcover der neuen Scholl-Biografie Robert M. Zoskes.
Robert M. Zoske.
Hintergrund:

Die beiden Autoren und ihre neuen Biografien

  • Robert M. Zoske (geboren 1952 in Hohenwestedt) ist ein evangelischer Pfarrer, der mit Publikationen zur Geschichte der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" in Erscheinung getreten ist
  • Zoskes Biografie "Sophie Scholl: Es reut mich nichts - Portrait einer Widerständigen", 448 Seiten, Hardcover, ist im November 2020 im Propyläen Verlag erschienen und kostet 24 Euro
  • Maren Gottschalk (geboren 1962 in Leverkusen) ist eine deutsche Autorin, Historikerin und Journalistin
  • Gottschalks Biografie "Wie schwer ein Menschleben wiegt", 347 Seiten mit 36 Abbildungen, Hardcover, ist im Oktober 2020 im C.H.Beck Verlag erschienen und kostet 24 Euro
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