Den Lesern falsche Versprechungen gemacht

Clickbaiting, so prangert Leseranwalt-Kollege Anton Sahlender an, sei eine "unehrliche Spielart" des Journalismus. Falsche Versprechungen locken Leser in digitale Artikel. Zum Beispiel mit dem Namen Michael Schumacher.

Mit angeblichen Neuigkeiten über den Gesundheitszustand von Michael Schumacher (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2012) versuchen manche Medien Kasse zu machen.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Auf "zdf.de" ist recht gut erläutert, was Clickbaiting ist: "Im Kampf um Aufmerksamkeit müssen Medien die Neugier der Leser wecken. Um dies zu erreichen, arbeiten viele mit sogenanntem Clickbaiting. Das heißt, sie setzen einen Klickköder. Dieser besteht in einer reißerischen Überschrift, die eine Neugierlücke entstehen lässt: Der Leser erfährt gerade so viel an Informationen, um eine Neugier entstehen zu lassen, aber zu wenig, um die Neugierde auch zu befriedigen. Die entscheidende Information versteckt sich hinter einem Klick, im verlinkten Artikel."

"Kontraproduktiv und unseriös ist es, wenn eine Überschrift lockt, die verspricht, was der Artikel nicht hält", sagt Anton Sahlender. Er ist seit vielen Jahren ebenfalls Leseranwalt, und zwar bei der in Würzburg erscheinenden Main-Post. Sahlender ist außerdem Vorsitzender der Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), die es sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben hat, transparent zu machen und zu erklären, wie Journalisten arbeiten.

Auf falsche Fährte gelockt

Dieser Tage wurde "derwesten.de" vom Deutschen Presserat für eklatantes Clickbaiting in gleich drei Artikeln gerügt. Die Redaktion versprach in einer Überschrift Informationen über den Gesundheitszustand des ehemaligen Rennfahrers und mehrfachen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher, der im Dezember 2013 bei einem Skiunfall schwere Kopfverletzungen erlitten hatte und sich seitdem in medizinischer Rehabilitation befindet. Von den in Aussicht gestellten Infos war im zugehörigen Artikel aber nicht mehr die Rede.

Eine weitere Schlagzeile erweckte den falschen Eindruck, dass beim Sänger Michael Wendler eine Trennung von dessen Partnerin bevorstand. In einem dritten Beitrag behauptete die Redaktion, dass die Bundesregierung "geheime Lager" zur Versorgung mit Lebensmitteln in der Corona-Krise angelegt habe. Auch dies entsprach nicht der Wahrheit, da die Notfall-Lager bereits seit langem existieren.

Der Presserat erkannte in der Gestaltung der Überschriften eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 des Pressekodex, unter der es heißt: "Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen."

Clickbaiting, so führte der Presserat weiter aus, schade zudem dem Ansehen der Presse nach Ziffer 1, da mit der Erwartungshaltung der Leserinnen und Leser gespielt und diese bewusst in die Irre geführt würden. Ziffer 1 des Pressekodex besagt: "Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien."

Redaktionen sollten die Nähe zum Leser suchen

Deutschland und die Welt

Es geht auch anders

"Journalisten kündigen digitale Inhalte aber auch fair an, etwa indem sie eine Frage von allgemeinem Interesse stellen, die sie zwar erst im Artikel, aber dann tatsächlich zufriedenstellend beantworten", schreibt Anton Sahlender in einer seiner regelmäßig erscheinenden Kolumnen. Oder es werde die Form des "Cliffhanger" gewählt: "Das heißt, eine Spannung versprechende Szene beginnt in einer Ankündigung, auch Teaser genannt, deren Fortsetzung oder Auflösung folgt aber ebenfalls erst im Artikel." Solche Anreize, legt Sahlender dar, dienten der wirtschaftlichen Notwendigkeit, möglichst große Reichweite mit journalistischen Veröffentlichungen zu erzielen.

Ein großes Ärgernis ist Clickbaiting für den Leser vor allem dann, wenn er in einen Artikel gelockt wurde, dessen Aufruf mit Kosten verbunden war.

Schlagersänger Michael Wendler, meist nur „Der Wendler“ genannt, trägt seine Laura nach der RTL-Tanzshow „Let’s Dance“ auf den Armen. Auf den Arm genommen kommen sich Leser vor, wenn sie mit Klickködern in die Irre geführt werden. Mit Schlagzeilen über Promis funktioniert das besonders gut.
Presserat:

Rügen für Verletzungen des Ansehens der Presse

Der Deutsche Presserat hat im Nachgang zu seinen September-Sitzungen in Berlin (wir berichteten) drei weitere Rügen ausgesprochen. In der zusätzlichen Video-Konferenz beriet er über die Beschwerden, die aus zeitlichen Gründen zunächst nicht mehr behandelt werden konnten.

  • Erfundene Geschichte über Prinzessin Diana

Die Zeitschrift „Freizeit Spass“ erhielt eine Rüge für die Berichterstattung über Prinzessin Diana unter der Überschrift „Das ist ihre heimliche Tochter“. Die detaillierte Geschichte um eine angebliche Tochter der verstorbenen Prinzessin ist komplett fiktiv – basierend auf Veröffentlichungen in US-amerikanischen Medien. Die Redaktion hatte ihre Leser jedoch nicht darüber informiert, dass die Geschichte erfunden war. Der Presserat stellte daher einen schweren Verstoß gegen die Pflicht zur sorgfältigen Recherche nach Ziffer 2 des Pressekodex und gegen das Wahrheitsgebot nach Ziffer 1 fest.

  • Falsches Zitat von Hongkonger Demokratie-Aktivisten

„Bild“ wurde für ein falsches Zitat und damit einen Verstoß gegen die Ziffern 1 und 2 des Pressekodex gerügt. Die Zeitung hatte über das gewaltsame Vorgehen der Hongkonger Polizei gegen Demonstranten berichtet. Unter der Überschrift „Wir stehen zu Hongkong“ heißt es, der Demokratie-Aktivist Joshua Wong appelliere an Deutschland: „Ich bitte die deutsche Re-gierung: Schaut auf Hongkong, seht, was hier passiert und nennt das Unrecht beim Namen!“

Wong selbst bestritt über Twitter, dass er der Redaktion in diesem Kontext ein Interview gegeben habe und erklärte, das Zitat stamme auch nicht aus früheren Interviews. Hier wird nach Ansicht des Beschwerdeausschusses nicht nur gegen die Pflicht zur Zitierwahrheit und -klarheit verstoßen, sondern der Dissident wird durch die ihm zugeschriebene, kritische Äußerung über die chinesische Staatsmacht auch gefährdet.

  • Leid von Opfern lächerlich gemacht

Ebenfalls gerügt wurde die Online-Ausgabe der „B. Z.“ für die Berichterstattung über eine Gasexplosion in einem arabischen Restaurant, bei der vier Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Die Überschrift des Beitrags lautete: „Flambierter Döner? Schnellimbiss in der Sonnenallee explodiert“. Die Redaktion änderte den Titel später. Der Ausschuss sah in der Überschrift, die das Leid der Opfer ins Lächerliche zieht, eine schwere Verletzung des Ansehens der Presse nach Ziffer 1 des Pressekodex.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.