Meinung: Kirche im Dorf, Kippa am Kopf lassen

Juristisch schlägt die Debatte um das Kopftuch hohe Wellen. In der Praxis geben religiöse Symbole am Arbeitsplatz selten Anlass zu Konflikten. Jürgen Herda plädiert deshalb im Zweifel für die Religionsfreiheit.

Ein Mann mit Kippa vor der Neuen Synagoge. Das Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin hatte zu der Aktion unter dem Motto «Wir stehen an Eurer Seite!» aufgerufen, um ein Zeichen gegen Antisemitismus und Hass zu setzen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Ja, es gibt Fälle, in denen Äußerlichkeiten fehl am Arbeitsplatz sind: Ein ganzkörper-tätowierter Punk sollte seine antikapitalistische Haltung vielleicht nicht am Bankschalter ausleben. Ein Sozialkundelehrer mit Partei-Anstecker im Unterricht kommt ebenfalls nicht neutral rüber. Aber muss man einen Priester, einer Muslima mit Kopftuch oder einen Juden mit Davidstern missionarischen Eifer unterstellen?

Kippa gehört zu Deutschland

Die Haltung der Gewerkschaft ist da eindeutig: „Im Grundgesetz ist die Religionsfreiheit ein hohes Gut“, sagt Weidens DGB-Vorsitzender Josef Bock. „Nur wo Sicherheit und Hygiene gefährdet sind, kann es Einschränkungen geben.“ Ansonsten sollten die Tarifparteien mit großem Augenmaß agieren. Genauso geht Toleranz: Die Kirche im Dorf lassen.

Ein guter Pfarrer will seine Mitmenschen nicht bekehren, sondern er kümmert sich um ihre Nöte. Eine Muslima mit Kopftuch ist den Käufern von Toilettenartikeln im Drogerie-Markt zuzumuten. Und die Kippa im öffentlichen Raum gibt Anlass zu ganz anderen Sorgen: Wenn sich Juden 76 Jahre nach Ende des nationalsozialistischen Völkermords nicht mehr mit ihrer Kopfbedeckung auf deutsche Straßen trauen, ist es unsere gemeinsame Verantwortung klar zu machen: Die Kippa gehört zum Glück wieder zu Deutschland!

Kopftuch-Urteil des EuGH: Wenig Konflikte in der Oberpfalz

Weiden in der Oberpfalz
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Kommentare

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Brigitte Frank

Es geht nicht allein um das Recht muslimischer Frauen ihren Glauben in Deutschland am Arbeitsplatz sichtbar zu machen. Das muslimische Kopftuch ist weniger ein religiöses, als ein kulturelles Symbol. Die Verhüllung der Frau ist im Kontext einer patrilinearen Gesellschaftordung zu sehen, zu der auch der arabische Kulturrraum gehört. Die Verhüllung des weiblichen Körpers und auch die Absonderung der Frau (in allen Varianten) hat die Funktion, die weibliche Sexualität zu kontrollieren, d. h. wer der Vater der Nachkommen der Frau ist muss zweifelsfrei feststehen. Dies gilt im Kern immer noch für das Kopftuchverbot im Islam. Das islamische Kopftuch kann auch Zeichen der Unterdrückung der Frau gedeutet werden. Das Kopftuch ist auch Ausdruck des poltischen Islam. Und was ist mit dem Recht der Eltern, wie im Fall der Hamburger Kindertagesstätte, auf eine religiös-neutrale Erziehung ihrer Kinder? Toleranz hat zwei Seiten, und es gibt auch das Recht der negativen Religionsfreiheit.

20.07.2021