12.03.2021 - 15:45 Uhr
BurglengenfeldDeutschland & Welt

Kult-Disco Sound: Wo die ganz wilden Rocker feierten

Das Sound gibt es seit rund 40 Jahren. Die goldenen Zeiten sind aber längst vorbei. In den 80ern feierten berüchtigte Rocker, linke Rebellen und die Jugend in der Burglengenfelder Disco. Den Soundtrack lieferten DJ Stinks Rock-Raritäten.

Das Sound in Burglengenfeld war in den 80ern das Herz des Oberpfälzer Rock.
von Julian Trager Kontakt Profil

Wenn die Harleys über den Marktplatz knisterten und donnerten, dauerte es nicht mehr lange, bis die Rocker in die Disco kamen. Die Männer mit den langen Haaren, den Tätowierungen, den Muskeln und den schwarzen Stiefeln. Die "Ghost Angels" aus Maxhütte-Haidhof. Der mittlerweile verbotene Rockerclub MC Falkenstein um Boss "Duff Kong". "Teilweise schlimme Finger", sagt der langjährige Sound-Chef Hans Dechant heute über einige seiner Stammgäste in den 80ern und meint damit vor allem die Falkensteiner. Bei denen ging es um Drogenhandel, Gewalt und Mord. Aber im Sound, so erzählt es Dechant, führten sie sich anständig auf. "Ihre Rivalitäten haben die Banden woanders ausgetragen", sagt er. "Bei uns wollten sie einfach nur gute Musik hören." Musik, die es damals nur im Sound zu hören gab.

Musikalisch war die Disco am Burglengenfelder Marktplatz in den 80ern eine Ausnahmeerscheinung. Das Oberpfälzer Herz des Rock. Wer damals gute und seltene Rockmusik hören wollte, musste ins Sound. Viele Lieder wurden nirgendwo anders in der Region gespielt, in keiner anderen Disco und schon gar nicht im Radio. Die Leute kamen aus halb Bayern. Furth im Wald, Neumarkt, Nürnberg. Das lag vor allem an Josef Baldauf, den alle nur als DJ Stink kennen. "Der Stink hat das Sound geprägt", sagt Dechant. Der Stink habe das Sound in einen Rock-Schuppen verwandelt. Anfang der 80er lief noch die Neue Deutsche Welle. Der goldene Reiter war hoch auf der Leiter und Markus gab Gas. "Der Stink hat für die Musik gelebt", sagt Hans Dechant, der die Disco mit Alois Vögerl von 1981 bis 2018 führte und sie dann an Sandro Steger abgab.

Pro Woche 500 Mark für Platten

"Der Hans und ich sind mal nach Los Angeles geflogen, in die City of Rock-'n'-Roll", erzählt DJ Stink. Zwei Wochen - nur um Schallplatten zu kaufen. Dort gab's die besten, und die kosteten fast nichts, 49 Dollar-Cent pro Platte. "Wir waren nasch unterwegs." Die meiste Arbeit hat ein DJ sowieso unter der Woche, sagt der Stink. 50 Platten musste er im Schnitt durchhören, bis er eine gute fand, die fürs Sound taugte. "Jede Woche haben wir um die 500 Mark für Schallplatten ausgegeben", sagt Dechant. Davon ging das meiste für Rockmusik drauf. "Raritäten, die selten wie die Sau waren", erzählt DJ Stink. Harlequin, Tom Cochrane, Toy, Russ Ballard und Rob Grill - "Rock Sugar". Natürlich lief auch anderes Zeug: was zum Tanzen, Hitparade, Hip-Hop. Aber hauptsächlich Rock.

Als das Sound 1979 eröffnete, war die Disco-Landschaft noch eine andere als ein paar Jahr später. "Damals hat es jede Disco vermieden, Rocksongs zu spielen", sagt Dechant. Zieht nur die Rocker an, hieß es. "Das waren damals wirklich Asoziale und Schläger", meint Dechant. Aber er, Partner Alois Vögerl und der Stink trauten sich. "Das hat natürlich das Klientel angezogen." Aber im Sound waren die Wilden brav. "Zu denen hast auch was sagen können", meint Dechant. Und als es später hieß, die Kutten müssen runter, folgten die Rocker. "Dann stand halt nicht der von den Falkensteinern drin, sondern der Sepp und der Fritz." Auf dem Marktplatz in Burglengenfeld reihten sich damals die Harleys aneinander. "Das war Wahnsinn", staunt Dechant noch heute darüber.

"Wir sind hauptsächlich wegen der Musik ins Sound", sagt der frühere Falkensteiner Rockerboss "Duff Kong" heute. "Natürlich waren da auch ein paar scharfe Bräute drin." Und den Hans, den konnten sie auch gut leiden. "Der hat uns mehr oder weniger akzeptiert", sagt der Rocker aus dem Landkreis Schwandorf, der wegen Drogenhandels mehr als zehn Jahre im Gefängnis saß. Am Anfang habe es zwei, drei Mal Ärger gegeben, erzählt er. Nichts Großes. "Ein blaues Auge, ein paar baue Flecken", meint "Duff Kong". "Waren ja keine Gegner drin." Danach war Frieden. "Das Sound war die ruhigste Disco für uns. Da hatten wir am wenigsten Gwirch." Er und seine Leute, immer zwischen zehn und fünfzehn Mann, hätten schon dafür gesorgt, dass es nicht ausartet. "Wenn wir in die Disco kamen, hat jeder gewusst, was Sache ist."

Mehr über Rockerboss "Duff Kong"

Bruck

Die WAA-Rebellen waren auch da

Goldene Zeiten waren das in den 80ern. Von Mittwoch bis Sonntag strömten jeden Tag Hunderte Menschen übers Pflaster durch den zehn Meter langen Korridor ins Sound, vorbei an der Kasse, Eintritt fünf Mark. Die Männer tranken Weizen, die Frauen "Tommy", Kirschlikör mit Apfelsaft. Freitags kamen immer mehr als Tausend Leute, es war einer von Stinks Tagen. Rund 700 Stammgäste zählte Dechant damals. Die Rocker mit den schönen Frauen. Der Michi mit seinem ZZ-Top-Bart. Der Fuzzi, der ständig mit nacktem Oberkörper tanzte. "Was hat der mich geärgert", sagt Dechant. Der Fuzzi galt als erster Punker Burglengenfelds.

Natürlich gingen auch die Anti-WAA-Demonstranten ins Sound. "Die linke Szene hatten wir auch drin", sagt Dechant. "Auch das Rauschgift." In der Woche vorm "Anti-WAAhnsinns-Festival" war in Burglengenfeld die Hölle los. Mehr als 100 000 Menschen kamen. Am Mittwoch, ein paar Tage vor seinem Konzert, schaute Udo Lindenberg im Sound vorbei, erzählt der Ex-Disco-Chef. Am Wochenende selbst durfte sein Laden nicht öffnen. Der Stadtrat machte Druck, das Konzert war politisch höchst umstritten. "Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich nicht aufgemacht habe", meint der heute 65-Jährige. Wurscht, längst vorbei. "Waren auf jeden Fall wilde Zeiten damals", sagt er. Es gab keine Einlasskontrollen, keinen Türsteher, jeder kam rein. Für Ordnung sorgten Dechant und Vögerl. "Die Leute haben gefolgt." Warum? Vielleicht die Musik, die damals nur im Sound zu hören war.

"Die Schallplattenbörsen haben sich alle nach uns gerichtet", erinnert sich DJ Stink. Alles was im Sound gespielt wurde, war gefragt. "Die Leute sind mit einem Kassettenrekorder in die Disco, um die Lieder aufzunehmen", erzählt der Stink, der jahrelang im Sound auflegte. Permanent sei er am DJ-Pult gefragt worden, was er denn gerade spielt. "Ich habe immer geantwortet: 'Festus Electricus von Manchester United.'" Klappte sehr oft, der Scherz. Am Montag hätten ständig Leute beim Müller in Schwandorf danach gefragt. "Dort wusste man dann schon, was los war", erinnert sich der Stink und lacht.

DJ Stinks Hits in den 80ern im Sound

"Sind unserer Linie treu geblieben"

In den 90ern begann das Sound an Bedeutung zu verlieren, genau wie die meisten anderen Diskotheken in Deutschland. Der Siegeszug des Privatfernsehens traf die Discos hart, erzählt Dechant. Plötzlich hatten die Leute einen Grund, abends daheim zu bleiben. Dann kamen die Großraumdiscos, die die kleinen Läden einfach platt walzten, die mit Dumping-Preisen lockten. "Die Discos sind die neuen Aldis der Gastronomie. Nirgends kannst billiger saufen", sagt Dechant. Dann kam das Rauchverbot. "Das hat nachhaltig geschadet." Nach dem Rauchen draußen, so der 65-Jährige, ist alles weg, die eigene Stimmung, der Platz an der Bar, der Flirt. Und dann war da noch die Technik. Dank CDs und MP3 verlor die Musik seine Exklusivität, war immer und überall verfügbar. Lieder, die nur im Sound liefen, gab's nun nicht mehr.

Das Sound hielt trotzdem stand. Ringsum haben in den vergangenen 40 Jahren zig Discos aufgemacht. Manche änderten Namen und Konzept, andere wurden zu Spielhallen, die meisten verschwanden nach wenigen Jahren. Das Sound steht bis heute, fast unverändert, am Marktplatz in Burglengenfeld. "Andere Läden versuchten, den Zeitgeist nachzujagen", erklärt Dechant. "Wir sind unserer Linie immer treu geblieben." So gut es geht, denn freilich hat sich auch das Sound weiterentwickelt. Mehr Party-Musik, weniger Rock. Die goldenen 80er sind halt längst vorbei. "Das war schon nasch damals", sagt der Stink über die wilden Jahre. "Wer nicht dabei war, der hat was verpasst."

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