Brutal und zärtlich

Gerade drei Alben hatte Marla Glen veröffentlicht gehabt, schon schob ihre Plattenfirma 1998 eine Hit-Sammlung nach. Glen war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Doch das schien nicht der einzige Grund für jene Kompilation.

Sinnlich und voller Lebenslust: Die Sängerin Marla Glen.
von Autor MFGProfil

Marla Glen war und ist eine Ausnahmekünstlerin mit extremem Lebenswandel. Crack, Schnaps und Heroin gehören seit jeher zu ihrem Alltag genauso wie die häufig vergebliche Liebe zu schönen Frauen, bevorzugt Models, die der herben Schönheit mit der sensibel-verletzlichen Seele meist wenig Beachtung schenkten.

Jedenfalls hatte das Plattenlabel Angst, dass Glen ihr viertes Werk nicht beenden könnte - was gottseidank nicht der Fall war. Jetzt, über zwei Dekaden später, ist die jüngst 60 gewordene burschikose Wilde nach wie vor zugegen. Und hat mit "Unexpected" (Mohr Publishing) ein grandioses Werk voller Passion vorgelegt. Offensichtlich braucht es einen Hang zu Depression, Destruktivismus und Melancholie, um dermaßen berührende Lieder wie jene Diva aus Chicago, die seit etlichen Jahren in Deutschland zu Hause ist, intonieren zu können.

Anzug und Hut

Die kleine Frau mit der Vorliebe für Männeranzüge und schneidige Hüte darf sich als moderne Ausgabe der legendären Jazz-Diva Billie Holiday betrachten. Keine andere Sängerin lebt und singt den Blues intensiver, keine bringt kraft ihrer brutalen wie zärtlichen Stimme Stilrichtungen wie Chanson, R & B, Jazz und Cajun besser zusammen. Dass dabei Strandgut für Charts und die große Masse zustande kommt, verwundert - aber auch geniale Existenzialisten wie Joe Cocker, Tom Waits oder Jeff Buckley hatten bzw. haben ein nicht unbeträchtliches Publikum, das solche existenzielle Musik vergöttert.

Ein telefonisches Interview mit Marla Glen ist eine Herausforderung für die Trommelfelle des Anrufers - viel Geschrei, Gelächter, Gekreische. Umwerfend, lebendig, anstrengend. "Ich brauche meine Stimme nicht trainieren", krächzt die Verwegene ins andere Ende der Leitung. "Sie ist, wie sie ist. Ab und an gurgle ich mit Whiskey", lacht die Unerschrockene. "Damit halte ich die Sache am Laufen."

Marla Glen definiert sich nicht als Blues-Interpretin, "obwohl ich Typen wie Muddy Waters oder John Lee Hooker über alle Maßen verehre", schwärmt sie. "Aber nur Blues intonieren? Das wäre mir zu langweilig. Meine Stimme benötigt Raum für all die wundervolle Musik, die es auf dieser Welt gibt." Im Frühjahr erscheint die bewegte Vita von Glen als Biografie. "Meine Kusine hat das Ding verfasst, sie ist Journalistin", erzählt die Unverwüstliche. "Sie kennt meine Historie vermutlich besser als ich selbst. Es geht viel um Musik. Und um Drogen und Alkohol. Aber vor allem um jede Menge Ladys, die ich flach gelegt habe. Oh Boy - es waren verdammt viele..." Das Trommelfell des Zuhörers ist am Anschlag bei diesem Gelächter. Und es freut sich über diese Ausgeburt an Leben.

Stimm-Untiefen

"Schon mit fünf Jahren hatte ich diese brutale, markerschütternde Stimme", erklärt Glen. "Meine Mutter war entsetzt darüber, weil bereits als Kind meine Stimme wesentlich tiefer war als die meines Bruders. Aber was konnte ich dagegen tun? Ich entschied mich fürs Singen als Gegenkurs. Was zur Folge hatte, dass ich in noch tiefere Stimm-Untiefen vordrang."

Neben ihrem unverwechselbaren Sangesorgan ist Marla Glen vor allem für ihr maskulin-elegantes Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit berüchtigt. "Ich mache mir nie Gedanken über mein Image", beteuert die 60-Jährige. "Mag sein, dass ich in den Augen mancher Menschen verrückt aussehe. Doch das liegt einzig daran, dass ich eine verrückte Person bin. Deshalb muss ich mir keine Gedanken über mein Outfit machen. Ich schaue an manchen Tagen wie ein gefährlicher Vorstadt-Zuhälter aus. Aber zu Hause lasse ich mich gerne gehen, trage ausgeleierte Turnhosen, bin lieb, koche und putze für meine Partnerin. Offensichtlich bin ich eine schizophrene Person, nicht wahr", giggelt sie.

In etlichen der "Unexpected"-Songs spielt Gospel eine wesentliche Rolle. "Was zu bedeuten hat, dass ich eine gläubige Person bin", stellt Marla Glen fest. "Meinem Herrn habe ich alles zu verdanken. Auch wenn ich in der tiefsten Scheiße lag - er hat mich immer wieder raus gezogen. Denn er hat mir das Geschenk gemacht, eine talentierte Sängerin zu sein. Und Musiker geben niemals auf!

Allerdings glaube ich an einen Gott jenseits irgendwelcher Konfession. Ich habe einen direkten Draht zu ihm. Lehrbücher brauche ich keine. Und auch kein spirituelles Bodenpersonal. Lieber singe ich. Und bin dann jedes Mal wieder meinem Schöpfer ganz nahe."

Cover der neuen CD "Unexpected".
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