22.11.2019 - 22:45 Uhr
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Raser darf weiter Motorrad fahren

Das Urteil im Raserprozess von Deggendorf ist gefallen: Ein Audi- und ein Motorradfahrer, die sich im Bayerischen Wald ein wahnsinniges Rennen lieferten, müssen für fünf Jahre ins Gefängnis.

Die Angeklagten (links) und (3. von links) sitzen im Verhandlungssaal des Landgerichts neben ihren Verteidigern Thomas Krimmel (rechts) und Hubert Seidl.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Verhandlung am Landgericht Deggendorf: Nachweis eines illegalen Rennens?

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Die Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft können gegensätzlicher nicht sein: Wegen unerlaubten Rennens und schwerer fahrlässiger Körperverletzung mit Todesfolge fordert der Staatsanwalt sechseinhalb Jahre Haft und lebenslangen Entzug des Führerscheins für den Motorradfahrer und sechs Jahre Haft sowie fünfjährigen Entzug des Führerscheins für den Audi-Fahrer. Für Letzteren plädiert dessen Anwalt auf zwei Jahre auf Bewährung. Der Anwalt des Motorradfahrers sieht sogar lediglich eine Geldstrafe als angemessen an.

Zwei Stunden appelliert der Staatsanwalt an das Deggendorfer Landgericht, beleuchtet im Detail das aberwitzige Rennen, das sich der 28-jährige suspendierte Bundespolizist in einem roten Audi TT RS und der 54-jährige Maurer auf seiner schweren gelben Maschine lieferten – lebensgefährliche Überholmanöver in rascher Abfolge.

„Der Papa ist im Himmel“

Illegales Rennen zerstört eine Familie

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Mit 120 Stundenkilometern raste der Jüngere mit seinem 400-PS-Schlitten in eine Kurve, verlor die Kontrolle, touchierte zunächst ein entgegenkommendes Fahrzeug, um dann frontal mit einen entgegenkommenden alten Opel zu kollidieren. Dessen 38-jähriger Fahrer starb an der Unfallstelle, sein damals zehnjähriger Sohn überlebte schwerstverletzt und ist seitdem geistig und körperlich schwerbehindert.

Die Witwe hatte im Verfahren ergreifend ausgesagt, wie sie vom tragischen Unfall erfuhr: durch gepostete Facebook-Bilder. Stunden später die Gewissheit, der Mann war tot, der Sohn schwebte in Lebensgefahr. Der kleinen Tochter musste sie die Tragödie kindgerecht erklären: „Der Papa ist im Himmel.“ Die 4-Jährige wünschte sich Flügel: „Ich muss in den Himmel fliegen.“

Klackern der Gehschiene

Beim Auftritt des behinderten Jungen konnte man eine Stecknadel fallen hören: Das Klackern der Gehschiene, die der 11-Jährige wohl ein Leben lang tragen muss. Seine kurzen Antworten. Die naive Hoffnung auf die Frage des Richters, wie er meint, dass es mit seinem Bein weitergeht: „Irgendwann wacht mein Bein auf, dann brauche ich die Schiene nicht mehr.“

Die deutlichste Reaktion der Angeklagten war aber nicht bei diesen Aussagen zu bemerken. In Tränen brach der Polizist aus, als seine Psychologin die Folgen für sein eigenes Leben schilderte: Der junge Mann habe seinen Arbeitsplatz verloren, werde von den Ex-Kollegen geschnitten, leide unter einer Art posttraumatischer Belastungsstörung. Vom Maurer war über die gesamte Verhandlungsdauer keine Gefühlsregung zu erkennen. Emotionen zeigte stattdessen seine Frau, die die Aussage verweigerte, aber unter Tränen sagte, es täte ihr alles so leid.

Zwei Verteidigungsstrategien

Zwei Verteidiger, zwei unterschiedliche Strategien: Der junge Beamte schien besser beraten, räumte das Rennen ein, zeigte mit einem Kondolenzschreiben gleich nach der Tat, mit monatlichen Zahlungen von 500 Euro und einer Einmalzahlung von 25.000 Euro guten Willen, zu einem Täter-Opfer-Ausgleich zu kommen. Sein Anwalt beschränkte sich darauf, die Aussagen der Zeugen zu relativieren: Ob diese das Geschehen objektiv beurteilen könnten, wie lange sie es verfolgt hätten. Unter Berücksichtigung des einwandfreien Leumundes wäre deshalb eine Bewährungsstrafe angemessen.

Anders die Verteidigung des Motorradfahrers: Er bestritt die Absicht eines Rennens, lediglich die Fahreigenschaften des neuen Audis habe man testen wollen. Der Unfall als tragisches Unglück, das Entfernen vom Unfallort lediglich eine Folge des Schockes. Sein Mandant sei deshalb nur mit einer Geldstrafe zu belangen.

Milde beim Führerscheinentzug

Das Urteil liegt in puncto Freiheitsstrafe in etwa auf der Linie der Staatsanwaltschaft, die mit der Höhe auch leben könnte. Was sowohl diese als auch die Nebenklage schwer enttäuscht, ist die Handhabung des Führerscheinentzugs: „Jeweils dreieinhalb Jahre bedeuten, dass beide nach zu erwartender vorzeitiger Haftentlassung sofort ihren Führerschein wieder beantragen können“, kritisiert Rechtsanwalt Marko Heimann, der die Witwe vertritt.

Der Nebenklagervertreter hatte außerdem an den Maurer appelliert, weitere 40.000 Euro Wiedergutmachung für die lebenslangen Belastungen der Opfer zu bezahlen: „Der Motorradfahrer hat ein eigenes, schuldenfreies Haus, einen Bausparer über 115 000 Euro, dieses Geld ist sowieso weg, weil es sich die Krankenkassen und Versicherungen zurückholen“, begründet Heimann den Vorschlag. „Da wäre dem Jungen besser geholfen.“ Mit diesem Ansinnen sei er gescheitert. „Die haben einfach gar nicht darauf reagiert.“ Ein kleiner Trost: Ein Starnberger Augenarzt habe sich gemeldet, der sich die Sehbehinderung des Jungen anschauen möchte. „Und eine Firma hat aus Mitgefühl spontan zwei VIP-Karten für ein Bayern-Spiel gespendet, um dem kleinen Fußball-Fan eine Freude zu machen.“

Eine Woche bleibt Zeit, um über eine Revision nachzudenken: „Wir werden uns mit der Staatsanwaltschaft abstimmen“, bittet Heimann um Bedenkzeit.

Kommentar zum Deggendorfer-Raser-Urteil:

Nehmt den beiden ihr Spielzeug!

Das Leid der Familie ist unbeschreiblich: Ein fürchterlicher Moment und ein ganzes Leben scheint zerstört. Weil zwei PS-Narren ihren Geschwindigkeitsrausch ausleben, stirbt ein Familienvater, ist ein Junge schwerbehindert, muss eine Mutter alleine für zwei Kinder aufkommen – die seelischen Wunden sind da noch nicht eingerechnet.

Die Versuchung, eine härtere Strafe zu fordern, ist groß. Für die Unfallverursacher dürfte das Strafmaß freilich dennoch ein Schock sein: Ihre Verteidigung hatte sich gegen Freiheitsstrafen gestemmt, auf das straffreie Vorleben verwiesen. Fünf Jahre Gefängnis sind kein Pappenstiel, selbst wenn am Ende zur dreieinhalb Jahre abzusitzen sind.

Man schreibt bei so einem Prozess leicht: Die Angeklagten nahmen das Urteil ohne Regung entgegen. Es wäre unredlich, das automatisch mit emotionslos gleichzusetzen. Als gefühlskalt wurde immerhin der Motorradfahrer von Polizeibeamten beschrieben. In Menschen kann man nur schwerlich hineinschauen. Was nach außen reglos wirken mag, kann vor Scham versteinert sein. Was nach außen Reue zu signalisieren scheint, kann eben so gut gespielte Taktik sein.

Was zählt sind die Fakten: Zwei erwachsene Männer riskierten auf einer öffentlichen Straße das Leben mehrerer Menschen – sei es bewusst oder aus Dummheit. In beiden Fällen kann man nur zu dem Schluss kommen, dass sie für den Führerschein nicht geeignet sind. Die eigentliche Strafe müsste lauten: Nehmt ihnen ihr Spielzeug – nie wieder sollten diese zwei Männer mit 400-PS-Mördermschinen auf Menschen losgelassen werden.

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