23.10.2020 - 14:06 Uhr
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Mutter enttäuscht: Peggys Mörder wird nicht länger gesucht

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Die Indizien reichen nicht aus. Peggys Mutter versteht es nicht: Zahlreiche Spuren weisen auf Manuel S. hin, aber er wird nicht angeklagt. Wird der Mörder ihrer Tochter je gefunden und verurteilt?

„Mordfall Peggy – Der Mörder ist noch unter uns“: Sat 1 zeigt am 9. November 2020, 20.15 Uhr, eine Doku mit diesen Titel. Einer der mysteriösesten Mordfälle in Deutschland bewegt nach wie vor die Menschen. Er bleibt ein Rätsel. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt.
von Autor FPHProfil

Von Otto Lapp

Wütend sei sie, sagt Susanne K. (47). Weil "der Tatverdächtige einfach so davonkommen soll". Jener Manuel S., der all die Zeit wusste, wo die Überreste ihrer Tochter Peggy lagen. Der wusste, dass das Kind längst nicht mehr lebte, als sie das noch gehofft hatte. "Was sagen Sie Peggys Mutter?" Diese Frage stellten Reporter Manuel S., als er im November 2018 unter einem Tuch verborgen dem Richter vorgeführt wurde, der ihn in Untersuchungshaft schickte. "Herr S., was sagen Sie Peggys Mutter?" S. zog die Decke über den Kopf, abgeschirmt von Polizisten, die ihn die Treppe im Justizgebäude hinabführten. Er hatte keine Botschaft für Peggys Mutter. Aus der Untersuchungshaft kam der zweifache Familienvater wenig später, an Heiligabend.

Die Entscheidung eines Bayreuther Richters ist bis heute hoch umstritten. Der Bestatter aus Marktleuthen blieb frei. Eine Anklage wegen Mordes an Peggy wird es nicht geben. 450 Aktenordner, mehr als 100 000 Seiten insgesamt, 6400 Spuren, auch nach Tschechien und in die Türkei, mehr als 3600 Vernehmungen, hunderte Telefonüberwachungen, medizinische und wissenschaftliche Untersuchungen - doch die Beweislage ist zu dünn. "Nicht ausreichend", so die Presseerklärung der Staatsanwaltschaft. Der Tatverdacht, beruhend auf einer Indizienkette, reiche nicht aus.

Was an jenem trüben Montag, 7. Mai 2001, geschah, hat die vorerst letzte Sonderkommission nicht herausfinden können. Die Ermittler aber waren sich sicher, dass sie die handelnden Personen kennen. Manuel S. war schon den Ermittlern der Soko 1 als verdächtig aufgefallen, doch sein fehlendes Alibi bemerkten sie nicht. Erst 2018.

Erdrückende Beweise?

Die Indizienkette, die zu S. führte, und unter Leitung des Bayreuther Ermittlers Uwe Ebner geschmiedet wurde, erscheint auf den ersten Blick erdrückend. 2016 fand ein Pilzsammler in einem Fichtenwäldchen bei Rodacherbrunn an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze die sterblichen Überreste des Mädchens. Wochenlang durchsuchten Polizisten den Wald, schleppten säckeweise Erde zum Analysieren heraus. Zudem bezogen die Ermittler wissenschaftliche Disziplinen ein, die außerhalb üblicher Ermittlungsroutine stehen, wie die Auswertung von Torf-, Pollen- und Farbpartikelspuren.

Die Spuren am Fundort sowie die Neubewertung bereits bestehender polizeilicher Feststellungen rückten S., der zur Tatzeit im Alter von 24 Jahren in Lichtenberg gewohnt hatte, erneut in den Fokus. Die Renovierungsarbeiten an seinem Haus, fast direkt neben Peggys Zuhause, deckten sich mit den Spuren im Wald. Und Peggy war, als sie zum letzten Mal gesehen wurde, in unmittelbarer Nähe des Hauses von S.

"Wir haben Sie am Arsch", sagte der Staatsanwalt am 12. September 2018, als er S. fast zehn Stunden lang vernahm. Dort räumte er ein, die Leiche von dem Gastwirtssohn Ulvi K. übernommen zu haben. An der Bushaltestelle in Lichtenberg, am Nachmittag. Die Ermittler konstruierten aufgrund der Spuren, von S. Aussage und eines restaurierten Tonbandes den Tathergang: S., K. und Peggy sollen sich getroffen haben, ein Missbrauch sei geplant gewesen, es soll zum Streit gekommen sein, das kleine Mädchen soll zum Schweigen gebracht worden sein, der Mund sei ihm zugehalten worden, bis es kaum noch geatmet haben soll. S. versucht sie vergeblich wiederzubeleben, das sagte er in seinem in der Zwischenzeit widerrufenen Geständnis. Daraufhin soll er seinen goldfarbenen Audi 80 geholt haben, das Kind, das noch leicht geatmet haben soll, in eine Plane eingewickelt haben. Da sei es erstickt.

S. hat nach eigenen Angaben in seinem inzwischen widerrufenen Geständnis die Leiche zu der Fichtenschonung gefahren haben und verscharrt. Gefunden wurde nur das Skelett des Oberkörpers. Weder Jacke noch Hose wurden gefunden, nur die schwarzen Plateau-Schuhe des Mädchens. Daraus schlossen die Ermittler auf ein Sexualdelikt, das Mädchen sei getötet worden, um dieses zu verdecken, so ihre These. Die nicht zu beweisen war.

Verdächtiger suchte mit

"Die abschließende Bewertung der äußerst umfangreichen Ermittlungsergebnisse durch die Staatsanwaltschaft Bayreuth führte zu dem Ergebnis, dass dem Beschuldigten S. eine Täterschaft oder Beteiligung an der Herbeiführung des Todes der Peggy K. nicht mit der für eine Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit nachgewiesen werden kann." Dieser lapidare Satz aus der Pressemitteilung von Staatsanwaltschaft Bayreuth und Polizeipräsidium Oberfranken vom Donnerstag setzt einen Schlussstrich unter die Ermittlungen im Fall Peggy, die erst am Morgen nach ihrem Verschwinden begonnen hatten. Um 8.40 Uhr heulten die Sirenen in dem Ort, ausgelöst von der Frau des Feuerwehr-Kommandanten. Der Auftrag hieß "Suche nach einem vermissten Kind". Dabei war Feuerwehrmann Manuel S.

Es war eine frühe Spur, die Nummer 50, in der S. aktenkundig wurde - und schon damals nicht die Wahrheit gesagt hat. Bei einer Hausbefragung gaben alle aus der Familie S. an, keine Hinweise geben zu können. "Konnte keine Hinweise geben." Status 8. Erledigt. "Der Mann ist eiskalt", sagt ein Ermittler über S., "er hat zwei Sokos an der Nase herumgeführt".

S. kann nichts nachgewiesen werden. "Bestehen bleibt lediglich der dringende Tatverdacht gegen den Beschuldigten hinsichtlich des Verbringens der Leiche. Sofern hier isoliert betrachtet der Tatbestand der Strafvereitelung in Betracht käme, wäre dieser bereits verjährt", heißt es in der Pressemitteilung von Staatsanwalt und Polizei. S. Anwalt Jörg Meringer aus Hof wünschte sich, dass S. endlich "damit abschließen" könne.

Das dürfte noch dauern. Denn Ramona Hoyer, die Anwältin von Peggys Mutter, prüft rechtliche Schritte gegen die Einstellungsverfügung.

7. Mai 2001

Peggy (9) aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule

August 2001

Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kinderen sexuell vergangen zu haben.

22. Oktober 2002

Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin.

30. April 2004

Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.

17. September 2010

Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage.

4. April 2013

Der Verteidiger beantragt die Wiederaufnahme des Falls

8. Januar 2014

Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.

10. April 2014

Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.

7. Mai 2014

Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen.

19. März 2015

Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.

2. Juli 2016

Ein Pilzsammler findet in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla Skelettreste. Polizei und Staatsanwaltschaft teilen kurz danach mit, dass die Knochen „höchstwahrscheinlich“ von Peggy stammen.

13. Oktober 2016

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden wurden.

8. März 2017

Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass am Fundort der sterblichen Überreste des Mädchens DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt gefunden wurden.

12. September 2018

Die Polizei durchsucht mehrere Anwesen eines 41-jährigen Beschuldigten. Der Mann zählte schon früher zum „relevanten Personenkreis“ im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Peggy.

21. September 2018

Die Ermittler geben bekannt, dass der 41-Jährige gestanden hat, das tote Mädchen in den Wald an der bayerisch-thüringischen Grenze gebracht zu haben, wo später die Knochen gefunden wurden. Ein anderer Mann habe ihm den leblosen Körper am Tag des Verschwindens an einer Bushaltestelle übergeben.

11. Dezember 2018

Die Polizei meldet die Verhaftung des 41-Jährigen. Es bestehe ein „dringender Tatverdacht“, dass er „selbst Täter oder Mittäter“ an Peggys Tötung gewesen sei.

12. Dezember 2018

Der Tatverdächtige widerruft sein Teilgeständnis. Die Polizei habe ihn stark unter Druck gesetzt.

21. Dezember 2018

Die Ermittler gehen davon aus, dass Peggy kurz nach ihrem Verschwinden getötet wurde.

24. Dezember 2018

Der Tatverdächtige ist wieder auf freiem Fuß. Sein Anwalt hatte Haftbeschwerde eingelegt.

13. Februar 2019

Aus Sicht des Landgerichts Bayreuth durfte das Geständnis des 41-Jährigen verwendet werden. Es gebe aber keinen dringenden Tatverdacht, dass er an Peggys Tötung beteiligt gewesen sei – aber an der „Verbringung“ der Leiche.

Ende 2019

Die Sonderkommission schließt ihre Ermittlungen ab und legt sie der Staatsanwaltschaft vor.

22. Oktober 2020

Die Staatsanwaltschaft Bayreuth teilt mit, die Ermittlungen eingestellt zu haben. Der Tatverdacht lasse sich nicht erhärten.

Kein ausreichender Tatverdacht: Ermittlungen eingestellt

Bayreuth
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