28.01.2021 - 16:35 Uhr
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Faktencheck: Wurden absichtlich irreführende Todeszahlen veröffentlicht?

Die Zahl der Todesfälle im Corona-Jahr 2020 wird immer wieder angezweifelt von Menschen, die sich vehement gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie stellen. Die Sterbezahlen-Statistik im Faktencheck.

Das Statistische Bundesamt gibt die Todesfälle nach Kalenderwochen an - und schreibt dies auch explizit in seine Pressemitteilung.
von Agentur DPAProfil

Jüngst wird dem Statistischen Bundesamt in einem Artikel vom 27. Januar 2021 vorgeworfen, "irreführende Zahlen" veröffentlicht zu haben. So sollen die Statistiker 5327 Fälle von 2019 einfach dem Jahr 2020 zugerechnet und "kein Wort darüber" verloren haben. Der Autor stellt sogar eine mögliche Absicht in den Raum, "um die vermutete Übersterblichkeit möglichst groß und eindrucksvoll aussehen zu lassen".

BEWERTUNG

Das Statistische Bundesamt gibt die Todesfälle nach Kalenderwochen an - und schreibt dies auch explizit in seine Pressemitteilung. Dies ist nicht erst seit 2020 so. Weil zwei Tage aus 2019 zur ersten Kalenderwoche des Jahres 2020 gehören, fließen sie automatisch auch in die entsprechende Statistik ein.

FAKTEN

Unter der Überschrift "Statistisches Bundesamt veröffentlicht irreführende Todeszahlen - 5327 "Geistertote" im Jahr 2020" scheint der Autor des Artikels über die Sterbezahlen in Deutschland einen Skandal zu vermuten. "In einer öffentlich zugänglichen Tabelle schlägt man also kurzerhand mehr als 5000 Tote, die eindeutig dem vorhergehenden Jahr anzulasten sind, dem Jahr 2020 zu und verliert kein Wort darüber", heißt es.

Ziel seiner Kritik ist eine Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 22. Januar 2021. Der Autor wirft der Behörde vor, die tatsächlichen Sterbezahlen zu verschleiern und so die Menschen mit "überhöhten Zahlen" in die Irre zu führen. 972 155 Sterbefälle für 2020 sei "eine klare und präzise Zahl, nur leider eine falsche Zahl", heißt es im Text.

Der Autor unterstellt der Behörde, sie gebe mit 972 155 Todesfällen die "Gesamtzahl 2020" an - also für den Zeitraum ab dem 1. Januar. Doch das tut sie überhaupt nicht. Die genannte Zahl taucht nur einmal in der Pressemitteilung auf - und zwar in der Tabelle, die auch der Autor in seinem Text verlinkt.

An dieser Tabelle ist eindeutig abzulesen, dass sich die angegebene Zahl auf die Kalenderwochen 1 bis 52 beziehen ("KW 1-52"). Im Übrigen steht auch für alle sichtbar im Titel der Übersicht: "Sterbefallzahlen 2020 in Deutschland nach Kalenderwochen (KW)".

Die Zahl der Tage eines Jahres ist weder in Schaltjahren (366) noch in Gemeinjahren (365) durch sieben teilbar - daher gibt es niemals Jahre mit einer ganzzahligen Anzahl an Kalenderwochen. Die erste Kalenderwoche eines Jahres ist nach der in Deutschland geltenden internationalen Iso-Norm 8601 die erste Woche, in die mindestens vier Tage des neuen Jahres fallen. Demnach umfasste die erste Kalenderwoche für das Jahr 2020 die Tage zwischen Montag, den 30. Dezember 2019, und Sonntag, den 5. Januar 2020.

In einer Datei des Statistikamtes, die Sterbefälle pro Tag auflistet, ist tatsächlich ersichtlich, dass am 30. und 31. Dezember 2019 insgesamt 5327 Menschen in Deutschland starben.

Aktuell (Stand: 27. Januar 2021) sind dort die Sterbezahlen für 2020 bis zum Ende der Kalenderwoche 52 tagesgenau einsehbar. Demnach starben in Deutschland 966 828 Menschen zwischen 1. Januar und 27. Dezember 2020. Die Zahl liegt um 37 660 höher im Vergleich zum selben Vorjahreszeitraum.

Das Statistische Bundesamt weist zudem am Ende seiner Pressemitteilung ausdrücklich darauf hin, dass "erste Ergebnisse für das gesamte Jahr 2020" - also auch der Tage 28. bis 31. Dezember - erst dann vorliegen, wenn die darauffolgende Sonderauswertung am 29. Januar 2021 erscheint.

Der Autor geht zudem "mit großer Wahrscheinlichkeit" davon aus, dass (öffentlich-rechtliche) Medien und Politiker die Daten des Statistischen Bundesamtes ungeprüft übernähmen. Welche Aussagen oder Artikel seiner Ansicht nach von 972 155 Sterbefällen im Jahr 2020 berichtet haben sollen, lässt er allerdings offen.

Der öffentlich-rechtliche Sender WDR zum Beispiel nannte in seinem Artikel vom 22. Januar diese Zahl überhaupt nicht und schrieb mit Blick auf die jüngst veröffentlichten Sterbefallzahlen: "Ob es tatsächlich die Corona-Pandemie war, die in Deutschland im Jahr 2020 zu einer Übersterblichkeit führte, steht nach Angaben der Statistiker erst Mitte dieses Jahres fest. Neben der Pandemie könnten auch Verschiebungen in der Altersstruktur der Bevölkerung zu überdurchschnittlichen Sterbefallzahlen beitragen."

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