08.05.2020 - 18:54 Uhr
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Corona-Balanceakt in den Altenheimen am Muttertag

Wie erklärt man dementen Menschen, dass ein Besuch ein zu hohes Risiko für sie darstellt? Jürgen Herda kommentiert die Risikoabwägung zwischen der Sehnsucht nach Nähe gerade am Muttertag und der Sorge um eine mögliche Ansteckung.

Für die Bewohner von Altenheimen ist soziale Distanz besonders schwer zu ertragen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Heimleiter Martin Preuß kritisiert die Öffnung

Regensburg

Muttertag in Isolationshaft oder mit Ansteckungsgefahr? Politik und Heimbetreiber befinden sich in einer klassischen Looser-Situation: Wie man es macht, es ist verkehrt. Vor allem, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die Sorge berechtigt war. Aber der Reihe nach.

Seit sechs Wochen warten die Bewohner der Altenheime vergeblich auf Besuch. Natürlich, Telefon und Skype sind Notnägel, mit denen sich einige zu behelfen wissen. Längst nicht alle können mit der Technik umgehen und ein Telefonat mit der schwerhörigen Mutti ist für beide Seiten kein Vergnügen.

Die Enkel nie wieder sehen?

Eine betagte 92-Jährige erzählt unter Tränen: "Ich weiß nicht, ob ich meine Enkel jemals wiedersehe." Ansteckungsgefahr ist für sie ein relatives Risiko. "In meinem Alter sterbe ich entweder an Altersschwäche oder eben an Corona." Vielleicht aber auch an gebrochenem Herzen. Denn sozialer Kontakt ist für alte Menschen überlebenswichtig.

Die Betroffenen dürfen so reden. Es ist ihr Leben und ihre Risikoabwägung. Die Verantwortlichen im Heim müssen aber alle Bewohner im Blick haben. Um für die Sicherheit aller Insassen zu sorgen, ist ein erheblicher organisatorischer Mehraufwand nötig. Als hätte das Pflegepersonal nicht so schon alle Hände voll zu tun.

Besuch unter Aufsicht

Jetzt also der Muttertagsbesuch unter Aufsicht: Im Gemeinschaftsraum kontrolliert der Heimleiter den Abstand von Tochter und Mutter. Mit Grausen stellt er sich vor, wie er einschreiten muss, weil ein Knirps den Opa umarmen will, den er seit Wochen nicht gesehen hat. Dann der Blick auf die Uhr. Nach einer Stunde ist die Besuchszeit zu Ende.

Wer möchte da in der Haut der Verantwortlichen stecken? Es ist wie bei allen Corona-Entscheidungen dieser Tage: Ein Balanceakt, den alle Beteiligten leisten müssen - mit gegenseitigem Verständnis und einer peniblen Vorsicht, auch und gerade wenn diese dem eigenen Naturell gegen den Strich geht.

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