28.09.2020 - 13:08 Uhr
Deutschland & Welt

Bayern rückt in Fokus der Endlagersuche: Kritik am Verfahren

Fast Zweidrittel des Freistaats sind der Suche nach einem Lagerort für hoch radioaktiven Atommüll nun in der näheren Auswahl. Was die einen überrascht, sorgt bei der Politik für Kritik. Ende offen.

Bergleute und Gäste gehen durch das ehemalige Erkundungsbergwerk Gorleben. Foto: Philipp Schulze/dpa/Archivbild
von Agentur DPAProfil

Berlin/München (dpa/lby) - Große Teile Bayerns sind zumindest geologisch in der näheren Auswahl bei der Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll. Die für das Suchverfahren zuständige Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) weist in ihrem am Montag in Berlin vorgestellten ersten Zwischenbericht sieben sogenannte Teilgebiete in Bayern aus, die 76 Landkreise und kreisfreie Städte und eine Fläche von fast 42 000 Quadratkilometern umfassen. Insbesondere für das Wirtsgestein Granit werden weite Teile des Landes als potenziell geeignet ausgewiesen. Aber auch bayerische Regionen mit Tonvorkommen sowie ein kleiner Abschnitt mit Salz in Unterfranken finden sich in der Auflistung der 90 Teilgebiete wieder.

Aus Bayern sind somit nicht nur wie erwartet Granitvorkommen in Oberfranken, der Oberpfalz und in Niederbayern an der Grenze zu Tschechien zwischen Fichtelgebirge und Bayerischem Wald in der nächsten Auswahlstufe. Das identifizierte Teilgebiet umfasst darüber hinaus weite Teile des Landes nördlich einer Linie von Augsburg und Landshut. Durchaus überraschend ist auch, dass nicht nur das Tongebiet um Ulm, sondern auch ein Areal in Oberbayern in der Nähe von Rosenheim im Rennen ist. Bis 2031 soll ein Standort für das Endlager gefunden werden, ab 2050 soll es den Betrieb aufnehmen.

Erwartungsgemäß stieß der Zwischenbericht im Freistaat umgehend auf große Skepsis und viel Kritik. Von Bayern gebe es im Verfahren jetzt „keine Totalblockade“, Bayern werde das Verfahren aber „sehr konstruktiv und kritisch begleiten“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Montag in München. Dazu werde die Staatsregierung auch auf eigene wissenschaftliche Expertisen zurückgreifen. Bayern werde sich auch auf allen politischen Ebenen „seriös“ einbringen und verlange „Fairness“. Er habe derzeit das Gefühl, dass dies derzeit nicht der Fall sei und viele Bayern aus nicht-fachlichen Gründen präferierten. Man werde im weiteren Verfahren „das politische Gewicht der Staatsregierung und der sie tragenden Parteien einbringen“.

Auch Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) betonte, Bayern werde das Verfahren mit vielen Fragen an die zuständige Bundesgesellschaft für Endlagersuche begleiten. Bedenklich sei etwa, dass in Bayern die Alpen hohen Druck auf den Granit ausübten und dieser daher sehr zerklüftet sei.

Söder betonte, die Vorgabe, ein Endlager für eine Million Jahre sicherstellen zu können, erlaube keine Alternative zu geologischen Barrieren. Dies sei für den zerklüfteten Granit in Bayern etwa nicht ohne technische Maßnahmen machbar. Söder kritisierte ausdrücklich, dass der Salzstock Gorleben aus dem Verfahren herausgenommen wurde.

Kritisch bewertete Söder auch das breit angelegte Verfahren. Fast Zweidrittel von Bayern seien zu Teilgebieten erklärt worden. Das werde viele Menschen verunsichern. Unterfranken, Oberfranken, Mittelfranken, die Oberpfalz und Niederbayern seien komplett in der Auswahl, Schwaben zur Hälfte. Auch Oberbayern sei massiv betroffen.

Der Zwischenbericht definiert insgesamt 90 Gebiete in Deutschland, die nach Erkenntnissen der BGE auf Grundlage von Daten aus den Ländern günstige geologische Voraussetzungen für ein Endlager vorweisen. Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht mehr darunter - er wurde wegen geologischer Mängel ausgeschlossen.

Berücksichtigt man die Überlagerung einiger Gebiete, ist laut Bericht in Deutschland ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche als Teilgebiet ausgewiesen. Weitere Teilgebiete liegen in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch in den ostdeutschen Ländern wie Sachsen und Thüringen. „Die Geologie ist von Nord bis Süd und Ost bis West so günstig, dass sich ein Standort wird ermitteln lassen“, sagte BGE-Geschäftsführer Stefan Studt am Montag in Berlin. Die im Teilbericht genannten Regionen seien aber „noch lange kein Endlagerstandort“.

Die BGE wies die Kritik aus Bayern kategorisch zurück. „Wir arbeiten rein wissenschaftlich“, sagte Studt. Dass Bayern die Auswahl von zerklüftetem Granitgestein nun kritisiere, sei überraschend, immerhin habe auch Bayern dem bundesweiten Suchverfahren wiederholt zugestimmt. Er betonte, dass die Kritik aus den Ländern nicht das Verfahren generell beschädigen dürfe. Das Vertrauen in der Bevölkerung sei ein „entscheidender Punkt im neuen Suchverfahren“.

Dieses dürfe nicht durch kritische Anmerkungen schon zu Beginn des Verfahrens wieder in Frage gestellt werden - nichts sei schädlicher, sagte Studt. Alle Bundesländer müssten sich der gesellschaftlichen Aufgabe stellen, auch im Sinne der nachkommenden Generationen. „Wir wünschen uns, dass jeder Landespolitiker reflektiert, wo wir stehen und welche Verantwortung man auch im Süden dafür hat.“

Scharfe Kritik an der Staatsregierung kam insbesondere von den Grünen. „Mit ihrem kleinkalibrigen Sperrfeuer an teils absurden Einwänden versuchen Söder, Glauber & Co. den wissenschaftsbasierten Prozess der schwierigen Atommüllendlagersuche, den CSU und Staatsregierung selbst mitbeschlossen haben, zu diskreditieren“, kritisierte Grünen-Landtagsfraktionschef Ludwig Hartmann. Die Staatsregierung stehle sich aus der Verantwortung für diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Ausgerechnet wir Grünen als Anti-Atom-Partei müssen die CSU heute an ihre Verantwortung für das strahlende Erbe ihrer jahrzehntelangen Atompolitik erinnern - das ist ein übler Treppenwitz der Geschichte“, sagte Hartmann.

Standortauswahlgesetz

Bundesgesellschaft für Endlagerung zum Zwischenbericht Teilgebiete

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BASE zu Zwischenlagern

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Zwischenbericht BGE

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