04.12.2020 - 12:16 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Sorge um das Ehrenamt: Bremst Corona die Freiwilligen aus?

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Auch ehrenamtliche Organisationen leiden unter der Pandemie. Zum Tag des Ehrenamts am Samstag berichten einige Oberpfälzer von ihren Sorgen.

Josef Gebhardt, Vorsitzender der Tafel Weiden und Neustadt/WN, mahnt, dass Corona vor allem die Ärmsten trifft, Tafel Weiden – Neustadt/WN e.V.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Als Karl-Theodor zu Guttenberg die Wehrpflicht abschaffte und damit auch der Zivildienst Geschichte war, schlugen Sozialverbände Alarm: Der gesamte Pflegebereich drohte ohne Zivis in Schieflage zu geraten. Nicht auszudenken, wie Deutschland aussähe, würden von heute auf morgen alle Freiwilligen ihre Tätigkeit einstellen: Am Tag des Ehrenamts muss die Frage erlaubt sein: Was richtet die Pandemie in den Vereinen und sozialen Einrichtungen an?

Ohne Ehrenamt wäre das Land lahmgelegt

"Ehrenamtliche drehen sich oft im Hamsterrad", macht sich Barbara Hernes, Leiterin des Seniorenmosaiks im Naturpark Hirschwaldso ihre Gedanken. Viele seien nach dem ersten Lockdown mal wieder zum Durchschnaufen gekommen. Was, wenn die jetzt auf den Geschmack gekommen sind, die neu gewonnene Freizeit anders zu verbringen?

"Was bedeutet das gesamtgesellschaftlich?", fragt Hernes, "vor allem im sozialen Bereich?" Deutschland ohne Ehrenamt wäre nicht nur ein ärmeres, gefährlicheres, kulturloseres, unsportlicheres Land. Es würde schlicht nicht funktionieren. Eine Umfrage unter Oberpfälzer Vereinen und Einrichtungen zeigt ein zwiespältiges Bild: Die Pandemie macht allen zu schaffen, aber nicht alles legt der Virus lahm.

Tafel kämpft für Corona-Verlierer

"Wir hatten in diesem Jahr keinen Tag geschlossen", sagt Josef Gebhardt, Vorsitzender der Tafel in Weidenstolz. "Unsere Mitarbeiter sind sehr umweltbewusst und unsere Lebensmittelabholer können sich nicht leisten, mal schnell am Wochenende zum Skifahren abzudüsen", kann er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Neu unter den Empfängern: Viele, die aufgrund von Kurzarbeit Überbrückungshilfe benötigten.

Von April bis Juli seien etwa 40 junge Freiwillige für ältere Ehrenamtliche eingesprungen, die selbst zur Risikogruppe zählten. "Jetzt ist die Situation anders, da Schulen und Universitäten nicht geschlossen haben." Nur vier der Novizen stünden noch zur Verfügung. Im Gegensatz zum ersten Lockdown sei aber nur ein Drittel des Stammpersonals zu Hause geblieben. Allerdings hapere es mit dem Naturalienachschub. Bereits zweimal habe man auf Weidener Märkten gesammelt. "Diese Lebensmittel gehen uns derzeit aus." Beim ersten Lockdown hätten Firmen ihre Lager geräumt, wovon die Tafel profitierte. "Dies ist diesmal nicht der Fall."

Da die Stadt heuer keine Weihnachtsaktion durchführe, müsse der Verein eine Lösung für Leute der unteren Einkommensstufe finden: "Ich habe die Politik schon Anfang April 2020 darauf hingewiesen, dass es Menschen gibt, die sich aufgrund von Erkrankungen isolieren." Gebhardt befürchtet psychische Probleme bis hin zum Suizid. "Isolation ist eine Folterart", sagt der Vorsitzende, "AfD und Co. sind die Folterknechte."

Ursensollens soziale Feuerwehr

Norbert Schmid, Seniorenbeauftragter der Gemeinde Ursensollen, findet, dass Corona-Not auch erfinderisch macht. "Unsere Nachbarschaftshilfe mit 25 Helfern ist die soziale Feuerwehr der Gemeinde - für Senioren und Familien." Da aber viele der Helfer selbst zur Risikogruppe 65 plus zählten, blieb nur ein kleiner Rest des Stammpersonals übrig. "Unsere Koordinatorin Marion Graml und ich haben uns darum gekümmert, jüngeren Ersatz zu finden", erzählt Schmid. Mit Erfolg: "30 Näherinnen haben in der ersten Phase Stoffmasken genäht, an die zehn neue Helfer erledigten Einkaufsdienste für die Senioren."

Schmid ist zuversichtlich, dass einige der Neuen bleiben werden: "Ich glaube nicht, dass da etwas wegbricht", sagt der Seniorenbeauftragte. "Im Gegenteil, ich denke, wir kommen danach auf über 30." Regelmäßige Treffen und Geselligkeit stärke den Zusammenhalt. "Seit 6 Jahren kommen wir im Monat auf etwa 30 Einsätze", freut sich Schmid über den Mehrwert der ehrenamtlichen Leistung: Arztfahrten, Einkäufe und kleine handwerkliche Arbeiten gehörten dazu. "Das Solidaritätsgefühl wurde gestärkt."

Aus persönlicher Erfahrung wisse er aber auch, wie hart Corona die Ältesten treffe: "Meine Mutter ist im Pflegeheim, sie hatte vorgestern Geburtstag." Nur eine Person habe sie besuchen dürfen. "Meine Frau ist rein, ich winkte vom Fenster aus." Um so wichtiger seien die Einkaufshelfer für den persönlichen Kontakt, das Gespräch: "Oft hat man den Eindruck, manche bestellen nur, damit sie jemanden zum Reden haben." So dauert das Abliefern der Medikamente schon mal eine halbe Stunde. "Unsere Helfer wissen das und machen das gerne."

DJK Weiden befürchtet Aderlass

Anders stellt sich die Situation im Sport dar: Reinhold Wildenauer, Vorsitzender der DJK Weiden, befürchtet den Abgang von Ehrenamtlichen. Den Chef des mit 2200 Mitgliedern größten Weidener Vereins trifft der Hallen-Lockdown mit voller Wucht. "Es wird nicht einfach, Übungsleiter bei der Stange zu halten", unkt er. "Die sehen ganz andere Perspektiven, wenn drei bis vier Einheiten in der Woche wegfallen." Besonders Abteilungen wie Handball, Turnen oder Sportakrobatik seien betroffen. "Wir hatten ohnehin Abgänge im Jugend- und Kinderbereich, da fragt man sich schon, wie das weitergehen soll."

74 Übungsleiter und Trainer beschäftigt die DJK derzeit, davon 43 mit Lizenz: "American Football ist uns schon weggebrochen, der Trainer macht nicht mehr weiter." Er hoffe, dass das Beispiel nicht Schule macht. "Manche fragen mich, ,kann ich nicht allein mit einem Jugendlichen trainieren?'" Das mache etwa mit einem Leichtathletik-Talent durchaus Sinn. "Als Vereinsvorsitzender kann ich das aber nicht einfach abnicken." Auch finanziell schmerze die Pandemie: "Die Zusatzbeiträge etwa für Yoga, für das man ohne Aufpreis keinen Übungsleiter bekommt, haben wir schon reduziert - der hohe Aufwand für Verwaltung und Hygienemaßnahmen für Umkleidekabinen, Toiletten und Duschen muss trotzdem bezahlt werden."

DJK 2002 Amberg verliert Mitglieder

Angelika Hiltner, Vorsitzende des DJK 2002 Amberg, beklagt Verluste durch die Seuche: "Vorher hatten wir 770 Mitglieder, jetzt sind es 100 weniger, da sonst im Sommer Neue dazu kommen." Dazu hätten etliche Eltern ihre Kinder mangels Trainingsmöglichkeiten aus dem Verein genommen, der sich auf Breitensport wie Gymnastik, Kinderturnen, Tanz und Tischtennis fokussiert hat. "Vor allem bei den Mutter-Kind-Gruppen hatten wir zuvor einen Riesenzulauf", sagt Hiltner, "wir hatten sogar Wartelisten."

Eine Übungsleiterin, die altersbedingt kürzer treten wollte, habe aufgehört. "Wir haben alle auf 2400 Euro Freistellungs-Basis beschäftigt, das fällt jetzt natürlich auch weg." Für manche sei das ein finanzieller Nackenschlag. "Beim ersten Lockdown haben wir aus eigener Kasse eine Art Kurzarbeitergeld bezahlt, aber das können wir uns jetzt nicht mehr leisten." Der BLV habe zwar alle Vereine aufgefordert, Ausfälle zu dokumentieren: "Seitdem haben wir aber nichts mehr gehört." Die Folge: "Wir müssen nächstes Jahr den Gürtel enger schnallen."

Karateschule auf Zoom

Keinen Verein, sondern eine Karateschule mit 40 Standorten in ganz Ostbayern leitet Thomas Geiger. Um die Pandemie mit seinen 53 Angestellten zu überstehen, kann sich der Bruce-Lee-Fan nicht auf seinen zahllosen Gürteln ausruhen: "Wir haben im November und Dezember keine Beiträge eingezogen, die wirtschaftlichen Einbußen sind enorm." Allein auf die Zusagen der Regierung will er sich da nicht verlassen. Deshalb hat er Zoom als neues Trainingsinstrument entdeckt.

Rund 400 bis 500 Kinder nehmen inzwischen an der Video-Karatestunde teil - 40 Prozent aller Schüler. "Die Kids melden sich über Zoom an, bekommen einen Einladungslink, damit nur Mitglieder Zugang bekommen, und dann nimmt der Trainer seine 10 Kinder mit in einen virtuellen Raum." Wie im regulären Unterricht kann der Übungsleiter korrigierend eingreifen. "Nächste Woche gibt's die erste Gürtelprüfung über Zoom."

Freudenberger Bauernbühne heiß

Für Norbert Altmann, Vorsitzender der Freudenberger Bauernbühne, stirbt trotz Aufführverbot "die Hoffnung zuletzt". Der Pfarrsaal, in dem die vom Verband Bayerischer Amateurtheater mit dem "Larifari" ausgezeichnete Truppe normalerweise spielt, sei zu alt und klein für Hygienemaßnahmen. "Bis da wieder Spielbetrieb möglich ist, muss vorher schon alles andere gelockert werden." Bereits die Frühjahrssaison habe man nach drei von 18 Aufführungen abbrechen müssen.

Die Freudenberger, durch ihren Brandner Kasper über die Region hinaus bekannt, haben sich Ende Oktober mit Vorstand und Nachwuchskräften zur Klausur in ein Hotel bei Hersbruck zurückgezogen. "Wir werden das Freilichttheater forcieren, in das wir für den Bauernhof in Wutschdorf und eine Tribüne mit Überdachung für 200 Personen viel Geld investiert haben." Geplant ist der Aufbau Ende Mai: "Wir können sie ohne Leihgebühr bis September stehen lassen." Spielleiter Benno Schißlbauer hat schon ein neues Stück im Kopf, wenn sich bis Sommer eine Lockerung abzeichnet.

Der Verein mit seinen 370 Mitgliedern stagniere auf hohem Niveau. "Den ersten Lockdown haben die meisten aktiven Spieler als Verschnaufpause begrüßt", sagt Altmann. "Aber langsam wird es wieder Zeit, es kribbelt." Die Junge Bühne Freudenberg sei heiß. "Wenn nächstes Jahr was geht, kriegen wir die Kurve", glaubt Altmann, "wenn nicht, sehe ich die Gefahr, dass einige Junge abspringen."

Kulturelles Engagement auf höchstem Niveau: Der Bau einer Wanderstation Kaiser Karls IV.

Bärnau
Ehrenamt in Bayern in Zahlen:
  • In Bayern sind 5,2 Millionen Menschen, 47 Prozent der über 14 Jährigen ehrenamtlich tätig.
  • 19 Prozent der Ehrenamtlichen engaieren sich als Übungsleiter bei Sportvereinen.
  • 10 Prozent der Bayern helfen im sozialen Bereich.
  • 9 Prozent bereichern mit ihrem Engagement Kultur und Musik.
  • 9 Prozent sind im kirchlichen und religiösen Umfeld aktiv.
  • 8 Prozent helfen in Schule und Kindergarten mit.
  • 6 Prozent erfreuen sich im Bereich Freizeit und Geselligkeit.
  • 5 Prozent sind im Unfall- und Rettungsdienst tätig oder bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv.
  • 4 Prozent engagieren sich für Umwelt, Natur und Tierschutz.
  • 4 Prozent leisten Bildungsarbeit.
  • 4 Prozent dienen der Gesellschaft politisch.
  • 3 Prozent machen sich als berufliche Interessenvertreter stark.
  • 2 Prozent helfen im Gesundheitsbereich.

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