30.09.2020 - 17:43 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Experte der Polizei: Bei Gaffern hinschauen

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Mitte September stirbt ein Mensch in dem Trümmern seines Lkw auf der A6 im Bereich der Anschlussstelle Wernberg-Ost. Die Tragödie lockt Schaulustige an. Polizeirat Tobias Mattes sagt: "Das Thema Gaffer ist in der Oberpfalz angekommen."

Als sich Mitte September ein tödlicher Unfall auf der A6 ereignete, hatte die Polizei mit Schaulustigen zu tun. Polizeirat und Chef der Amberger Verkehrspolizei Tobias Mattes sagt: "Das Thema Gaffer ist in der Oberpfalz angekommen".
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Der Bruchteil einer Sekunde entscheidet über Leben und Tod. Ein tragischer Unfall auf der A6 im Bereich der Anschlussstelle Wernberg-Ost kostete Mitte September einen Lkw-Fahrer das Leben. Bilder, die für Ersthelfer und für Rettungskräfte nur schwer zu verarbeiten sind. Es sind Bilder, auf die sie gerne verzichtet hätten, wäre es möglich gewesen. Doch während für sie helfen innere Verpflichtung ist, gibt es andere, die ohne Bedenken einfach einen Blick auf das Geschehen erheischen und filmen wollen. Menschen, die, um ihren Drang nach dem Außergewöhnlichen zu befriedigen, jegliche Moral ausblenden. Die Polizei erteilt Platzverweise und muss extra einen Beamten abstellen, der den Gegenverkehr beobachtet und Gaffer dokumentiert.

Warum gaffen Menschen?

"Das Thema Gaffer ist in der Oberpfalz angekommen", sagt Polizeirat Tobias Mattes. Er ist Dienststellenleiter der Verkehrspolizeiinspektion Amberg. Mit ihm spricht Oberpfalz-Medien über die Ursachen, die Menschen zu Gaffern werden lassen. Er erklärt, wie sich Menschen verhalten können, wenn sie sehen, dass sich Schaulustige um einen Unfall scharren. Er berichtet, welche zusätzliche Belastung Schaulustige für Hilfskräfte bedeuten.

Zunächst hebt Mattes hervor, dass es den Tatbestand "Gaffen" so nicht gibt. "Wir sprechen hier von verschiedenen Straftatbeständen und Ordnungswidrigkeiten", sagt er. Interessanter jedoch ist die Frage, warum Menschen gaffen oder teilweise sogar Fotos und Videos von Unfällen machen. Mattes Erklärung kommt so banal wie erschreckend daher: Laut ihm ist es ein innerer menschlicher Antrieb. "Es ist die Neugier am Ereignis, die Sucht nach Anerkennung." Auf sozialen Medien kann jeder schnell viele Menschen erreichen und - so bizarr es auch klingen mag -Likes bekommen. Dabei darf man laut Mattes aber auch nicht vergessen, dass es ganz individuelle Gründe sein können, die das typische Gaffer-Verhalten hervorrufen.

Hemmschwellen beim Unfall

Denn auch eine andere Ursache kann infrage kommen, nämlich eine herabgesetzte Hemmschwelle. "Wenn schon eine Gruppe von Schaulustigen da ist, dann ist die Hemmschwelle niedriger, auch stehenzubleiben", sagt Mattes. So hätten bei dem tödlichen Unfall auf der A6 rund 15 Personen auf der Brücke gestanden. Unter ihnen auch Menschen, die nichts mit dem Unfall zu tun hatten, aber dabei standen, weil schon andere Personen da waren.

Laut Mattes ist das auch auf einer anderen Ebene problematisch: Je mehr Menschen einfach nur rumstehen, umso größer die Hemmschwelle, selbst zu helfen. Mattes: "Wegschauen ist aber keine Lösung und nicht gaffen heißt nicht, nicht zu helfen." Besonders die ersten Minuten nach einem schweren Unfall können über Leben und Tod entscheiden. "Es ist wichtig, mit Erste-Hilfe-Maßnahmen zu beginnen. Bei einer Herzdruckmassage kann man nichts falsch machen", sagt Mattes.

Gaffer ansprechen

Wie verhalte ich mich nun, wenn ich mitbekomme, dass Menschen bei einem Unfall lieber das Handy zücken als zu helfen? Mattes Empfehlung: Die Menschen aus ihrer Anonymität holen. Ihm zufolge braucht es ein Bewusstsein, dass die Gesellschaft Gaffer weder akzeptiert noch toleriert. "Es ist entscheidend, die Leute anzusprechen. Wenn es Ersthelfer braucht, dann sollte man Herumstehende ansprechen und ihnen Aufgaben zuweisen", sagt Mattes. Wenn die Unfallstelle gesichert und die Rettungskräfte im Einsatz sind, dann kann man ihm zufolge auch Fotos von Gaffern machen, um sie später den Beamten zu zeigen, wenn einfaches Ansprechen nicht fruchtet. "Es geht hier ja schließlich nicht um Bagatelldelikte, sondern um waschechte Straftaten."

Psychische Belastung für Helfer

Werden Bilder von Unfällen in den sozialen Medien verbreitet, dann ist das nicht nur ein moralisches Unding, sondern kann auch handfeste psychische Probleme hervorrufen. Mattes zufolge spricht man von einem Second-Victim-Phänomen. Zu deutsch: Eine Retraumatisierung von Betroffenen und Rettungskräften. "Wenn diese Menschen die Bilder von den Unfällen in den sozialen Medien sehen, dann durchleben sie das Erlebte noch einmal vor dem inneren Augen", sagt Mattes. Eine enorme psychische Belastung.

Als der Lkw-Fahrer auf der A6 starb, dauerte es, bis er identifiziert war und die Angehörigen verständigt wurden. Weil der Mann tschechischer Staatsbürger war, lief der Informationsaustausch über das Generalkonsulat in München. "Stellen Sie sich vor, die Angehörigen müssen im Internet sehen, dass ihr Vater oder Onkel bei einem verheerenden Unfall auf der Autobahn ums Leben gekommen ist", sagt Mattes.

Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema von Wolfgang Ruppert

Deutschland und die Welt

Der Umgang mit einem Schwerverletzten ist immer eine belastende Situation. "Das trifft jeden von uns", sagt Mattes. Blockieren Schaulustige die Rettungsgasse oder behindern die Hilfsmaßnahmen, kann es passieren, dass die Rettung zu spät kommt, es kann sich um wenige Minuten handeln. Das Resultat: "Die Rettungskräfte machen sich Vorwürfe, dass sie nicht rechtzeitig da waren", sagt Mattes. Gaffer führen laut dem Polizeirat allgemein zu Frust und Ärger. "Wir kommen da nicht zum Spaß hin, sondern um zu helfen. So etwas enttäuscht."

Tödlicher Unfall auf der A6 Mitte September

Wernberg-Köblitz

Richtig verhalten

Mattes Appell an alle, die Zeugen eines Unfalls werden oder an der Unfallstelle vorbeikommen, zusammengefasst: Nicht nur schauen, sondern helfen, wo es möglich ist. Gerade in den ersten Minuten gibt es für alle genug zu tun, ob Erste Hilfe leisten, oder die Unfallstelle absichern. Ein Folgeunfall ist das letzte, was Helfer gebrauchen können. Wer auf der Gegenfahrbahn unterwegs ist, muss sich auf seine eigene Fahraufgabe konzentrieren und mit dem Fehlverhalten anderer Verkehrsteilnehmer rechnen.

Wenn diese Menschen die Bilder von den Unfällen in den sozialen Medien sehen, dann durchleben sie das Erlebte noch einmal vor dem inneren Augen.

Polizeirat Tobias Mattes

Polizeirat Tobias Mattes

Welche Strafen drohen Gaffern?:

Was genau ist "Gaffen" eigentlich und welche Strafen drohen, wenn man dabei erwischt wird? Den Straftatbestand "Gaffen" gibt es so nicht, er zerfällt laut Franziska Meinl, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Oberpfalz, in folgende Straftaten und Ordnungswidrigkeiten:

  • Unterlassene Hilfeleistung: Wer bei einem Unfall keine Hilfe leistet, obwohl es zumutbar und damit keine Gefahr für die eigene Person verbunden wäre, dem droht eine Geld- oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Laut Meinl wird ebenso bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.
  • Bildaufnahmen von Hilflosen: Wer ein Bild oder ein Video macht, das die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, und es vielleicht sogar ins Internet stellt, der verletzt den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person. Dafür droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren.
  • Recht am eigenen Bild: Bilder dürfen nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet werden. Laut Meinl wird mit einer Freiheitsstrafe oder einer Geldbuße bestraft, wer dagegen verstößt.
  • Handy am Steuer: Wer während der Fahrt mit dem Handy hantiert, begeht auch so eine Ordnungswidrigkeit. Das kann mit einer Geldstrafe und Punkten geahndet werden.
  • Keine Rettungsgasse bilden: Wer bei einem Unfall keine Rettungsgasse bildet, der provoziert damit, dass die Einsatzkräfte im Ernstfall nicht schnell genug bei den Verletzten sein können. Auch das stellt eine Ordnungswidrigkeit dar und wird mit einem Bußgeld sowie mit Punkten bestraft.

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