10.09.2020 - 20:08 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

CSU: Erfolgsstory, die nicht allen gefällt

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Ein Dreivierteljahrhundert bajuwarische Dialektik. Geliebt und gehasst, belächelt und gefürchtet, Staats- und Volkspartei zugleich. Die hohe Kunst, Widersprüche zu vereinen ist Teil ihrer Erfolgsgeschichte. Stimmen aus der Oberpfalz.

Ein Bild, das es beim Jubiläum heuer Corona-bedingt nicht geben wird: Die 70 Jahrfeier der CSU Amberg-Sulzbach mit Edmund Stoiber in Hahnbach.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der Widerspruch beginnt bereits mit dem Datum. Gegründet wurde vor 75 Jahren die Münchener CSU, der Landesverband und die Kreisverbände folgten später. Ein erstes Indiz auf die lange oberbayerische Vormachtstellung. Eine Stellung, die bröckelt, seit ein Ministerpräsident aus der Nürnberger Vorstadt Heimat neu definiert.

Fremdsicht und Selbstverständnis einer Staatspartei: Kommentar zum 75-Jährigen der CSU.

Bayern

Einen gewichtigen Anteil an der Dezentralisierung des Freistaats unter dem Modernisierer in der Staatskanzlei hat Albert Füracker. Als Finanz- und Heimatminister rechte Hand von Markus Söder bei der Stärkung des ländlichen Raums, pumpt der CSU-Bezirksvorsitzende Milliarden in die digitale Infrastruktur der Oberpfalz. Der Mann aus der Lupburger Landwirtschaft ist der CSU 1987 nicht wegen dem ewigen Idol Franz-Josef Strauß beigetreten: "Wir waren so sozialisiert am Dorf, da gab's den CSU-Ortsverband, die Junge Union, da hat man die Leute gekannt."

Füracker: "Veränderungsbereitschaft war immer groß"

Es ist diese Verästelung der CSU, die nach dem Krieg sowohl die Bayernpartei als auch die Vertriebenen regelrecht aufgesogen hat, bis in kleinste Kommunen, die sie groß gemacht hat: "Sie war die Kraft, wo man politisch mitgestalten kann, zumindest, wenn man konservativ geprägt ist." Dass die CSU heute grüner, weltoffener, ja sogar Merkel-freundlich auftritt, ist für Füracker keine überraschende Wendung: "Strauß hat konservative Politik immer als an der Spitze des Fortschritts stehen definiert." Man habe auch unter Söder keineswegs alle Werte über den Haufen geworfen: "Die CSU hat 1970 das erste Umweltministerium eingeführt, ihre Veränderungsbereitschaft war immer groß."

Das liege daran, dass der konservative Mensch toleranter sei als die ideologisierte Linke. Wenn das heute auch außerhalb Bayerns Anerkennung finde, liege das am Talent Söders: "Die Art, wie er Politik prägt, tut der CSU gut." Füracker glaubt an die Zukunft der Volkspartei: "Die Sehnsucht nach einer gewissen Ordnung wächst", stellt er fest. "Zersplitterung führt nicht zur Stärke, wir brauchen bei den großen Themen einen Konsens, der ein Land zusammenhält." Der Markenkern der Partei: "Individuell, tolerant, keine Verbotspartei - ich habe den Eindruck, dass uns das gerade heute attraktiv macht."

Albert Füracker, bayerischer Finanz- und Heimatminister sowie Oberpfälzer CSU-Chef.

Donhauser: "Erfolgreichste Partei Europas"

Ganz ähnlich sieht das auch der frühere Amberger Landtagsabgeordnete Heinz Donhauser (69): "Wir sind die erfolgreichste Partei Europas", sagt er mit Blick auf die erodierenden Volksparteien des Kontinents. Die einzige, die wenigstens noch 40 plus auf die Waage bekomme. Sicher, als er als Kreisvorsitzender das 50-Jährige der CSU in Amberg ausgerichtet hat, galten absolute Mehrheiten noch als selbstverständlich: "Wobei eine Zweidrittelmehrheit wie unter Stoiber vielleicht des Guten zu viel war." Von den Ministerpräsidenten, die er als Abgeordneter selbst erlebt habe, hat den Strauß-Fan Edmund Stoiber am stärksten beeindruckt: "Er hat mit am meisten bewegt."

Dass sich Söder einmal als so guter Krisenmanager erweisen würde, habe er anfangs nicht für möglich gehalten. "Die Linie, die er fährt, ist die richtige." Die Kurskorrekturen auch in der Umweltpolitik, seien notwendig gewesen. "In den Anfangsjahren hat man sich darauf konzentriert, den Agrarstaat in einen modernen Industriestandort umzugestalten - mit Kollateralschäden." Söder nehme die Menschen weitaus besser mit als sein Vorgänger. "Er erklärt seine Entscheidungen, es gibt bei ihm keine Basta-Politik."

Heinz Donhauser scherzt mit Horst Seehofer.

Rupprecht: "Kein typischer CSUler"

Der Weidener Bundestagsabgeordnete Albert Rupprecht (52) ist von der kirchlichen Jugendarbeit zur CSU gestoßen. "Wir haben uns immer gefragt, wie kann man die Welt besser machen?" Bei den Gruppenstunden in Waldthurn sei es um das Waldsterben und die Entwicklung des ländlichen Raums gegangen. Themen, die damals nicht so im Fokus der CSU standen.

Während seiner Studienzeit in Regensburg habe er sich mehrere Parteien angeschaut, bis er schließlich bei einer JU-Veranstaltung im Kolpinghaus gelandet sei: "Ich sah damals mehr wie ein Öko aus mit Locken-Wuschelkopf", verrät Rupprecht. "Kein typischer JUler, die haben sich gewundert, dass so einer zu ihnen kommt." Aber was und wie diskutiert wurde, habe ihn überzeugt. Er sei bis heute nicht verheiratet mit der CSU, es sei aber der Ort, wo am ehesten umsetzt wird, was er denke. "Ich pflege nach wie vor einen Freundeskreis mit Menschen aus allen Parteien", sagt er, "das gibt spannende Diskussionen."

Albert Rupprecht beim Neujahrsempfang der CSU in Weiden.

Ebeling: "Rückenwind"

Fast kein Optimierungspotenzial kann der Schwandorfer Landrat Thomas Ebeling (44) bei der CSU ausmachen: "Wenn man Rückenwind hat wie wir, ist die Frage, was man noch besser machen kann, nicht einfach zu beantworten", sagt er fröhlich. Sorge bereite ihm lediglich der Trend, jeden zum Feind zu erklären, der nicht der eigenen Meinung sei. "Der Umgangston ist schon oft sehr ruppig." Er sei mit 19 Jahren gleichzeitig der JU und der CSU beigetreten. "Es gab nicht das eine auslösende Ereignis, für oder gegen etwas, ich hatte einfach immer Interesse an der Politik."

Was in heute an Söder fasziniere: "Er ist unheimlich schnell im Thema, inhaltlich in unglaublicher Tiefe." Inhaltlich fahre er genau den richtigen Modernisierungskurs, setze die richtigen Themen: "Er hat ein gutes Gespür dafür, genau die richtigen Strömungen aufzunehmen." Der Erfolg der CSU sei die Fähigkeit, ein Lebensgefühl zu vermitteln, das alle Bevölkerungsgruppen anspreche.

Der Schwandorfer Landrat Thomas Ebeling.

Frauendorfer: "An der Frauenquote arbeiten"

Seit 2014 in der CSU ist die Amberger Stadträtin Michaela Frauendorfer: "Ich wollte mich für meine Stadt engagieren", sagt die CSU-Kreisvorsitzende. Nach dem Studium diverser Parteiprogramme sei als Plattform dafür nur die CSU infrage gekommen. "Wegen ihrer konservativen Werte und weil sie immer wieder einen Interessenausgleich schafft." Die CSU stehe für wirtschaftlichen Erfolg, die Förderung von Eigenverantwortung und lasse trotzdem keinen hängen.

Ein Manko gebe es allerdings noch aufzuarbeiten: "Ich finde es toll, dass der Vorstoß zur Frauenquote von Markus Söder kam." Dass er ihn nicht durchbekommen habe, sei bedauerlich. "Daran müssen wir arbeiten." Sie glaube, dass viele in der Partei inzwischen erkannt hätten, dass man die Geschlechter paritätisch abbilden müsse.

Die Amberger Stadträtin Michaela Frauendorfer (CSU).

Doleschal: "Keine nörgelnde Provinzpartei"

Den internationalen Blickwinkel nimmt Christian Dolezal (32), Europa-Abgeordneter aus Brand ein: "Die CSU hatte immer dann ihre stärksten Phasen, wenn sie sich europäisch ausgerichtet hat, und nicht als nörgelnde Provinzpartei daherkam."

Die Bilder aus dem brennenden Flüchtlingslager in Moria empfindet er als "Schande für Europa": "Es ist allerhöchste Zeit auf europäischer Ebene Lösungen zu finden." An einen Verteilungsschlüssel glaubt er zwar inzwischen nicht mehr, aber daran, dass jedes EU-Mitglied einen Beitrag leisten müsse, "zum Beispiel durch Zahlungen".

Bild: Stephan Huber Europa-Abgeordneter Christian Doleschal aus Brand.

K-Frage schneller als erwartet

Der überzeugte Anhänger der Volkspartei-Idee ist bei der CSU, weil sie Neues zulasse, aber ihren Kern bewahre. Er stelle fest, dass seine Generation pragamatisch Gefallen an Familie, Eigentum schaffen und bürgerlichen Werten finde. "Gottseidank haben wir es auch geschafft, die Nachhaltigkeit wieder glaubhaft auf die Agenda zu setzen." Um die Digitalisierung richtig hinzubekommen, führe kein Weg an einem vernünftigen europäischen Wettbewerbsrecht vorbei: "Die US-Tech-Giganten gehen Richtung Monopol, da muss eine Regulierung her."

Laptop und Lederhose, eine klare Zukunftsvision: Das unterscheide die CSU von anderen Parteien. Und damit stehe Markus Söder schneller als erwartet vor der K-Frage: "Ich habe den Eindruck, die Choreographie ist schon ein wenig auf die Kanzlerkandidatur ausgerichtet", interpretiert er die Zeichen. "Die Aufstellung der Bundestagsliste ist so spät wie nie, der Parteitag wurde verschoben." Sicher habe Söder nur Außenseiterchancen, aber: "Wir haben einen Gestaltungsanspruch, wenn sich die Chance ergibt, muss man bereit sein, Verantwortung zu übernehmen."

Virtuelle 75-Jahrfeier:

CSU-Schlaglichter bei der Hanns-Seidel-Stiftung

Die Hanns-Seidel-Stiftung als politische Stiftung steht der Christlich-Sozialen Union (CSU) nahe und teilt mit ihr die Grundwerte, die auch im Motto der HSS, „Im Dienst von Demokratie, Frieden und Entwicklung“, verkörpert ist. Vor 75 Jahren wurde die CSU in München als politische Partei gegründet. Um dieses Jubiläum zu feiern, organisiert die HSS eine Veranstaltung in München und möchte dies mit allen Interessierten teilen.

Der 12. September 1945 ist der historische Tag der Parteigründung. Für das Jubiläum hat das Archiv für christlich-soziale Politik (ACSP) der Hanns-Seidel-Stiftung Schlaglichter aus 75 Jahren CSU-Parteigeschichte zusammengetragen und präsentiert diese am 12. September 2020 in München als Buch „75 Enthüllungen über eine Partei, was Sie über die CSU wissen sollten!“. Der CSU-Vorsitzende und Ministerpräsident Markus Söder hat als Talkgast sein Kommen zugesagt.

Die Veranstaltung kann per Livestream ab 14 Uhr verfolgt werden. Der entsprechende Link ist unter folgender Adresse verfügbar:

https://www.youtube.com/user/HannsSeidelStiftung und https://www.facebook.com/HannsSeidelStiftung

Anschließend wird eine Aufzeichnung der Veranstaltung ab 19 Uhr (MEZ) auf Youtube verfügbar sein.

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