10.11.2020 - 09:16 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Banken und Sparkassen haben immer weniger Geldautomaten und Geschäftstellen

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Corona wirkt wie ein Turbo bei der Digitalisierung von Banken und Sparkassen. Immer mehr Geschäftsstellen stehen auf dem Prüfstand. Und die dem Bargeld bisher treu verbundenen Oberpfälzer verlieren zusehends die Lust auf Scheine und Münzen.

Nur ein Beispiel in der Region: Die gemeinsame Bankfiliale von Sparkasse und Raiffeisenbank in Michelfeld bei Auerbach (Kreis Amberg-Sulzbach) schließt. Die beiden Kreditinstitute denken jedoch über eine räumliche Zusammenarbeit an anderen Standorten nach.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Die Banken und Sparkassen in der Oberpfalz reagieren mit unterschiedlichen Konzepten auf das veränderte Kundenverhalten. "Das Bargeld ist in der Defensive", sagt Ludwig Zitzmann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oberpfalz Nord. Zitzmann stellt bei seinen Geldautomaten einen Rückgang um 25 bis 35 Prozent fest, während gleichzeitig die Kartenzahlungen um 50 bis 70 Prozent zunehmen.

Bei der Digitalisierung versteht sich die Sparkasse Oberpfalz Nord mit ihrem "der Zukunft zugewandten" Internet-Center an der Hochschule in Weiden nicht als bundesweiter Vorreiter. Zitzmann scheut aber nicht die pragmatische Zusammenarbeit mit Wettbewerbern. Die Sparkasse Oberpfalz Nord teilt sich heute schon fünf Geschäftsstellen in kleineren Orten mit der Raiffeisenbank Oberpfalz Nord: von der gemeinsamen technischen Plattform bis hin zum Beratungszimmer. Ludwig Zitzmann: "Dieses Modell ist ausbaufähig."

Service-Telefonfiliale

Einen kreativen Weg beschreitet ebenfalls die Sparkasse Amberg-Sulzbach. In acht Ortschaften betreibt das Geldinstitut für die Bargeldversorgung Zahlstellen gemeinsam mit Einzelhändlern. Nach Aussage des Vorstandsvorsitzenden Dieter Meier erfreut sich die "Filiale at Home" enormer Akzeptanz: "Wir mussten die Zahl der Mitarbeiter von drei auf sechs verdoppeln." Sie arbeiten von 8 bis 19 Uhr im Schichtdienst und beraten die Kunden per Facetime, Skype oder am Telefon. Dynamisch entwickelt sich die in Amberg beheimatete Service-Telefonfiliale mit 47 Mitarbeitern. Vorstandschef Meier: "Mittlerweile kaufen bei uns zwei andere Sparkassen - eine davon ist deutlich größer als wir - diese Dienstleistung ein."

Rund zwei Drittel der Kunden der Sparkasse Amberg-Sulzbach führen ihr Girokonto bereits online: "Im Alter von 15 bis 85 Jahren. Phänomenal, wie gerade die Senioren digital affin sind", berichtet Vorstandschef Meier. Seine Prognose lautet: "Mittelfristig werden die Filialen der Banken und Sparkassen ganz anders aussehen als heute." Es komme zu einer noch schärferen Trennung bei Bargeldversorgung, Service und Beratung.

Die Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz schließt nicht nur fünf Kleinfilialen diesseits der Grenze, sondern auch zwei von fünf ihrer Geschäftsstellen in Tschechien, nämlich in Marienbad und Plana. Gleichzeitig investiert die RB Nordoberpfalz in die IT der verbleibenden Filialen in Eger, Karlsbad und Pilsen. Vorstandssprecher Bernhard Wolf beziffert den Rückgang durch die Corona-Pandemie an den Geldautomaten auf 20 Prozent und eine Steigerung der Buchungen bei den Girokonten um ein Sechstel, was für bargeldloses Zahlen mit Karte spricht.

Neue Pläne für Sparkasse in Oberviechtach

Oberviechtach

Digitalisierung als Megatrend

"Unser Kundendirektservice, der 50 Stunden pro Woche geöffnet hat, erfreut sich wachsender Beliebtheit, mit 600 Anrufen und immer mehr Kontakten über Chat", erklärt Wolf. Covid-19 beschleunige den "Megatrend der Digitalisierung in einer nicht für möglich gehaltenen Geschwindigkeit".

Zum Thema Zusammenschlüsse äußert sich Wolf zurückhaltend: "Eine Fusion muss zur genossenschaftlichen Kultur passen - und ein gewachsenes Gebiet umfassen." Die RB Nordoberpfalz zahlt ihren Mitgliedern übrigens eine Dividende von 2,25 Prozent.

"Was unterscheidet uns von einer Direktbank, wenn wir flächendeckend nicht mehr vor Ort vertreten sind?", fragt Dieter Paintner, Vorstandssprecher der Volksbank-Raiffeisenbank Amberg. "Regionalität ist unsere Philosophie, und die Filialen sind schließlich wichtige Vertriebspunkte." Bei der Erhaltung des Filialnetzes plädiert er für kürzere Öffnungszeiten: "Da haben wir sofort eine andere Kostensituation." Die seit 150 Jahren bestehende VR Amberg schüttet an ihre Mitglieder eine stattliche Dividende von 3,0 Prozent aus. "Bei 90 Millionen Euro Eigenmittel fallen rund 260 000 Euro für die Dividende marginal ins Gewicht", betont der Vorstandschef. Das exorbitante Wachstum (20 Prozent Eigenmittelquote) bestätige diese Geschäftspolitik.

RB Nord-West: Keine Dividende

Die Raiffeisenbank Oberpfalz NordWest schließt zwar vier kleinere Filialen, aber weitere Geschäftsstellen teilt sie sich mit der Sparkasse Oberpfalz Nord. "Wer kennt besser als die Regionalbanken die Verhältnisse vor Ort?", fragt Vorstandssprecher Joachim Geyer. Was die "Optimierung" der Geschäftsstellen angeht, bestimme letztlich der Kunde durch sein Verhalten, "wohin die Reise geht". Trotz des rasanten Online-Wachstums sei weiterhin die persönliche Beratung bei komplexen Themen gefragt. Die RB Oberpfalz Nord-West zahlt für 2019 überhaupt keine Dividende.

"Die Digitalisierung verändert unser Geschäftsmodell. Einmal im Jahr zur Filiale, 350 Mal Kontakt übers Internet - so entscheiden sich die Kunden heute", unterstreicht Gerhard Hösl, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Sparkassen Neustadt. Mittlerweile nutzen 55,11 Prozent der Kunden die Online-Banking-Angebote, 2019 waren es noch 51,25 Prozent. Hösl bestätigt den Rückgang der Transaktionen an den Geldausgabeautomaten. Deshalb überlege man, pro Standort künftig nur noch einen Automaten zu unterhalten.

Der Freistaat zählt noch 227 selbstständige Volks- und Raiffeisenbanken (Stand März 2020) mit insgesamt 176 Milliarden Euro Bilanzsumme. 2,7 Millionen Bayern sind "Genossen". Für 2021 rechnet der Genossenschaftsverband Bayern (GVB) mit "sieben bis zehn" weiteren Fusionen. Dies bestätigt Pressesprecher Gerald Schneider Oberpfalz-Medien auf Nachfrage. In diesem Jahr kam es bereits zu sechs Zusammenschlüssen.

Gegenüber dem Vorjahr stieg die Online-Nutzung der Girokonten von durchschnittlich 53,7 auf 57,2 Prozent (Stichtag 30. Juni 2020). Der GVB-Pressesprecher betont den "deutlichen Trend hin zum bargeldlosen Bezahlen", vor allem aus hygienischen Gründen. Schneider: "Handling und die Kosten bei bargeldlosen Zahlungsabwicklungen sind häufig günstiger. Die Händler müssen weniger Bargeld vorhalten oder zur Bank bringen."

.Fünf Geschäftsstellen der VR-Bank werden Ende des Jahres geschlossen.

Weiden in der Oberpfalz
Eines der profitabelsten Geldinstitute unter den 841 deutschen Volks- und Raiffeisenbanken leitet ein Oberpfälzer: Leonhard Zintl aus Waldeck im Kreis Tirschenreuth.
Hintergrund:

Ein Oberpfälzer an der Spitze

Eines der profitabelsten Geldinstitute unter den 841 deutschen Volks- und Raiffeisenbanken leitet ein Oberpfälzer: Leonhard Zintl aus Waldeck im Kreis Tirschenreuth.

Die Volksbank Mittweida (Sachsen) steigerte ihre Bilanzsumme – nur durch organisches Wachstum – in den vergangenen 25 Jahren von umgerechnet rund 100 Millionen Euro auf mehr als 2,1 Milliarden Euro. Allein im vergangenen Jahr betrug das Wachstum 17,3 Prozent. Das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit (operativer Gewinn) betrug 30,1 Millionen Euro.

Diese Entwicklung ging in einer strukturschwachen Region mit Sterbeüberschuss und Abwanderung vonstatten. Beim Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken verantwortet Leonhard Zintl als Aufsichtsratsvorsitzender maßgeblich das Digitalisierungsprojekt VR-NetWorld. Zintls Motto: „Einfacher machen.“

Wie Vorstandsvorsitzender Leonhard Zintl gegenüber den Oberpfalz-Medien betont, halbierte die Volksbank Mittweida bereits in den 90er Jahren die Zahl ihrer Geschäftsstellen von 20 auf 10. Die Online-Nutzung der Giro-Konten belaufe sich heute auf über 90 Prozent.

Zintls Erfolgsrezept: „Nähe zum Kunden, Stärke im Vertrieb, Unternehmenskultur aus Vertrauen und Leistung, Wachstum im Volumen, Steigerung der Effizienz, möglichst viele automatisierte Prozesse.“ Angesichts der höchst dynamischen Geschäftspolitik werden die 12 500 Mitglieder mit einer Dividende in Höhe von 2,5 Prozent auf ihre Anteile von bis zu 10 000 Euro belohnt.

 

 

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