06.10.2020 - 15:52 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Amberger Modell therapiert Krebs ganzheitlich

Das Amberger Modell setzt neue Erkenntnisse der Krebsforschung um. Trotz überzeugender US-Studien zieren sich viele Krankenkassen, den integrativen Ansatz zu bezahlen. Und das, obwohl die Therapie Kosten spart.

Kämpfen für das Amberger Modell: (von links) Landtagsabgeordneter a.D. Heinz Donhauser, Patientin Hannelore Fleißer, Leiter Onkologie Dr. Ludwig Fischer von Weikersthal, Chefarzt Prof. Anton Scharl, Fördervereinsvorsitzende Brigitta Schöner, Gastrochef Peter Fischer, Ärztlicher Direktor Dr. Harald Hollnberger, Physiotherapeut Tobias Härtl und Projektkoordinatorin Doris Kölbl.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Im April 2018 wurde bei Hannelore Fleißer ein Tumor in der Speiseröhre festgestellt. "Ich habe vier Chemotherapien vor der OP bekommen und vier nachher." Körperlich sei sie danach viel zu angeschlagen gewesen, um selbstständig Sport zu treiben. "Man hat mich dann auf die integrative Krebstherapie aufmerksam gemacht - genau das Richtige, um wieder Kraft aufzubauen."

Die Ausgestaltung des Programms sei so flexibel, dass sie auch ihre 97-jährige Mutter weiter pflegen habe können - was bei einer Reha, die ihr die Krankenkasse aufzwingen wollte, nicht gegangen wäre. "Ich hatte nach einer Knie-OP vor ein paar Jahren schlechte Erfahrungen gemacht, und wollte lieber das Klinik-Angebot nutzen."

Kasse lehnte ab

Doch obwohl das Amberger Modell günstiger ist als eine Reha, lehnte die Kasse die Finanzierung ab. Fleißer macht trotzdem mit. "Alles war so perfekt geplant, es tut mir wahnsinnig gut." Seit Mitte März kann sie voll arbeiten, seit Juni nimmt sie nach der Corona-Zwangspause das Training wieder auf, besucht einen Ernährungskurs und Yoga. "Es geht mir ausgezeichnet."

Dass Bewegung und Ernährung, psychologische und soziale Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Krebstherapie spielen, kann man seit Jahren etwa beim renommierten Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech nachlesen. Vor allem US-Studien belegten, dass die Rückfallquote durch den ganzheitlichen Ansatz deutlich geringer ist: "Sie unterscheidet sich zwar je nach Krebsart", erklärt Dr. Ludwig Fischer von Weikersthal, klinischer Leiter des Onkologischen Zentrums, "aber die Tendenz ist eindeutig." Bei Brustkrebs habe man das Wiederauftreten der Krankheit um 40 bis 50 Prozent verringern können, bei Dickdarmkrebs um 31 Prozent und bei Prostatakrebs sei die Sterblichkeit um 61 Prozent gesunken.

Vorreiterrolle des Amberger Klinikums St. Marien

Der Weg von der medizinischen Spitzenforschung in die deutsche Praxis ist manchmal lang. Dass dabei ausgerechnet das Amberger Klinikum St. Marien eine Vorreiterrolle spielt, nötigt auch der nationalen Medizinprominenz Respekt ab: "Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für Klinische Naturheilkunde an der Charité, war von der Präsentation unseres Krebszentrums begeistert", sagt Heinz Donhauser. Der frühere Landtagsabgeordnete unterstützt das Amberger Modell politisch: "Wir hatten die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml zu Gast, und auch sie war sehr angetan vom integrativen Ansatz der Klinik."Dr. Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktorund administrativer Leiter des Onkologischen Zentrums, legt Wert darauf, dass das ganzheitliche Modell eine Gemeinschaftsleistung ist: "Das geht nur, weil jemand wie Professor Scharl, Chefarzt der Frauenkliniken, das Thema gepusht hat, Brigitta Schöner, Vorsitzende des Fördervereins Familiengesundheit, ihn unterstützten, weil Physiotherapeuten und Peter Fischer, der Leiter der Klinikgastronomie, mitzogen, und Patienten das Angebot annehmen."

Das 2011 als viertes Onkologisches Zentrum in Bayern zertifizierte Haus versorgte 2019 1872 stationäre, 835 primäre und 4331 ambulante Krebsfälle. Leider kommen nicht alle Patienten in den Genuss der seelisch-körperlichen Rundumversorgung: "Wir haben jetzt mit der DAK einen ersten teilstationärer Vertrag mit reduziertem Leistungsumfang abgeschlossen", schildert Hollnberger den steinigen Weg zur Kostenübernahme, "ein weiterer wichtiger Vertrag nach Sozialgesetzbuch 140a, der eine volle Finanzierung erlaubt, konnte mit der Knappschaft besiegelt werden." Weitere Gespräche seien geplant: "Ministerin Huml und Staatssekretär Klaus Holetschek helfen uns, mit Krankenkassen auf Landesebene ins Gespräch zu kommen."

Bei der AOK laufen gerade Abstimmungs- und Prüfungsgespräche in München, teilt die Amberger Direktorin Christa Siegler auf Anfrage mit: „Eine Terminfindung für November wird angepeilt.“

Das Klinikum St. Marien konnte Melanie Huml, bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege, als Unterstützerin für das Amberger Modell gewinnen.

Vorbilder in den USA

Professor Anton Scharl, der selbst in Chicago tätig war, erläutert die Vorbilder: "In den USA haben bereits über 40 medizinische Zentren, darunter das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York, das Dana Farber Institute und die Harvard Medical School in Boston Abteilungen für Integrative Onkologie aufgebaut, in denen das gezielte Zusammenspiel konventionell bewährter onkologischer Therapien und komplementärer Verfahren erforscht und in die Praxis umgesetzt wird."

In Deutschland kooperieren innerhalb der Kliniken Essen-Mitte seit Anfang 2010 die Klinik für Senologie mit der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, um Patientinnen mit Brustkrebs nach dem neuesten Stand der Wissenschaft integrativ-onkologisch zu behandeln. "Wir wissen von Patienten, dass sie nicht nur passives Opfer sein wollen", sagt Scharl, "Selfempowerment ist kein Hokuspokus, es gibt hervorragende Studien, dass gezielte Bewegung und richtige Ernährung für die Überlebenswahrscheinlichkeit genauso wichtige Bausteine sind wie die Chemo."

Kampf der tödlichen Gefahr: Die WHO warnt, dass bald keine Antibiotika gegen multiresistente Keime mehr wirken könnten.

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Die integrative Onkologie helfe, den Patienten die Angst vor der Diagnose und den Folgen der Behandlung zu nehmen, erklärt Projektkoordinatorin Doris Kölbl. "Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, was kann ich selber tun, um meine Lebensqualität zu steigern und unterstützend an der Genesung mitzuarbeiten?" Weil strukturierte Angebote in vielen Kliniken fehlten, würden bisweilen Angst geplagte Patienten Hilfe bei Heilern oder Scharlatanen suchen. "Wir verbinden klassische Methoden der Schulmedizin mit komplementären Techniken der Entspannung wie Autogenes Training oder Yoga." Auch Kunstkurse, in denen Patienten ihre Ängste und Hoffnungen auszudrücken lernen, gehören zum Programm.

Der Demeter-zertifizierte Biobetrieb Fattoria La Vialla spendet 25.000 Euro für die Integrative Onkologie im Amberger Klinikum.

Bewegung und Ernährung

Zentrale Bausteine der integrativen Therapie sind eine auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmte Trainings- und Bewegungstherapie sowie die Ernährungsberatung. Die Physiotherapeuten Tobias Härtl und Georg Pöllatherstellen individuelle Trainingspläne nach Leistungsvermögen und mit Rücksicht auf geschädigte Körperregionen. "Eine Vielzahl von Forschungen belegen", ergänzt Chefonkologe Fischer von Weikersthal, "dass gezieltes Training die Nebenwirkungen der Chemotherapie deutlich abmildert und das Immunsystem stärkt."

"Wir bieten unseren Patienten ein angeleitetes Krafttraining kombiniert mit Ausdauertraining", sagt Härtl, der sich zusammen mit seinen Physio-Kollegen in Köln fortbilden ließ. "Bei Patienten mit Nervenschädigung wird gezielt das Nervensystem und die Koordination gestärkt." Je nach Krebsart und OP-Folgen stünden andere Muskelgruppen im Fokus. "Wir können dadurch die Lebensqualität deutlich erhöhen und die Rückkehr ins Berufsleben erleichtern."

Wegen Corona: Klinikum Amberg passt Besuchsregelung an

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Halbwissen von Krebs-Diäten

Aufräumen mit dem Halbwissen einer unübersichtlichen Zahl von Krebs-Diäten möchte Gastroleiter Peter Fischer: "Wenn sie Ernährung und Krebs googeln, bekommen Sie Millionen zum Teil widersprüchlicher Ergebnisse." Es gehe darum, das Mikrobiom im Darm nach der Abtötung gesunder Mikroorganismen durch die Chemotherapie durch gesunde Ernährung wiederherzustellen. "Wir zeigen den Patienten zum Beispiel, wie man Sauerkraut selber macht, weil in gekauften Produkten die wichtigen Milchsäurebakterien fehlen."

Hannelore Fleißer haben Fischers Ernährungstipps sehr geholfen: "Ich musste damit leben, dass ich keinen Magen mehr habe, und habe gelernt, den hohen Eiweißbedarf mit Erbsen, Linsen und Bohnen zu stillen." Fördervereinsvorsitzende Brigitta Schöner, die ihren Krebs vor 17 Jahren besiegt hat, wäre um das Amberger Angebot froh gewesen: "Es gab damals leider keine integrative Therapie, ich musste Pferd, Hund und Enkel versorgen."

Totalblockade durchbrochen

Die Wirtschaftlichkeit, die man bei 140a-Verträgen nachweisen muss, belegen internationale Studien: "Die Krankenkassen haben sich zu Beginn total quer gestellt", bedauert Donhauser. "Sie fragten, ob sich US-Studien auf Deutschland übertragen lassen." Inzwischen sei die Totalblockade durchbrochen: "Nach dem Besuch beim Landesgesundheitsrat kommen sie aktiv auf uns zu." Jetzt wolle man eine Ebene höher Überzeugungsarbeit leisten: "Wir sprechen mit dem BKK-Landesverband, dem Verband der Ersatzkassen und dem Verband privater Kassen", sagt Direktor Hollnberger. "Ich bin zuversichtlich."

Studien belegen folgende Erfolge:

Integrative Onkologie hilft bei Nebenwirkungen

  • Hilfe bei Übelkeit und Erbrechen,
  • Minderung klimakterischer Beschwerden bei antihormoneller Behandlung, etwa durch Cimicifugaextrakte, Leinsamenschrot, Akupunktur oder gruppentherapeutische Intervention mit Meditationen und Atemübungen,
  • Minderung der chronischen Müdigkeit (Fatigue),
  • Minderung von Schleimhautveränderungen und Mundtrockenheit,
  • Minderung von Nagelveränderungen,
  • Minderung von Durchfall oder Verstopfung,
  • Minderung von Hand-Fuß-Syndrom sowie Neuropathie,
  • Linderung von Schmerz,
  • Besserung von Schlaflosigkeit, Angst und Depression,
  • Verbesserung der Lebensqualität.
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