18.11.2020 - 17:32 Uhr
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Amberger Klinikchefs fordern mehr Kooperation: Schließung kleiner Häuser droht

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Corona hat eine große Krankenhaus-Reform verzögert: Das große Rad will Bundesgesundheitsminister Spahn erst nach der Bundestagswahl drehen. Die Direktoren des Amberger Klinikums St. Marien denken schon mal laut darüber nach, was sich ändern muss.

Applaus allein reicht nicht, um gutes Personal auf Dauer zu binden: Alle Stationen des Klinikums St. Marien in Amberg schickten Delegierte zur Demo vor dem Haupteingang.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Alles neu macht die Pandemie: Selten waren sich Politik, Ärzteschaft, Krankenhäuser, Krankenkassen und sogar der Bundesrechnungshof so einig: Das Fallpauschalensystem, das viele Häuser an den Rand des Ruins oder darüber hinaus gebracht hat, hat ausgedient. Die Krankenhaus-Landschaft der Zukunft soll von den Ländern bedarfsgerecht für die Regionen geplant und finanziert werden.

Spahn: "Raus aus dem Hamsterrad"

"Wir brauchen geeignete Finanzierungsmodelle, die Anreize zur Effizienz geben und die den unterschiedlichen Aufgaben der Krankenhäuser gerecht werden", fordert etwa Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Auch Minister Spahn will die Vergütung so gestalten, "dass die Krankenhäuser aus dem Hamsterrad herauskommen können und es eine Grundfinanzierung gibt, bei der nicht jedes Krankenhaus gezwungen ist, bestimmte Leistungen vorzunehmen". Er könne sich "auf eine stärkere Selbstkostenfinanzierung einlassen, aber nur unter der Prämisse, dass wir vorher bedarfsgerechte Strukturen definieren".

Wie diese Strukturen aussehen können, darüber machen sich Vorstand Manfred Wendl und Ärztlicher Direktor Harald Hollnberger vom Klinikum St. Marien in Amberg Gedanken. "Der wirtschaftliche Druck wird immer stärker", sagt Hollnberger, "viele Häuser rutschen in Defizite." Statt zu definieren, was für gute Versorgung nötig sei und daraus eine Planung abzuleiten, habe man lediglich versucht, "Betten aus dem Netz zu bekommen".

Jedem Landrat sein Krankenhaus

Dabei räumt Wendl ein, dass es durchaus Überkapazitäten gebe: "In der Vergangenheit hat fast jeder Oberbürgermeister, jeder Landrat sein Krankenhaus gebaut." Aus dieser Historie resultiere eine Vielzahl sehr kleiner Einheiten: "Die medizinisch-technische Entwicklung geht aber in eine ganz andere Richtung." Einen OP-Roboter könnten sich nur große Zentren leisten. "Wir müssen in größeren Strukturen denken", fordert deshalb Hollnberger.

"Einige Häuser wie Waldsassen und Vohenstrauß waren nicht zu halten", urteilt Wendl. "Unter 200 Betten kenne ich keine Klinik, die nur annähernd eine schwarze Null schreibt." Zumal überall die gleichen Vorhaltekosten für Hygiene oder IT-Sicherheit bestünden. "Die Nähe zwischen Amberg und Sulzbach bietet die Chance, sinnvolle Synergien zu entwickeln." Die medizinische Versorgung höre nicht am Ortsschild auf: "Wir haben in Amberg auch viele Patienten aus dem Landkreis Schwandorf", sagt Hollnberger. Nur mit einer abgestimmten Schwerpunktversorgung könne man junge Ärzte und Pflegekräfte anwerben. "Ansonsten besteht die Gefahr, dass nur noch in den wachsenden Großräumen Regensburg und Nürnberg medizinische Vollversorgung möglich ist."

Teure Medizintechnik wie diesen Operations-PC in Weiden können sich kleine Kliniken kaum leisten.

Schließung verhindern

Die beiden Vordenker wollen eine flächendeckende Schließung kleiner Krankenhäuser verhindern: "Wir befürchten, dass diese vom Netz genommen werden, wenn es zu keiner besseren Abstimmung kommt", sagt Wendl. Was heißt das konkret? "Zunächst einmal müssen wir definieren, wie man die stationäre Versorgung organisieren will", erklärt der Vorstand. Wie bei der Luftrettung, die bestimmte Fristen für die Behandlung vorsehe, sollte man Kreise und Standorte festlegen, in denen eine optimale Versorgung umgesetzt werden könne.

"Das ist eine politische Entscheidung", sagt Wendl, eine Länderaufgabe, der diese aber laut Rechnungshof nur ungenügend nachkommen. "Momentan bezahlen wir pro Fall, und jeder Marktteilnehmer schaut, wie er über die Runden kommt." Das führe zu einer Rosinenpickerei, die medizinische Qualität gewinne dabei nicht.

Bundesweites Vorzeigemodell: Die Integrative Krebstherapie in amberg

Amberg

Ein Beispiel: Das Klinikum Amberg habe mit großem Aufwand ein Onkologisches Zentrum eingerichtet: "Man weiß, dass Patienten in solchen Zentren bessere Überlebenschancen haben, aber viele werden außerhalb versorgt", sagt Hollnberger. Dazu komme, dass es nur für stationäre Aufenthalte finanzielle Zuschüsse gebe, nicht aber für die ergänzende Behandlung in gut ausgebauten ambulanten Strukturen im KV-Bereich.

Teure Parallelstrukturen

"Das führt zu Parallelstrukturen, dazu, dass diese Zentren nicht die Patienten bekommen, die sie brauchen." Denn die Bezuschussung werde von Mindestfallzahlen pro Krebsart abhängig gemacht. "Man baut hochwertigste Versorgungsstrukturen auf", kritisiert Wendl, "lässt aber woanders eine Gelegenheitsversorgung zu."

Ein weiterer Dorn im Auge der Krankenhausplaner: "Nach den gesetzlichen Vorgaben müssten in Deutschland Investitionen eigentlich zu 100 Prozent finanziert werden", erklärt Wendl. Tatsächlich komme man nur auf Förderquoten von bis zu 75 Prozent. "Wenn Sie bei einer Baumaßnahme mit Kosten von 44 Millionen Euro knapp 11 Millionen selbst tragen müssen, belastet uns das erheblich." Hollnberger wünscht sich weniger ruinöse Konkurrenz: "Gesundheitsversorgung als Regel- und Schwerpunktversorgung muss man in Regionen denken." Das Klinikum Amberg sei der Grund-, Regel und Schwerpunktversorger für die mittlere Oberpfalz, das Klinikum Weiden für die nördliche. "Gegenseitiger Wettbewerb mit Abwanderung von Patienten schadet dieser Kooperation." Sich auf zwei kleine Landkreiskliniken zu konzentrieren, werde den Anforderungen nicht gerecht.

Der Druck vergrault Mitarbeiter

"Wir sind in einem Teufelskreis aus Betriebs- und Investitionskosten gefangen", führt Wendl aus, "die Krankenkassen sagen, wir finanzieren ja die Betriebskosten, aber das ist nicht die ganze Wahrheit." Noch vor zehn Jahren wiesen rund 75 Prozent aller bayerischen Krankenhäuser ein positives Ergebnis aus, heute sei es umgekehrt. "Viele haben enormen Investitionsstau."

Der wirtschaftliche Druck komme immer stärker bei den Mitarbeitern an. Im ärztlichen Bereich beklage man gravierenden Nachwuchsmangel: "Es gibt viel zu wenig Medizinstudienabgänger." Im Pflegebereich habe man die vergangenen 15 Jahre Ausbildungskapazitäten abgebaut: "Wir haben in Amberg anders reagiert, aber auch wir müssen mit Industrie und Handel konkurrieren - nicht leicht mit Arbeitsplätzen, die 365 Tage 24 Stunden Höchstleistungen erfordern."

Kooperation zwischen Amberger Klinikum St. Marien und der Kliniken Nordoberpfalz AG
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Mehrwert durch Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit zwischen Amberger Klinikum St. Marien und der Kliniken AG Nordoberpfalz trage bereits Früchte.

  • Pränatal- und Perinatalzentrum: Eine sorgfältige Pränataldiagnostik nimmt werdenden Eltern Ängste. Auch die optimale Versorgung der Frühgeborenen habe man gemeinsam auf den Weg gebracht.
  • Frauenklinik: „Für einen Standort allein hätten wir keinen so renommierten Chefarzt gewinnen können wie Prof. Dr. med. Anton Scharl, dem Direktor der Frauenkliniken Amberg-Tirschenreuth-Weiden“, sagt Klinikvorstand Manfred Wendl.
  • Neuroradiologie: Ein Projekt mit Weiden ermögliche die Versorgung schwerer Schlaganfälle. „Wenn ein Patient hier aufschlägt, kommt der Spezialist aus Weiden zu uns“, erklärt Wendl.
  • Labor und Mikrobiologie: Nur durch die Kooperation beider Häuser habe man dafür sehr gut qualifizierte Ärzte gewinnen können. „Es funktioniert nur, wenn es ein Gewinn für beide Seiten ist“, sagt Wendl, „man erreicht so ein größeres Patientenpotenzial.“
  • Andere Kooperationen: „Wir arbeiten aber auch mit den Universitätskliniken in Regensburg und Erlangen eng zusammen“, erklärt Direktor Harald Hollnberger. „Eine Maximalversorgung wie im universitären Bereich können wir im ländlichen Raum nicht bieten.“

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