09.08.2019 - 20:33 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

25 Jahre Aktion Lichtblicke: Ellen, der Lichtblick für Bentota

Was macht man, wenn die Ehe soeben zerbrochen ist und man plötzlich mit einem Gewinn für eine Reise dasteht? Die Kinder sind versorgt, nichts ist mehr, wie es war, da kann man genauso gut in ein Land fliegen, in dem Bürgerkrieg herrscht.

Wenn Ellen Galle nach Bentota kommt, herrscht Feststimmung: Ihr Rollstuhl ist dort Teil ihrer selbst, aber nichts weiter Bemerkenswertes.
von Gabi EichlProfil

Ellen Galle (79) hat genau das getan. Im Alter von 49 Jahren, seit 17 an Multipler Sklerose erkrankt und damals schon deutlich über der einst prognostizierten Lebenserwartung von maximal knapp 40 Jahren.

Bentota in Sri Lanka, ein Ferienort an der Südwestküste - Ellen Galle hätte sich die Reise nicht leisten können, aber sie hatte ja gewonnen. 3000 D-Mark, zweckgebunden für eine Reise, die noch im Winter 1988 auf die Schnelle gebucht werden musste. Im Reisebüro empfiehlt man Galle Sri Lanka, um sie kurz darauf wegen des Krieges zu einer Umbuchung zu überreden. „Aber mir war alles egal“, sagt sie. Und bleibt beim einmal gewählten Ziel. Gottseidank, würden jetzt Kinder und Erwachsene aus Bentota und den umliegenden Gemeinden rufen, könnten sie mitlesen.

Denn Ellen Galle fliegt seither jedes Jahr nach Bentota. Das Land hat sie nie wieder losgelassen. Und sie versucht seit Jahrzehnten, mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln die Not dort zu lindern, die nach dem Tsunami 2004 noch einmal einen unvorstellbaren Höhepunkt erreicht hat. Sie hat eine Schule wieder mit aufgebaut, einen Zufluchtsort für Straßenkinder geschaffen, einzelnen Familien geholfen. All das selbst schwer angeschlagen, angewiesen auf fremde Hilfe, auf den Rollstuhl, auf Menschen, die sie auch einmal tragen, wenn es mit dem Rollstuhl nicht mehr weiter geht. Aber genau das ist den Worten Galles zufolge dort eine Selbstverständlichkeit. Man begegne Menschen mit Behinderung dort ganz anders, sagt sie.

Redakteur Uli Piehler überreicht Ellen Galle den Reise-Gutschein, auf dem nur ein Ziel stehen kann: Bentota, Sri Lanka.

Während hierzulande - allen Bemühungen um Inklusion zum Trotz - ein Gefühl des Andersseins bleibe, werde man dort ohne jede Peinlichkeit gehoben und getragen, und zwar keineswegs nur, weil man wieder viel Geld mitgebracht habe. Ein nicht unerheblicher Grund, warum sie schon ein Jahr später zurückkehrt in ein Land, in dem sie zunächst noch hautnah den Bürgerkrieg mitbekommt. Und weil sie sich eine Rückkehr so ohne weiteres nicht leisten kann, hört sie schlagartig auf zu rauchen und investiert die gesparten Zigaretten in den nächsten Flug.

Aus den ersten zwei Jahren Strandurlaub sind knapp drei Jahrzehnte Entwicklungshilfe geworden. Ein damals junger Hotelangestellter begleitet Ellen Galle heute noch, sie sind längst enge Freunde geworden, und wie jener Tissar sind es heute viele andere in Bentota, für die Ellen nicht die Gönnerin aus dem reichen Deutschland ist, die schon auch, vielmehr aber ist sie die Freundin.

Anfangs vermittelt Galle Patenschaften; daraus entwickelt sich eine umfassende Hilfstätigkeit, finanziert durch Spenden von Privatpersonen und Firmen aus dem Raum Amberg und darüber hinaus.

Ellen Galle, seit Jahren Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), ist Gründerin der Amberger MS-Selbsthilfegruppe. Sie ist als Mitglied des Landesvorstandes aber auch in Gruppen in ganz Bayern bekannt. Mit ihrem Reisegutschein von Oberpfalz-Medien fliegt sie nun zum 31. Mal nach Bentota, Sri Lanka.

Eine neue Rutsche wird eingeweiht: Ellen Galle investiert in kleine wie große ganz unterschiedliche Projekte.
Info:

Zur Person

1940 im Sudetenland geboren, ein Flüchtlingskind, erkämpft sich Ellen Galle die Mittlere Reife gegen den damals allgegenwärtigen Satz „Ein Mädchen braucht das nicht“. Und dann bekommt sie im selben Jahr mit 17 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose. 20 Jahre gibt man ihr maximal noch. Das ist nun 62 Jahre her. Ellen Galle (79) sitzt heute im Rollstuhl, hat sich aber von der Krankheit nie in die Knie zwingen lassen. Sie hätte gern länger als Zahnarzthelferin gearbeitet als nur die vier Jahre, die sie es bis zur Geburt ihres Sohnes getan hat, aber das ehrenamtliche Engagement ließ sie sich von der Erkrankung nicht verwehren. Welche Ausmaße das einmal annehmen würde, das freilich hat sie sich in den ersten Jahren als Hausfrau und Mutter - auf den Sohn folgte bald noch eine Tochter - nicht vorgestellt.

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