27.01.2021 - 00:01 Uhr
BesserWissen

Überlebenskünstler Zitronenfalter

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Unter freiem Himmel verbringt der Zitronenfalter die Wintermonate - unbeeindruckt von Eis und Schnee. Die Natur hat sich für den Schmetterling etwas Besonderes einfallen lassen: Er verfügt über eingelagertes Glyzerin und damit über ein körpereigenes Frostschutzmittel.

Nur die Männchen der Zitronenfalter tragen das auffallend strahlend gelbe Kleid. Die Weibchen sind blass und weißlich-grün gefärbt und werden deswegen oft auch mit dem Kohlweißling verwechselt.
von Christa VoglProfil

"Wenn der Schnee zerrinnt, wenn der Frühling beginnt, wenn die allerersten Veilchen blühn, schwebt ein gelbes Ding durch die Luft dahin, wie eine Blume, so leuchtend und leicht: ein Schmetterling. Du siehst es und freust dich und wunderst dich sehr: Der Zitronenfalter, wo kommt er her?" Keine ganz einfache Frage, die da der Poet Josef Guggenmos aus Irsee in Schwaben den Lesern seines Gedichtes stellt. Wo kommt der Zitronenfalter im Frühling so plötzlich her, kaum dass sich die Sonne einige Tage am Stück gezeigt hat? "Ganz einfach", wird sich der eine oder andere denken. "Er wird sich halt während der kalten Wintermonate irgendwo vor Schnee, Eis und Frost versteckt haben, und wenn es wärmer wird, kommt er wieder hervor."

Eine Antwort auf diese Frage liefert Erwin Möhrlein aus Tirschenreuth, der für verschiedene Artenhilfsprogramme im Landschaftspflegeverband arbeitet und als Referent auch Vorträge zum Thema Tagschmetterlinge im Angebot hat. "Richtig ist, dass der Zitronenfalter den Winter draußen in der freien Natur verbringt. Falsch ist, dass er sich irgendwo einen Unterschlupf sucht", erklärt der 58-jährige Schmetterlingsexperte. Denn im Gegensatz zu anderen Schmetterlingen, die als Falter - in der Fachsprache ist von Imago die Rede - überwintern, brauche der Zitronenfalter keinen Schutz.

Auf Grasbüscheln

Wenn Möhrlein von "anderen Schmetterlingen" spricht, meint er damit zum Beispiel das Tagpfauenauge oder den Kleinen Fuchs, die sich in Höhlen oder Dachstühle zurückziehen, um dort die frostigen Monate zu überstehen. Ganz anders der Zitronenfalter: Er sitzt ungeschützt zwischen Grasbüscheln in der Wiese, an kleinen Ästen von Sträuchern, in Baumspalten. Selbst wenn er komplett von Schnee bedeckt wird, die Temperaturen weit unter null Grad sinken, sucht er sich kein "besseres" Versteck.

Wie er das unbeschadet überlebt? Darauf hat Möhrlein, der auch als Experte für Heuschrecken und Libellen gilt, eine überraschende Antwort: "Der Zitronenfalter hat ein körpereigenes Frostschutzmittel. Und zwar nicht nur im Winter, sondern auch während der übrigen Zeit des Jahres. Durch dieses eingelagerte Glyzerin wird ein Gefrieren der Körperflüssigkeit verhindert." Doch damit nicht genug: "Vor Beginn des Winterschlafs scheidet er einen Teil seiner Körperflüssigkeit aus, um die Konzentration dieses Frostschutzmittels zu erhöhen", erklärt Möhrlein. Damit stehe dann einer Überwinterung unter freiem Himmel nichts mehr im Weg. Selbst Temperaturen bis zu minus 20 Grad Celsius kann der Zitronenfalter aushalten.

Auf der Suche nach ersten Blüten

Geht der Winter dann zu Ende und folgen einige wärmere Tage aufeinander, erwacht der Zitronenfalter aus seinem Winterschlaf und begibt sich auf die Suche nach den ersten Blüten, an denen er Nektar saugen kann. Mit seinem plötzlichen Erscheinen, kaum dass der Frühling begonnen hat, sorgt er allenthalben für Überraschung und zaubert als Sympathieträger meist auch ein Lächeln in die Gesichter seiner Beobachter.

Wobei viele Zitronenfalter gar nicht als solche erkannt werden. Denn wenn ein leuchtend gelber Schmetterling über die Wiese wirbelt und es heißt: "Schau mal, ein Zitronenfalter", müsste es richtigerweise heißen: "Schau mal, ein Zitronenfaltermännchen." Denn nur die Männchen tragen das auffallend strahlend gelbe Kleid, während die Weibchen blass und weißlich-grün gefärbt sind und deswegen oft auch mit dem Kohlweißling verwechselt werden.

Erwin Möhrlein kennt noch eine weitere Besonderheit dieses Schmetterlings: Zitronenfalter haben die höchste Lebenserwartung aller mitteleuropäischen Schmetterlinge: Um die zehn Monate dauert ihr Leben als Falter, sagt der Naturliebhaber. "Auch wenn sie mindestens die Hälfte davon im Winterschlaf verbringen" und zusätzlich ungefähr ab Mitte August in einen Sommerschlaf, eine Sommerstarre, verfallen.

Ruhepause in der Sommerhitze

Aber warum verschlafen sie die schönen Tage? Sind die nicht ideal für einen Schmetterling? "Diese Ruhepause legen sie ein, um die heißesten Wochen, die gleichzeitig auch sehr Nektar-arm sind, besser zu überstehen", erklärt Möhrlein. Sobald allerdings diese Zeit vorüber sei, im Frühherbst, werden sie wieder munter und beginnen erneut, über die Wiesen zu gaukeln.

Noch ist Januar, und die Zitronenfalter draußen in der Natur befinden sich in der Winterstarre. Gut geschützt vor Schnee und Eis durch ihr körpereigenes Frostschutzmittel. Das wird auch noch einige Wochen so bleiben.

Aber dann, erfahrungsgemäß gegen Ende März, wird es endlich wieder so weit sein - oder um es mit den Worten von Josef Guggenmos auszudrücken: "Wenn der Schnee zerrinnt, wenn der Frühling beginnt, wenn die allerersten Veilchen blühn, schwebt ein gelbes Ding durch die Luft dahin, wie eine Blume, so leuchtend und leicht: ein Schmetterling."

Erwin Möhrlein: "Der Zitronenfalter hat ein körpereigenes Frostschutzmittel. Durch dieses eingelagerte Glycerin wird ein Gefrieren der Körperflüssigkeit verhindert."
Service:

Steckbrief: Zitronenfalter

  • Tagfalter aus der Familie der Weißlinge.
  • Flügelspannweite: 50 bis 55 Millimeter.
  • Mattgrüne Raupen mit schwächer ausgeprägter Färbung an den Seiten. Mattweißer Längsstreifen über den Beinen.
  • Vorkommen in ganz Europa (außer im äußersten Norden von Großbritannien und Skandinavien sowie Kreta), im Nordwesten Afrikas, in der Türkei, Zentralasien bis in die Mongolei. Je nach Temperatur findet man sie bis in eine Höhe von 2800 Metern.
  • Temperaturen bis zu minus 20 Grad Celsius sind kein Problem für den Zitronenfalter.
  • Lebensdauer: zwölf Monate, die höchste Lebenserwartung aller mitteleuropäischen Schmetterlinge.
  • Insekt des Jahres 2002 in Deutschland.

Der Weidener Schmetterlingssammler Manfred Ströhle

Weiden in der Oberpfalz

Die Schmetterlingssammlerin Dorothee Hettler aus Fichtelberg

Hüttstadl bei Fichtelberg
Hintergrund:

Gedicht "Der Zitronenfalter" von Josef Guggenmos

Wenn der Schnee zerrinnt, / wenn der Frühling beginnt, / wenn die allerersten Veilchen blühn, / schwebt ein gelbes Ding / durch die Luft dahin, / wie eine Blume, so leuchtend und leicht: ein Schmetterling. / Du siehst es / und freust dich / und wunderst dich sehr: / Der Zitronenfalter, / wo kommt er her? / Es hat gefroren, / es hat geschneit - / wo war er die lange Winterszeit? / Draußen im Wald, / in dem hohen Wald, / steht von Preiselbeerbüschen / ein winziger Wald. / In dem dichten Gezweig / saß er tief versteckt, / wochenlang von Schnee bedeckt, / von mir nicht, von dir nicht, von niemand entdeckt. / Steif und still, / still und steif / saß er und schlief; / kein Toter schläft tiefer, / so schlief er, so tief, / bis der Frühling kam, / der ihn rief. (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Josef-Guggenmos-Erben)

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