20.07.2020 - 15:53 Uhr
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Zeit heilt nicht alle Wunden

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Wenn ein geliebter Mensch stirbt, gibt es kein Zurück mehr. Die Trauer kommt mit Übermacht. Jeder geht seinen eigenen Weg der Trauer und hat seine eigene Geschichte. Trauerseminare können dabei helfen, dass Wunden heilen.

Viele alte Rituale funktionieren nicht mehr. Trauernde müssen deshalb neue Formen finden, ihren Schmerz auszudrücken. Trauerseminare können dabei helfen.
von Christa VoglProfil

Der Tod eines Freundes. Der Eltern. Des Lebensgefährten. Des eigenen Kindes. Es gibt viele Abschiede, die Menschen im Laufe ihres Lebens zugemutet werden. Eng mit dem Tod, dem Verlust und dem Abschied verbunden, ist die Trauer. Dr. Wolfgang Holzschuh kennt diese Trauer nur zu gut. Ganz persönlich, wie jeder andere Mensch auch - aber in besonderem Maße beruflich: Er leitet Trauerseminare.

Von Beruf ist Holzschuh Pastoraltheologe, Diakon und Supervisor und steht als solcher im Dienst der katholischen Kirche. Mit dem Thema Trauer ist er, wie er erzählt, "schon lange unterwegs", bereits seit 25 Jahren. Begonnen hat es mit seiner Promotionsarbeit, es folgten verschiedene Projekte zur Trauerforschung und -begleitung. Seit rund 20 Jahren organisiert er Aus- und Fortbildungen in Trauerbegleitung für Multiplikatoren, Begegnungstage, Treffen im Trauercafé. Auch Trauerseminare bietet er an.

In kleinen Gruppen

Drei Tage dauert so ein Seminar, von Donnerstag bis Sonntag, üblicherweise findet es im Haus Werdenfels in Nittendorf statt, einem Exerzitienhaus in der Nähe von Regensburg. Die Gruppengröße liegt dabei meistens um die zwölf Personen. Das Besondere daran: Teilnehmen kann jeder, unabhängig vom Glauben. Und auch unabhängig vom Nicht-Glauben, das heißt, es können ebenso Menschen daran teilnehmen, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Aber natürlich wird in diesen drei Tagen auch immer wieder über den Glauben gesprochen. Holzschuh sieht das eher pragmatisch: Er sehe sich in erster Linie als Mensch, allerdings mit einem christlichen Menschenbild. Und da bei der Anmeldung zu einem solchen Trauerseminar der Glaube keine Rolle spielt, sind die Teilnehmer sehr unterschiedlich: Menschen, die tief verwurzelt im Glauben sind, Menschen, die auf der Suche sind, aber auch Menschen, die der Kirche den Rücken gekehrt haben.

Eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie haben jemanden verloren, Menschen, die ihnen viel bedeutet haben, sind verstorben. Sie leiden darunter. Und sie trauern. Aber kann diese Trauer so einfach mit einem dreitägigen Seminar bewältigt werden? "Trauer ist ein individueller Prozess und wir unterstützen diesen Prozess. Wir geben Impulse, wir ermutigen, wir geben aber keine Ratschläge. Die Lösung muss jeder selbst finden", sagt Wolfgang Holzschuh, der zusammen mit seiner Frau Sabine diese Seminare leitet.

Bausteine dieses verlängerten Wochenendes sind dabei Mahlzeiten in der Gruppe, offene Gespräche, Abschiedsrituale, Lichterprozessionen, Trauer-Tänze, Wanderungen oder Emmausgänge in der Natur, Singen von Liedern, gemeinsame Gottesdienste, Meditationen und auch die Wissensvermittlung "wie Trauer gehen kann". Die Formen sind vielfältig und abwechslungsreich - auch das gemütliche Zusammensitzen im Bierstüberl, um den Tag ausklingen zu lassen, gehört dazu.

Kirchliche Riten

Trauerseminare gibt es noch nicht sehr lange. Der Grund: "Früher war die Trauer durch die kirchlichen Riten in den gesellschaftlichen Rahmen eingebettet", erklärt Holzschuh. Zum Beispiel durch Gottesdienste, Jahrtagsmessen, Leichenschmaus, die schwarze Kleidung, die Erinnerungskultur auf den Friedhöfen. Diese einzelnen Komponenten zusammen genommen seien wie ein Geländer, an dem sich Trauernde festhalten können, sie sind eine große Stütze für die Trauernden. Und auch ein gewisser Schutz.

Frauen trauern "gefühlsnaher"

Doch diese sichtbaren Formen gehen zurück, die Individualisierung ist auf dem Vormarsch, die Unsicherheit wächst, wie man mit Trauer und auch den Trauernden umgeht. In dieser Entwicklung sieht Holzschuh den Grund dafür, dass Trauerseminare angeboten und auch gerne wahrgenommen werden. Übrigens zum überwiegenden Teil von Frauen: "Auf zehn Anmeldungen kommt nur ein einziger Mann", sagt Holzschuh.

Männer würden in der Regel nach dem Motto "Ich komme allein klar" ihre Trauer bewältigen und unterstreichen mit dieser Einstellung die traditionelle Rollenverteilung. Frauen würden dagegen "gefühlsnaher trauern" und wären bereit, über ihre Gefühle zu sprechen und sich auszutauschen - auch in einer Gruppe. Doch unabhängig davon, wie jeder Einzelne mit der Trauer umgeht, sei es wichtig zu erkennen, dass der Schmerz bei Frauen und Männern derselbe ist, erklärt Holzschuh. "Da gibt es keine Unterschiede."

Narbe bleibt

In der Psychologie wird der Ablauf des Trauerprozesses oft mit der Versorgung einer Schnittwunde erklärt: Sie muss offen gelegt werden, sie muss gesäubert werden. Dann ist es notwendig, die Wunde zu vernähen und anschließend zu verbinden. Schließlich kommt auch noch der Faktor Zeit ins Spiel. Denn die Zeit heilt zwar nicht alle Wunden, spielt aber bei der Heilung eine große Rolle. Übrig bleibt zum Schluss eine Narbe. Dass diese an manchen Tagen weh tue, sei normal. Zum Beispiel an Weihnachten, an Geburtstagen, an Todestagen. Sehr wichtig sei vor allem die oft schmerzhafte Säuberung der Wunde nach der Verletzung. Denn andernfalls würde sie eitern und immer wieder aufbrechen.

Und um in diesem Bild zu bleiben: Mit den angebotenen Seminaren möchte Wolfgang Holzschuh die Trauernden unterstützen, die geschlagenen Wunden fachgerecht zu versorgen. Wunder darf man allerdings nicht erwarten, denn trotz allem gilt: Trauer dauert.

Dr. Wolfgang Holzschuh leitet Trauerseminare im Exerzitienhaus Werdenfels und gibt sein Wissen auch in Seminaren weiter.
Die vier Dimensionen von Trauer. Die Farben stehen dabei für Körper, Gefühle, Denken und Verhalten. Auch Phasen und Aufgaben in der Trauer werden während des Seminars aufgezeigt.
Information:

Trauerarbeit

Das nächste Trauerseminar im Exerzitienhaus Nittendorf im Landkreis Regensburg wird von Donnerstag, 12. November, bis Sonntag, 15. November, angeboten. Weitere Informationen dazu auf www.trauergeschichten.de. Auch in der nördlichen Oberpfalz gibt es viele Angebote zur Trauerarbeit, darunter Trauercafés unter anderem in Amberg, Kemnath oder Waldershof. Das Haus Johannisthal bei Windischeschenbach hat ebenfalls Trauerseminare im Programm. Weitere Informationen auf www.haus-johannisthal.de. (cvl/dt)

Segen für Trauernde:

Gesegnet seist du, damit du deine Trauer zulassen kannst.

Gott schenke dir Tränen und Worte für deinen Schmerz.

Gesegnet seist du, damit dich die Fragen ohne Antwort nicht zerreiben.

Gott schenke dir Menschen, die dir geduldig zuhören.

Gott stärke dich, wenn die Anforderungen des Alltags über deine Kräfte gehen.

Gesegnet seist du, damit du einsame und schwere Stunden überstehst.

Gott stelle Menschen an deine Seite, die dich verstehen und dich nicht verlassen.

Gesegnet seist du, damit deine Trauer einmal vorbei sein darf.

Gott schenke dir wieder Vertrauen ins Leben und Mut, deinen Weg weiterzugehen, deine Zeit zu leben, bis auch du die Schwelle des Todes erreichst.

Trauer um den Vater:

Oberpfalz

Über Hospizvereine:

Weiden in der Oberpfalz

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