16.08.2021 - 15:17 Uhr
KemnathBesserWissen

Wege aus dem Tief: Von der Kunst, die Dellen im Leben auszubeulen

Das Wort Resilienz kommt aus der Physik und beschreibt die Widerstandsfähigkeit eines Materials. Seit einiger Zeit wird es auch in der Psychologie verwendet als Gradmesser, wie Menschen mit Lebenskrisen umgehen und wie sie daraus hervorgehen. Diplom-Psychologin Evelyn Gäbler weiß, wie man Resilienz trainieren kann.

„Hass schadet nur Einem, nämlich dem Hassenden selbst“, sagt die Diplom-Psychologin Eva Gäbler. „Prinzipiell davon auszugehen, dass der andere vorsätzlich böse ist, kostet schnell viel Energie.“
von Christa VoglProfil

Stress in der Arbeit. Probleme mit der Familie. Krankheit. Mobbing durch Kollegen. Kränkungen. Die Scham, etwas nicht zu schaffen. Die Trennung vom Lebenspartner. Das alles sind Beispiele für schwierige Lebenssituationen, die belastend sind und uns umwerfen können. Ob wir aber nach solchen Krisen gleich wieder aufstehen und zum Tagesgeschäft übergehen, oder ob wir wie betäubt liegen bleiben und Zeit brauchen, um wieder hochzukommen und auch wie viel Zeit wir dazu brauchen: das alles steckt hinter dem Begriff Resilienz.

"Resilienz kommt eigentlich aus der Physik und bedeutet Widerstandsfähigkeit, Elastizität, Spannkraft", sagt Evelyn Gäbler, 55, Diplom-Psychologin aus Kemnath. "Es geht dabei im Wesentlichen darum, die Eigenschaft eines Materials zu beurteilen. Resilienz ist ein Gradmesser dafür, wie schnell ein Material nach einer Einwirkung von außen, zum Beispiel einem Stoß, wieder in seine Ausgangsverfassung zurückkommt, wie lange es dauert, bis eine Delle in der Oberfläche wieder verschwindet." Mit Physik hat Evelyn Gäbler in ihrer Praxis eher selten zu tun, mit Resilienz-Training dagegen häufig.

In der Psychologie bezeichnet der Begriff, der seit einigen Jahren ein Modewort geworden ist, die Fähigkeit der inneren Stärke. Die Kraft für Neubeginn. Die Kunst, nach schwierigen Ereignissen, wieder aufzustehen. Oder, um beim Bild zu bleiben: Die Kraft, eine entstandene Delle wieder verschwinden zu lassen.

Viele Menschen verfügen über eine natürliche Resilienz: Sie stecken gelassen weg, was andere schon einmal aus der Bahn werfen kann. Fragt sich, ob eine weniger stark ausgeprägte Resilienz als endgültig akzeptiert werden muss. Oder ob man die eigene Resilienz vielleicht sogar trainieren kann.

"Es gibt bestimmte Eigenschaften, die eine schützende Wirkung haben und damit Resilienz erzeugen", erklärt Gäbler. "Die Sehnsucht resilienter zu werden, stellt also gleichzeitig die Frage, ob ich diese Eigenschaften bereits habe - vielleicht auch durch Erziehung - oder ob ich sie für mich überhaupt erstrebenswert halte."

Mit der Beantwortung bestimmter Fragen könne man seine eigene Resilienz besser einschätzen.

Sind Sie analytisch?

"Eine Situation nicht nur tief verletzt zu erleben, bedeutet auch, sachlich hinterfragen zu können, wie viele Ursachen und wie viele Interpretationen und Bewertungen und Schlussfolgerungen es geben kann", sagt Gäbler. "Neutral beobachten ist etwas anderes, als sofort beurteilen oder bewerten."

Vertrauen Sie, dass jedes Ergebnis einen Sinn haben kann?

"Vertrauen ist das Gegenteil von Angst. Vertrauen überströmt Angst. Vertrauen, dass jedes Ergebnis einen Wert oder Lerneffekt haben kann, nimmt den Stress raus", so Gäbler. "Das Gute im Schlechten sehen zu können, braucht manchmal etwa Abstand. Es sehen zu wollen, ist eine prinzipielle Lebenseinstellung. Resiliente Menschen sind wenig ängstlich."

Sind Sie kommunikativ?

Die eigene Sichtweise sei immer einseitig. "Jede Wahrnehmung ist unvollständig. Kann ich mir das eingestehen? Die andere Sichtweise eines Menschen nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als neu und interessant, als bereichernd zur eigenen zu empfinden, ist eine schützende Eigenschaft."

Sind Sie freundlich?

"Hass schadet nur Einem, nämlich dem Hassenden selbst", verdeutlicht die Diplom-Psychologin. "Prinzipiell davon auszugehen, dass der andere vorsätzlich böse ist, kostet schnell viel Energie. Freundlichkeit hilft, Missverständnisse zu klären, Schutzreaktionen zu entlarven, Emotionen, die nichts mit mir zu tun haben, zu entdecken. Ihr Gegenüber kann sich so schneller entschuldigen und sogar für das Verständnis bedanken."

Sind Sie liebevoll?

Auch liebevoll zu sich selbst. "Oder gehören Sie auch zu den Menschen, die sich selbst ,Vollidiot' und ,blöde Gans' nennen, sich keinen Fehler erlauben und alles zumuten wollen? Bedingungslose Liebe heißt Liebe ohne Bedingungen. Lieben Sie sich so wie Sie sind oder nur wenn...?"

Sind Sie ausgeglichen?

"Wie gern würden wir uns eine Tüte Gelassenheit kaufen, um unsere Aufregung zu dämpfen. Gelassenheit braucht Vertrauen, Liebe, Reflexionsfähigkeit. Wollen Sie daran arbeiten?", fragt Gäbler. Resiliente Menschen sind mit diesen verschiedenen Eigenschaften - analytisch, kommunikativ, vertrauensvoll, freundlich, liebevoll, ausgeglichen - ausgestattet und haben dadurch das Talent, auf wechselnde Situationen flexibel zu reagieren. "Genau diese Flexibilität zu erlernen und dabei zu vermeiden, in alte Denkmuster zu verfallen, ist eine ziemliche Herausforderung", weiß Evelyn Gäbler.

Bei jeder schwierigen Situation könne die eigene Resilienz aufs Neue trainiert werden.

  • Gedanken beobachten
  • Denkfallen identifizieren
  • Problemlösekompetenz trainieren
  • Katastrophendenken stoppen
  • Beruhigen und fokussieren

Das Gute daran: Mit der Zeit fällt es dadurch leichter, die Eindellungen des Lebens wieder auszubeulen.

Wege aus dem Tief: Wieder in Balance kommen

Kemnath

Wege aus dem Tief: Lebensfreude lernen

Kemnath

Wege aus dem Tief: Loslassen lernen

Kemnath
Evelyn Gäbler: "Resilienz bezeichnet die Fähigkeit der inneren Stärke. Die Kraft für Neubeginn. Die Kunst, nach schwierigen Ereignissen, wieder aufzustehen."

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.