17.03.2021 - 10:36 Uhr
KemnathBesserWissen

Mut zum Schnitt: Neues Leben für Opas alten Obstbaum

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Viele Obstbaum-Besitzer wissen nicht, wie sie ihre alten Bäume pflegen sollen. Die Baumpflegerin Katharina Hage verpasst diesen Bäumen mit Schere und Säge eine Verjüngungskur. Der Lohn: schöne Früchte.

Ein alter Apfelbaum vor dem Schnitt...
von Christa VoglProfil

Wenn Katharina Hage mit ihrer Familie durch die Gegend radelt, bleibt ihr Blick öfter an dem einen oder anderen alten Obstbaum hängen. Manchmal würde sie dann am liebsten anhalten, die Baumschere und die Astsäge auspacken und loslegen. Katharina Hage ist Baumwartin, sie kennt sich mit dem fachgerechten Schnitt von Obstbäumen aus. Ihr liegen diese alten Bäume, die oft noch von den Großeltern oder Urgroßeltern der Besitzer gepflanzt wurden, sehr am Herzen. Dank ihrer Ausbildung und der inzwischen gesammelten Erfahrung sieht sie auf einen Blick, wenn mit dem Obstbaum etwas „nicht stimmt“. „Nicht stimmen“ kann dabei viele verschiedene Ausdrucksformen haben.

Fall eins: alte, knorrige Obstbäume, die schon seit Jahren nicht mehr geschnitten wurden. Weil sich früher der Opa regelmäßig um den Rückschnitt kümmerte. Weil ein Stück Wildwuchs für viele Menschen inzwischen zu einem alternativen Garten gehört. Weil die Besitzer nicht wissen, was genau bei einem Rückschnitt zu beachten ist und daher lieber nichts tun.

Fall zwei: Obstbäume, die in einer Art Radikalkur mit der Motorsäge bearbeitet wurden und jetzt ohne Krone und mit willkürlich entfernten Leitästen verloren und kahl auf der Wiese stehen.

Fall drei: Obstbäume, die vom Besitzer Jahr für Jahr zwar mit Gefühl, aber leider falsch geschnitten werden, weil das notwendige Wissen fehlt. Die Folge: Der Baum wird immer höher und immer dichter, während gleichzeitig der Ertrag zurückgeht.

Nicht verstümmeln

„Es ist vor allem wichtig, dass man nicht aus einer Hilflosigkeit heraus den Baum ohne Plan schneidet. Sonst kommt das oft einer Verstümmelung gleich“, sagt Hage und schildert den üblichen Ablauf, wenn sie darum gebeten wird, einen Baumrückschnitt zu machen: „Viele, die einen solchen alten Obstbaum im Garten stehen haben, verfügen zwar über das notwendige Werkzeug für den Rückschnitt. Sie wissen aber nicht, wie sie vorgehen müssen, möchten es jedoch gerne lernen.“ In diesem Fall werde der Baum in einer Art Gemeinschaftsaktion geschnitten. Dabei erklärt Hage jeden Arbeitsschritt: Warum dieser oder jener Ast herausgenommen wird – oder eben nicht. Welches die Leitäste sind und wie sie behandelt werden müssen. Was Wasserschosser leisten und welche davon entfernt werden sollten. „Es ist dann sozusagen Baumschnitt und Privatkurs in einem. Es geht mir vor allem darum, dass die Kunden merken, dass man es lernen kann. Und zwar Männer und Frauen gleichermaßen.“

Aber auch wenn der Baumbesitzer künftig nicht selbst zu Säge und Schere zu greifen möchte, kann er seinen Bäumen etwas Gutes tun: „Man kann sich einfach an den zuständigen Kreisgartenfachberater wenden, der kennt im Normalfall Leute, die sich mit dem Baumschnitt auskennen. Oder man kann im Internet über die Postleitzahlensuche einen Baumwart oder einen Baumpfleger, der in der Nähe wohnt, kommen lassen und die Pflege beauftragen. Wichtig seien dabei aber nicht die Maschinen, die der- oder diejenige mitbringt, sondern vor allem die fachliche Ausbildung. Und da könne man durchaus nochmals nachbohren. „Denn es gibt zwar nicht die einzig richtige Schnittmethode, aber es gibt vieles, was falsch gemacht werden kann.“

Das Ergebnis des fachmännisch durchgeführten Schnitts sei ein starkes, tragfähiges Astgerüst mit guter Belichtung. „Bei ungeschnittenen Bäumen wandert die Ertragszone der Bäume immer weiter nach außen. Gibt es dann in einem Jahr viel Obst, so führt die Hebelwirkung dazu, dass selbst starke Äste unter der Last abbrechen“, erzählt die Baum-Expertin. Andererseits könnten aber zum Beispiel Birnbäume bei guter Pflege durchaus 200 Jahre alt werden. Nach einem solchen Verjüngungsschnitt mit nachfolgend neuem Triebwachstum und der Ausbildung von gesundem Fruchtholz nehme auch die Qualität der Früchte, die vorher nicht selten klein und eher unansehnlich waren, wieder zu. „Oft handelt es sich dabei um alte, regionale Sorten, die gut schmecken und an denen viele Erinnerungen hängen. Nach dem Schnitt hat man wieder Freude daran“, ist sich Hage sicher.

Robuste, alte Obstsorten

Apropos alte Sorten: Auch zu diesem Thema weiß die Baumwartin einiges zu berichten: „Eigentlich wird das Obst aus dem eigenen Garten erst seit ungefähr 15 Jahren wieder mehr geschätzt. Davor wurde lange Zeit lieber Supermarktobst gekauft, statt die eigenen Bäume im Garten abzuernten.“ Doch was war der Grund für diesen Gesinnungswandel? „Die Menschen sind sich wieder mehr bewusst, welche Schätze sie in ihrem Garten haben“, erklärt Hage. Denn in Bezug auf die Inhaltsstoffe, könne weder das konventionelle Supermarktobst noch das Bio-Obst mit den Früchten aus dem eigenen Garten mithalten. „Das liegt an den Sorten. Die sind einfach robuster. Deswegen müssen sie nicht gespritzt werden. Durch die vielen Inhaltsstoffe sind sie auch viel gesünder und häufig sogar für Allergiker geeignet.“

Also ein uneingeschränktes Plädoyer für das Obst aus dem eigenen Garten? „Ja, auf jeden Fall“, ist die Obstbaumexpertin überzeugt. Aber natürlich auch ein Plädoyer für die regelmäßige und fachgerechte Pflege der alten Bäume. Katharina Hage sagt: „So ein Baum ist ja auch ein Lebewesen. Für ihn kann der Baumschnitt im schlimmsten Fall einem Todesurteil gleichkommen. Der richtige Baumschnitt kann aber auch neue Kraft bedeuten – und ein langes Leben.“

Gärtnern ohne Torf

Tirschenreuth
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Schnitttechniken für jedes Baum-Alter

Je nach Alter der Bäume gibt es verschiedene Schnitttechniken:

  • Erziehungsschnitt: wird jährlich gemacht an jungen Obstbäumen in den ersten 8 bis 15 Standjahren (Hochstamm) bis zum Ertragsbeginn.
  • Erhaltungsschnitt: wird nach dem Erziehungsschnitt gemacht bei Obstbäumen, die im Ertrag stehen. Es wird jedes Jahr geschnitten, aber nur wenig, um den Baum im Gleichgewicht zu halten.
  • Verjüngungsschnitt: Wurde der regelmäßige Erhaltungsschnitt nicht gemacht, sind die Kronen oft zugewachsen. Es muss behutsam vorgegangen werden. Am besten sollte dieser „Sanierungsschnitt“ von einem Fachmann vorgenommen werden und auf mehrere Jahre verteilt werden, um die Bildung von übermäßigen Wasserschossern zu begrenzen.
  • Ein Obstbaum, der regelmäßig alle ein bis zwei Jahre geschnitten wird, braucht in der Regel keinen Verjüngungsschnitt.
  • Ein alter Obstbaum, der gut gepflegt ist, kann auch drei bis fünf Jahre ohne jährlichen Schnitt wieder gut überstehen.
  • Rat und Hilfe: Kreisfachberater für Gartenbau und Landespflege (erreichbar über die Landratsämter).
  • Buch-Tipp: „Pflanzung und Pflege von Streuobstbäumen“, Deutscher Verband für Landschaftspflege.
  • DVD-Tipp: „Schnittkurs“ aus der Reihe „Unser Land“ des Bayerischen Rundfunks.

 

 

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