06.08.2021 - 16:18 Uhr
KemnathBesserWissen

Aus der Balance geraten: Wege aus dem seelischen Tief

Wie Menschen mit ihrem Schicksal klarkommen, ist sehr unterschiedlich. Hochs und Tiefs sind normal, sagt die Diplom-Psychologin Evelyn Gäbler. Nur werden die Tiefphasen von der Gesellschaft nicht mehr toleriert.

Viele Menschen trauen sich nicht mehr, Schwankungen ihres Gemütszustandes zuzulassen, sie als normal zu betrachten.
von Christa VoglProfil

Evelyn Gäbler ist Diplom-Psychologin. Zu ihr in die Praxis kommen Menschen mit ganz verschiedenen Problemen und Anliegen. Menschen, die sich gerade in einer emotionalen Sackgasse befinden. Menschen, die nach einem Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen wurden. Menschen, die erschöpft sind und sich wieder stabilisieren wollen. Sie alle suchen Hilfe und Unterstützung. Aber sind sie deshalb krank?

Diese etwas provokante Frage beantwortet Evelyn Gäbler mit einer einfachen Gegenfrage: "Was bedeutet 'krank' zu sein?" Denn dafür gäbe es keine genaue Definition. "Wenn man den Begriff 'krank' googelt, dann erhält man die Information: Krank ist, wenn etwas nicht mehr normal funktioniert", sagt die 55-Jährige mit einer psychotherapeutischen Praxis für Kurzzeittherapie in Kemnath.

Wippe, die nicht mehr pendelt

Für Allgemeinärzte könne das vielleicht ein Patient sein mit einem Knochenbruch, mit Bluthochdruck, mit Grippesymptomen. Für Psychologen, die sich nicht mit der Chemie und der Physiologie des Körpers beschäftigen, sondern mit der Psyche - also der Seele - stelle sich dieses Nicht-mehr-normal-funktionieren völlig anders dar: nämlich in Form von Patienten, die darunter leiden, dass ihr seelisches Gleichgewicht aus der Balance geraten ist. "Das muss man sich vorstellen wie eine Wippe, die nicht mehr pendelt, die auf Grund gekommen ist", sagt Gäbler. "Es funktioniert nicht mehr, dass ich mich selbst wieder ausbalancieren kann." Allerdings müsse man unterscheiden zwischen der Wippe, die nicht mehr pendelt und einer Wippe, die verharrt und anschließend - wenn auch langsam - wieder langsam in Schwung kommt.

Denn: "Jeder von uns hat Hochphasen und Tiefphasen. Und in einer Tiefphase bin ich ja nicht gleich krank, das gehört einfach dazu zum normalen Wechsel", erklärt Gäbler. Solange es immer wieder Auf und Ab gehe, sei die Tiefphase nur eine ganz normale Zwischenphase.

Immer "funktionieren"

Genau diese Tiefphasen werden in unserer heutigen Gesellschaft jedoch nicht mehr toleriert, stattdessen gäbe es ein maschinelles Anspruchsniveau: "Man muss immer gleich gut funktionieren", sagt Gäbler, die diese Rückmeldung regelmäßig von ihren Patienten erhält. Obwohl sie selbst aus ihrer langjähriger Arbeit mit Menschen weiß: "Auch das Kranksein gehört mit zur Gesundheit. Wir sind keine Maschinen. Wir sind Menschen, die Schwankungen haben. Unsere Gesundheit, unsere Liebe hat Schwankungen. Und auch unser Optimismus." Allerdings würden sich viele Menschen nicht mehr trauen, diese Schwankungen zuzulassen, sie als normal zu betrachten. Und zusammen mit dem Anspruchsdenken - nie Fehler zu machen, nie eine Ablehnung zu bekommen, immer alles alleine zu machen - bilde das oft den Anfang einer tiefgreifenden Erschöpfung.

Was also tun, wenn die Wippe gefährlich auf eine Seite - nämlich auf die negative - hängt, wenn sie festsitzt und nicht mehr hochkommt? Keine einfache Frage, gibt Evelyn Gäbler zu. Vor allem, weil jeder Mensch verschieden ist und daher von Fall zu Fall ein individueller Lösungsansatz notwendig sei. "Menschen sind nun mal keine Toaster. Bei einer Maschine kann ich sagen: Wenn das und das nicht funktioniert, dann muss man das und das überprüfen und dieses oder jenes austauschen." Bei Menschen, die aus der Balance geraten sind, gelte das aber nicht. Was dem einen Patienten hilft, hilft nicht unbedingt auch dem anderen. Und genau das mache die Sache auch so schwierig.

Keine Anweisungen

Dabei bedeutet Hilfe in der Psychotherapie nicht, dass die Patienten Tipps und Anweisungen erhalten, wie sie sich künftig in bestimmten Situationen verhalten sollen oder - um bei dem Bild zu bleiben - die Wippe wieder zum Wippen bringen. Gäbler hat auch hier ein anschauliches Beispiel, um die Vorgehensweise zu verdeutlichen: "Wenn Sie in einer Stadt sind, sich nicht auskennen und mich nach einer bestimmten Straße fragen. Dann sage ich zu Ihnen nicht: Gehen Sie jetzt nach rechts, und dann finden Sie gleich auf der linken Seite das Haus, das Sie suchen. Vielmehr ist es so, dass ich den Stadtplan heraushole und ihn aufschlage. Wir gucken uns dann gemeinsam die Karte an und ausgehend von dieser Draufsicht entscheiden Sie, wo Sie hingehen möchten." Und falls die Lebenswippe zwar noch beweglich ist, aber gefühlt immer zur Negativseite tendiert? Helfen in diesem Fall vielleicht Lebensberatungsbücher? Bücher, wie "Sorge dich nicht, lebe!" oder "Die Kraft des positiven Denkens" oder "Die Glücksformel"? "Selbstverständlich helfen die weiter. Und zwar in dem Sinn, dass ich ein Angebot erhalte, das ich vorher noch nicht wahrgenommen habe", sagt Gäbler.

Viele Möglichkeiten

Und ein Beispiel dafür hat die 55-Jährige auch parat: "Wenn Sie als Obst nur Äpfel kennen und dann in ein Obstgeschäft gehen, sind Sie erstaunt: ,Mein Gott, gibt es da viele Früchte.' Und so gibt es auch in den Verhaltensmustern ganz viele Möglichkeiten, die ich noch nicht kenne, aber jetzt nutzen kann. Ich erweitere durch diese Lektüre meinen Horizont."

Andererseits gelte aber auch: "Genauso wie mir im Obstgeschäft nicht jedes Obst schmeckt, wird auch nicht jedes Angebot aus den Lebensberatungsbüchern für alle Menschen passen." Was aber auf jeden Fall gilt: Eine Bereicherung zu dem, was man bereits kennt, ist es allemal.

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Die Serie:

Die Themen der Beiträge

In drei Artikeln, widmet sich die Diplom-Psychologin Evelyn Gäbler diesen Themen:

  • Lebensfreude: "Es braucht ganz wenig, um Glück zu empfinden: Es sind die vielen, einfachen, kleinen Dinge sind, die glücklich machen." (17. August)
  • Resilienz: "Damit ist die Widerstandskraft gemeint, die Fähigkeit, nach Niederlagen wieder aufzustehen." (24. August)
  • Loslassen: "Loslassen bedeutet immer auch Veränderung. Es ist natürlich, dass Loslassen Angst erzeugt." (31. August)
Evelyn Gäbler: „Auch das Kranksein gehört mit zur Gesundheit. Wir sind keine Maschinen. Wir sind Menschen, die Schwankungen haben."

 

 

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