15.04.2021 - 12:57 Uhr
GrafenwöhrBesserWissen

Der Himmel für den Seeadler

Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr ist Keimzelle für die Ausbreitung des Seeadlers. Das militärische Sperrgebiet gilt als einzigartiges Refugium für Tiere und Pflanzen. Viele davon stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Nicht Fuchs und Hase, sondern Adler und Hirsch sagen sich auf dem Übungsplatz gute Nacht. Von einem Hochsitz aus beobachtet ein Seeadler das vorbeiziehende Rotwild.
von Autor MORProfil

"Sie nennen das die bayerische Serengeti. Es ist das lebendigste Naturschutzgebiet Bayerns", schwärmt US-Brigadegeneral Christopher Norrie, der Kommandeur des 7. US-Armee-Ausbildungskommandos, vom Truppenübungsplatz Grafenwöhr. Das 230 Quadratkilometer große Sperrgebiet im Westen des Landkreises Neustadt/WN hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einem einzigartigen Refugium für viele Tier- und Pflanzenarten entwickelt. Was beweist, dass Militär und Natur kein Widerspruch sind.

Von der königlich-bayerischen Armee wurde um 1910 das 90 Quadratkilometer große Gelände südwestlich von Grafenwöhr als Schießplatz ausgewiesen. Im Dritten Reich erfolgte die Erweiterung auf die heutige Größe. 3500 Menschen mussten ihre angestammte Heimat verlassen, 58 Ortschaften, Gehöfte und Weiler wurden abgelöst. Nur noch Ruinen, Mauerreste, Keller und Brunnenlöcher sind davon übriggeblieben. Die Natur holte sich im Laufe der Jahrzehnte zurück, was ihr einst mühsam abgerungen wurde. Seit 1945 wird der Truppenübungsplatz Grafenwöhr von der US-Armee verwaltet, die auch der Hauptnutzer ist.

Ausgezeichneter Umweltschutz

Waldbrände setzten in der Nachkriegszeit dem Gelände stark zu. Bis Mitte der 1990er Jahre kam es durch ausgedehnte Manöverübungen teilweise zu starker Bodenerosion. Gezielte Maßnahmen führten dazu, dass der Übungsplatz Grafenwöhr jetzt wieder grün ist. Mit einer "Umweltverträglichkeitserklärung" hat sich die US-Armee bereits 1977 weltweit den Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben. In Grafenwöhr sorgt die personalstarke "Environmental Division" der US-Armee-Garnison Bavaria für den technischen Umweltschutz und den klassischen Naturschutz. "Die Umwelt schützen - die Truppe unterstützen - die Zukunft sichern" ist der Auftrag der US-Umweltabteilung, die für ihre Arbeit und Erfolge mehrere Preise erhalten hat. Als weiteres Standbein der Natur in Grafenwöhr, zählt der Bundesforstbetrieb. Militärische Nutzung und Naturschutz in Einklang zu bringen, ist der Auftrag der Forstverwaltung schon seit über 100 Jahren, denn bereits 1910 wurde ein Militärforstamt eingerichtet. Forst- und naturschutzfachliche Geländebetreuung, sowie Dienstleistungen für die Streitkräfte zur nachhaltigen Nutzung des militärischen Areals sind die Kernaufgaben des heutigen modernen Bundesforstbetriebs. Auch die Arbeit des Bundesforsts wurde mehrfach ausgezeichnet. Für sein Rotwild-Projekt am Truppenübungsplatz Grafenwöhr erhielt der Bundesforst zusammen mit weiteren Partnern den UN-Dekadenpreis. Durch die konsequente Arbeit von Forst, Umweltabteilung und Militär ist aus dem Truppenübungsplatz ein Schatzkästchen der Natur geworden. Anfang der 2000er Jahre meldete die Bundesrepublik 90 Prozent der Übungsplatzfläche zur Unterschutzstellung im Zuge des EU-Programms "Natura 2000". Die Vogelschutz-Richtlinie und die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union sind somit Gesetz. Der militärische Übungsbetrieb schafft abwechslungsreiche und offene Landschaften und damit optimale Lebensbedingungen. Grünland, Wälder, Heiden, Jura-Felsen, Sumpf- und Torf-Gebiete, Moore und Gewässer sind Grundlagen für die Ökosysteme. Das strikte Betretungsverbot des Übungsplatzes für die Allgemeinheit trägt ebenso zur Artenvielfalt bei. Die Aussage "Die Natur muss nicht für, sondern vor dem Menschen geschützt werden" bewahrheitet sich im Sperrgebiet.

In den vergangenen Jahren machte die Umweltabteilung verschiedene Bestandsaufnahmen und Erhebungen. Die sensationelle Anzahl von rund 3000 verschiedenen Arten von Pflanzen, Insekten, Amphibien, Säugetieren und Vögeln wurde dabei innerhalb des Übungsgeländes registriert. Über 800 davon sind als bedroht oder gefährdet auf der sogenannten "Roten Liste" klassifiziert.

Heimat für Wildkatze und Wolf

Zu dieser einzigartigen Biodiversität zählen unter anderen der Mittlere Sonnentau, Frauenschuh, Küchenschelle, Silberdistel, Heidenelke, europäischer Siebenstern, Sibirische Schwertlilie und auch das Helm-Knabenkraut. Wildkatze, Schwarzstorch, Luchs, Rohrweihe, Kranich, Rohrdommel, verschiedenste Fledermausarten und seit 2016 auch der Wolf haben im Übungsplatz wieder ihre Heimat gefunden. Bereits Ende der 1980er Jahre entwickelte sich im Grafenwöhrer Militärareal eine eigenständige Population mit Fisch- und Seeadler.

Grafenwöhr wurde zur Keimzelle für die Ausbreitung des größten mitteleuropäischen Greifvogels, des Seeadlers in Süddeutschland. Adler sind Aasfresser und leben vom Fallwild und den Fischen in den Seen. Das enorme Rotwild-Aufkommen im Sperrgebiet gibt der Bundesforst auch mit als Grund für den Adler-Bestand an. Durch Landschaftsstruktur und Betretungsverbot ist seit jeher der Übungsplatz idealer Lebensraum für Wild. "Deer Haven - Himmel der Hirsche" nennen die amerikanischen Soldaten den Übungsplatz. Riesige Rudel von Rotwild durchstreifen die Wälder und sind beim Äsen auf den Freiflächen zu sehen, der Truppenübungsplatz gilt als das wildreichste Gebiet Deutschlands.

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