09.08.2021 - 10:50 Uhr
BesserWissen

Abenteuer und Verstecke: Kaninchen brauchen einen Disney-Park

Sie sind flauschig und niedlich. Aber eines sind Kaninchen sicherlich nicht: Kuscheltiere fürs Kinderzimmer. Tipps für eine artgerechte Haltung.

Hauskaninchen lieben es, wenn sie genügend Platz zum Springen und Haken schlagen haben.
von Agentur DPAProfil

Ein Zwergkaninchen, das den ganzen Tag im Käfig hockt, im Sommer mal im kleinen Auslauf auf dem Rasen hoppeln kann oder ständig von Kindern durch die Gegend getragen wird: Das war für viele lange eine ganz normale Form der Kaninchenhaltung. "Gott sei Dank geht die Haltung immer mehr weg von Kindern und auch aus dem Kinderzimmer", sagt Gerda Steinbeißer, Vorsitzende der Kaninchenhilfe Deutschland. Denn Kaninchen seien reine Beobachtungs- und keine Kuscheltiere. Und die typische Käfighaltung alles andere als artgerecht. Schließlich hätten Kaninchen mindestens das Lauf- und Springbedürfnis einer Katze.

Auch Henriette Mackensen vom Deutschen Tierschutzbund freut sich, dass Kaninchen heute immer öfter in großen Gehegen oder Gärten herumlaufen. "Die ganzjährige Außenhaltung ist absolut zu begrüßen", sagt sie. Aber was braucht es dort für die artgerechte Unterbringung? "Das Allerwichtigste: Zwei sind ein Muss", betont Gerda Steinbeißer. "Einzelhaltung für diese sozialen Tiere ist ein No-Go!"

Ein-und ausbruchsicheres Gehege

Sie empfiehlt ein Gehege aus wetterbeständigem, unlackierten Holz, das überdacht und mit Volierendraht bespannt wird. Es muss nicht nur einbruchsicher gegen Raubtiere wie Fuchs und Marder sein, sondern auch ausbruchsicher für die Buddelfreunde - etwa mit Steinplatten oder Volierendraht in der Erde. Kaninchen lieben es zu graben - um dem gerecht zu werden, bietet sich eine Buddelkiste mit Spielzeugsand oder Muttererde an.

In ihrem Gehege sollten die Tiere mindestens sechs Quadratmeter zur ständigen Verfügung haben. Wenn ein Kaninchen nur drei Haken schlagen will, benötigt es dafür schon 2,40 Meter Länge. Deshalb ist ein zusätzlicher Auslauf ideal. Je mehr umso besser. "Hauskaninchen unterscheiden sich da nicht von Wildkaninchen: Sie möchten springen, ihre Füße nach hinten schmeißen und Haken schlagen!" All das trägt zu ihrem Wohlbefinden bei. Den Auslauf sollte man spannend wie einen Disney-Park gestalten: mit Versteckmöglichkeiten und schattigen Plätzen. Denn Kälte können die Tiere viel besser vertragen als Wärme. Deshalb ist eine Außenhaltung auch im Winter kein Problem. "Es ist eine Freude, ihnen zuzusehen, wie sie im Schnee toben!", sagt Steinbeißer.

Freie Wohnungshaltung

Immer mehr Tierfreunde gehen auch dazu über, die Langohren in einem kompletten Zimmer unterzubringen oder wie eine Katze in freier Wohnungshaltung. Wie Bettina Weihe in Iserlohn, die vor fünf Jahren per Zufall an das Widder-Angora-Kaninchen "Herr Simon" kam. "Er läuft überall frei herum und genießt das auch", sagt sie. Und an jedem Morgen komme er in die Küche gehoppelt, um zu betteln. "Er wuselt dann um meine Füße, bis er ein Stück Petersilienwurzel bekommt", erzählt die 47-Jährige. "Das sind die kleinen besonderen Momente mit einem flauschigen WG-Mitbewohner." Doch ganz gleich, ob drinnen oder draußen: Die Umgebung sollte für ein Kaninchen so abwechslungsreich wie möglich gestaltet werden. Dazu gehören nicht nur Buddelkisten, sondern auch Zweige, in die man Futter hängt, das sich die Tiere dann erarbeiten müssen. Zu kaufen gäbe es diverse Intelligenz- und Beschäftigungsspiele.

Und je mehr Artgenossen vorhanden sind, desto spannender ist es natürlich für die Tiere. Wobei die alte Vorstellung, dass Kaninchen gerne mit Meerschweinchen zusammenleben - und umgekehrt- längst überholt ist. "Kaninchen wollen Artgenossen, aber keine Meerschweine. Sie sind einfach völlig verschieden. Sie tun sich vielleicht nichts, aber sie geben sich auch nichts", sagt Henriette Mackensen.

Einig sind sich die beiden Tierschützerinnen, dass Rammler auf jeden Fall kastriert werden sollten. Die Kaninchenhilfe empfiehlt dies grundsätzlich auch für die Häsinnen. Mackensen rät dazu, dies mit dem Tierarzt individuell zu besprechen.

Auf jeden Fall warnt sie davor, weibliche Kaninchen oft auf den Arm zu nehmen und zu streicheln: "Abgesehen davon, dass es Stress hat, können auch gesundheitliche Probleme ausgelöst werden", betont sie. Denn Kaninchen haben keinen saisonal geprägten regelmäßigen Eisprung, sondern bekommen ihn erst beim Deckakt. Oder durch ähnliche Reize wie einen festen Druck auf den Rücken oder eben Streicheln. Durch sogenannte Scheinschwangerschaften kann es langfristig zu tumorösen Veränderungen an Gesäuge und der Gebärmutter kommen. "Es muss klar sein, dass das mit dem Streicheln einfach nicht geht", betont Mackensen. Deshalb sind Kaninchen aus ihrer Sicht keine geeigneten Haustiere für kleine Kinder.

Frisches Futter füttern

Wer lange Freude an seinen Tieren haben will - denkbar ist eine Lebensdauer von sieben bis zwölf Jahren - sollte sie außerdem auf jeden Fall gegen die beiden gefährlichen Virus-Krankheiten RHD 1/RHD 2 und Myxomatose impfen lassen. Und auch das richtige Futter spielt für die Gesunderhaltung eine entscheidende Rolle: Statt mit trockenem Fertigfutter sollte man die Frischköstler lieber mit Wiesengräsern und -kräutern, Heu, Salat, viel Gemüse und etwas Obst versorgen. Da sowohl die Schneide- als auch Backenzähne das Kaninchen-Leben lang wachsen, müssen diese durch die Nahrungsaufnahme abgerieben werden. Möglichst durch faserhaltige Nahrung. Harte Äste sind dabei nicht ausreichend, denn entscheidend ist die Kaudauer. "Wenn ich Körner füttere, werden die Kaninchen wahnsinnig schnell satt und kauen nur kurz, dann erhalte ich den Effekt nicht", sagt Mackensen.

Der Diplom-Psychologe Christoph Jung aus Naumburg ist überzeugt, dass neben der scheinbar unkomplizierten Pflege vor allem das Aussehen von Kaninchen für ihre Beliebtheit verantwortlich ist. "Die großen schwarzen Augen, das flauschige Fell, das wenig aggressive Erscheinungsbild - all das spielt natürlich eine Rolle", sagt er. Tiere überhaupt hätten Einfluss aufs Wohlbefinden: "Sie schütten Belohnungs- und Wohlfühlhormone aus und entspannen unsere Psyche." Kaninchen-Besitzerin Bettina Weihe kann das bestätigen. "Der flauschige Kerl macht uns so viel Freude", gibt die 47-Jährige zu. "Wenn der durch die Bude hoppelt, dann geht einem das Herz auf."

So fühlt sich der Welpe pudelwohl

BesserWissen
Ein Königreich für die Kaninchen: Das überdachte Gehege sollte aus wetterbeständigem, unlackierten Holz sein sowie ein- und ausbruchsicher gestaltet werden.
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.