07.06.2004 - 00:00 Uhr
Oberpfalz

Zwischen Sachbeschädigung und Kunst: Bürgermeister Cerny im Gespräch mit jungen Sprayern: Am Anfang war der Buchstabe

von Jürgen Herda Kontakt Profil

"Klar machen wir da mit", begeisterten sich Martin Raumberger und Daniel Glaser spontan für die Idee, die Unterführung beim Max-Reger-Gymnasium sprüherisch zu gestalten - die Amberger Zeitung und der CSU-Ortsverband Mitte lobten einen Wettbewerb aus, Kunstlehrerin Anne Dreiß koordiniert die Sprüher.

Das "Spannungsfeld zwischen krimineller Sachbeschädigung und künstlerischem Anspruch" hatte Bürgermeister Michael Cerny bei der Eröffnung der Vernissage in der Alten Feuerwache (AZ berichtete) thematisiert. Im Gespräch mit den kreativen Aktivisten suchte der hemdsärmelige OB-Vertreter nach Lösungen, wie sich die Aktivitäten der jungen Wilden in legale Bahnen lenken lassen könnten. "Ist das für euch eine Alternative, wenn wir euch Flächen zur Verfügung stellen?", fragte er den baldigen Kunsthochschüler Robert Deutsch, 23, aus Halle.

"Ja klar, legale Flächen sind doch viel interessanter, um sich auszutoben, weil man mehr Zeit hat und sich besser konzentrieren kann." Robert, der unter 300 Bewerbern einen von zwölf Studienplätzen der Fachrichtung Grafikdesign an der Kunsthochschule Leipzig ergattert hat, betrachtet sich selbst bereits als Post-Graffiti-Künstler: "Ich habe 1994 in Halle mit Writing begonnen und habe mich seitdem schon ziemlich weiter entwickelt. Für mich ist das einfach Sachbeschädigung, wenn Leute die Wände von Wohnhäusern beschmieren. Meistens sind das aber auch absolute Dilettanten." Die Könner der Szene hätten durchaus ihren Ehrenkodex, dazu zähle etwa auch, dass man die Werke der Kollegen mindestens eineinhalb Monate stehen lasse: "Solange muss man sich das anschauen können, danach kann man drüber sprühen. Das ist ein ständiger Prozess, ein künstlerischer Wettbewerb." Ärger gäbe es nur, wenn der, der drüber male, qualitativ schlechter sei. Robert engagiert sich seit seiner Zeit als Zivi in Regensburg bei Writing e. V. - Verein für Graffiti-Kultur: "Die Subszene ist da strikt dagegen, das ist denen zu kommerziell." Der Amberger Vertreter der sprühenden Künste, Martin Raumberger, 19, möchte dem Oberpfälzer Verein bald beitreten: "Ist eine coole Sache." Sein Bild ist leider in der Ausstellung nicht zu sehen, weil "es blöderweise zu groß für den vorgesehenen Platz" ist. Martin, der vor zwei Jahren zur Szene stieß, macht, nachdem er anfangs ein wenig Ärger hatte, "nur noch legale Sachen". "Angefangen hat alles mit Hip-Hop und Skateboard, das spielt alles mit rein." Obwohl er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten durchläuft, möchte Martin in die Fußstapfen eines anderen Raumbergers treten: "Mein Opa war ja Künstler."

"Kunst oder Design" möchte Daniel Glaser, 20, aus Kastl studieren. Momentan baut er sein Abi am dortigen ungarischen Gymnasium. "Mit zwölf habe ich angefangen, so ein bisschen rum zu kritzeln, seit ich 18 bin, beschäftige ich mich intensiv mit den Buchstaben", beschreibt der Autodidakt seine Entwicklung. Inzwischen experimentiere er auch viel mit Mischtechniken auf Leinwand oder Holz, am liebsten seien ihm aber immer noch Wände. "Protest gehört schon auch ein wenig dazu", gibt Daniel zu. Man soll nachdenken über seine Metaphern, etwa, wenn ein Totenkopf den Krieg im Irak anprangere. "Die andere Seite ist das Erzeugen von Gefühlen mit Farben und Formen", beschreibt er die sinnliche Dimension seiner Kunst.

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