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Von Heinrich Mayer  |  18.11.2006  | Netzcode: 10946064  |  411 Mal gelesen.

Das geht unter die Haut

"Halbwertszeiten": Ein Film über die WAA und die Menschen damals und heute - Am 27. im ZDF

Kölbldorf/Wackersdorf. "Wenn sie gekommen wäre...", sagt er und zögert. Schließlich vollendet er den Satz: "...dann wären wir abgehauen." Der Kölbldorfer Landwirt Josef Fischer ist eine der Hauptfiguren in "Halbwertszeiten", dem Dokumentarfilm über die Menschen während des WAA-Baus und ihre heutige Befindlichkeit. Gert Wölfel, damals bei der DWK, sieht in der WAA "sein Schicksal".

Was bewegte die Menschen damals, dem atomaren Großprojekt Widerstand entgegen zu setzen? Wie sahen es die Verantwortlichen? Und: Wie ist ihr Gemütszustand 17 Jahre nach dem "Aus" im Taxöldener Forst? Irina Kosean näherte sich der Thematik behutsam und sie suchte dafür Menschen, die sich dabei gegenüberstanden. Beispielsweise Josef Fischer und Irmgard Gietl auf der einen Seite, Gert Wölfel und den damaligen bayerischen Innenminister Karl Hillermeier auf der anderen.

"Bevölkerung missbraucht"



"Wir wollen doch der Oberpfalz was Gutes tun, qualitativ hochstehende Arbeitsplätze bringen", habe Franz Josef Strauß gesagt, erinnert sich Hillermeier in dem Film. "Er war sehr verärgert und enttäuscht", fügt der Senior an und verweist darauf, dass er noch als einziger aus der damaligen Führungsriege am Leben sei.

Wie damals ist Hillermeier auch heute noch überzeugt davon, dass die Oberpfälzer Bevölkerung von Auswärtigen missbraucht worden sei. Untermauert wird dies von der Strauß-Aussage, die Chaoten hätten Frauen und Kinder als Schutzschilde verwendet. Und der ehemalige Innenminister hält es nach wie vor für einen Fehler, dass die Anlage nicht fertig gestellt wurde.

Gert Wölfel sollte die WAA zwischen 1994 und 1996 "zum Laufen bringen". In seinem Aufgabenbereich eher eine Zwischenstation. "Wackersdorf wurde aber meine Endstation, meine neue Heimat", ergänzt er.

Die "Widerstandssocken"



Irmgard Gietl erzählt von der Angst und gleichzeitig dem Antrieb, etwas gegen das Projekt zu tun. "Widerstandssocken" für die kalte Jahreszeit wurden gestrickt und immer wieder führte der Weg hinaus in den Forst zur Großbaustelle.

Nächster Szenenwechsel: Hausdurchsuchung bei Josef Fischer. "Es war schon beängstigend", beschreibt der Landwirt die Szenerie, als 500 Polizeibeamte seinen Hof umstellten. Begründung der Aktion: "Nächtliche Arbeits- und Metallgeräusche im Stall, logistische Basis für Aktionen". Die Geräusche gebe es auch heute noch, schmunzelt Fischer. Eingeblendet werden seine Kühe, die mit den Ketten rasseln.

Der dokumentarische Charakter des Werks kommt immer wieder zum Ausdruck. Filmische Sequenzen von Auseinandersetzungen an der Befestigungsanlage werden eingespielt, ebenso von der Hüttendorf-Räumung am 7. Januar 1986, der "Pfingstschlacht" am 19. Mai des gleichen Jahres und dem Einsatz der Berliner Kräfte am 10. Oktober 1987.

Freude und Trauer



Bilder, die auch 20 Jahre danach noch für Beklemmung sorgen. Gleiches gilt für die Tage nach Tschernobyl, als es hieß: "Keine Gefahr, wir haben alles in Griff." Und dann ist da noch Rio Reiser: Beim legendären Open-Air auf dem Burglengenfelder Lanzenanger sang er sich seinen Zorn von der Seele.

Zu Wort kommt auch die heutige Jugend, die angeblich angepasst vor sich hin lebt. Und wie sieht es mit den damaligen Beteiligten aus? Ein "alter Frontkämpfer", der auch in der Oberpfalz hängen geblieben ist, würde sich schon wünschen, dass dieses damalige gegenseitige Verständnis im WAA-Widerstand noch Bestand hätte: "WAA's gäbe es genug, wenn auch auf anderen Feldern."

Die Freude über das "Aus" des Großprojekts 1989 habe sich vermischt mit einer Art Trauer und der Ahnung, dass dieses Gemeinschaftsgefühl wohl der Vergangenheit angehöre. Und so sei es auch gekommen.


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