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Von Anastasia Poscharsky-Ziegler  |  11.04.2006  | Netzcode: 10865200  |  600 Mal gelesen.
Leipzig

"Heimat als Übereinkunft der Sehnsüchte"

Zu Gast bei den 22. Weidener Literaturtagen: die Autorin Susanne Heinrich - Teil VIII

Leipzig. Die 21 Jahre junge Autorin Susanne Heinrich ist gebürtige Leipzigerin und studierte in ihrer Heimatstadt am Deutschen Literaturinstitut. Wenn sie nicht gerade schreibt, tritt sie als Sängerin einer Band und in einem Chanson-Programm auf. Susanne Heinrich erhielt etliche Stipendien und Auszeichnungen, darunter den Limburg-Preis für literarische Prosa 2003.

Susanne Heinrich
Susanne Heinrich.
Susanne Heinrich stellt in der 3. Kollektivlesung (14. Mai, 10.30 Uhr im Kunstverein Weiden) ihre Erzählungen "In den Farben der Nacht" vor.

Heimat ist das Gegenteil von Fremde, das Museum unserer Kindheit, der Fluchtpunkt der Erinnerung. Welche Assoziationen fallen Ihnen zu "Heimat" spontan ein?

Heinrich: Eine Erfindung zur Bündelung der Sehnsucht /Willkürliche Bezeichnung des Ortes oder der Umstände, auf die die meisten Gefühle abzielen /Oder auch: Sumpf der ewigen Herkunft?

Für den Philosophen Ernst Bloch war die Heimat die Zielsetzung allen Hoffens", niemals ein Ort, sondern ein Prozess. Für Hilde Domin war das Meer die Heimat, für Herbert Achternbusch ist sie das Ewige, Lautlose ... und für Sie?

Heinrich: Für mich ist Heimat eine Übereinkunft der Sehnsüchte, eine Gerichtetheit aller Empfindungen. Sie ist aber auch, manchmal nur, ein temporärer Eindruck, ein Gefühl von Kongruenz, ein Gefühl, in eine bestimmte Landschaft, eine Umwelt, eine Situation, eine Szenerie zu passen, mich in ihr aufzulösen.

Wo liegt Ihre persönliche Heimat? Ist das ein Garten, eine Stadt, oder wo der Schreibtisch steht?

Heinrich: Meine persönliche Heimat liegt in der Mitte zwischen mir und meinem Geliebten, oder um uns herum, als eine Wolke, die uns folgt.

Was trennt Sie von der Heimat?

Heinrich: Tatsächlich nichts. Störend wirkt allerdings vieles: jedes unbestimmte Außen. Der Literaturbetrieb zum Beispiel.

Welche Rolle spielt Heimat in Ihrem schriftstellerischen Werk?

Heinrich: Nun, nach meiner vagen Definition eine relativ große. Ich wage nun einfach einmal, den Begriff des Glücks nahe an den der Heimat zu rücken. Meine Figuren suchen Heimat und Glück außerhalb ihrer selbst, in Form von explosiven, exzentrischen, aufgeladenen Begegnungen zum Beispiel. Glück und Heimat aber verhindern sie selbst: durch eine Lust an der dauernden Bewegung, Veränderung, an der Auflösung, dem Scheitern. Vor Gleichförmigkeit schrecken sie zurück. Sowohl Heimat als auch Glück sind für mich jedoch beides Dinge, die viel mit Gleichförmigkeit, wenn auch nicht mit Bewegungslosigkeit, so doch mit Ruhe zu tun haben, zu beschreiben vielleicht am ehesten mit dem biologischen Beispiel der Zelle: eine gallertartige Masse, die sich um einen stillen Zellkern herum bewegt.

Woran arbeiten Sie gerade?

Heinrich: Ich arbeite an dem Versuch eines Pendants zu "In den Farben der Nacht", einem Roadmovie, der die romantische Liebe mit allen ihren romantischen Termini und romantischen Werten (Unterwerfung, Auslieferung, Abhängigkeit, Absolutheit) in unsere Zeit transponiert. Das ist ein anstrengendes und schwieriges Unterfangen, denn "hymnische Kunst", die eben keinen Mangel beschreibt, sondern ein Funktionieren, einen Genuss, wie sie zu Zeiten der Griechen zum Beispiel existierte, ist selten geworden.

Sind Ihnen die Literaturtage ein Begriff? Mit welchen Erwartungen kommen Sie nach Weiden?

Heinrich: Sie waren mir bisher kein Begriff. Ich freue mich auf anregende Gespräche und guten Wein.

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