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Von Michael Zeißner  |  10.09.2005  | Netzcode: 10766506  |  282 Mal gelesen.
Schwandorf

Eine Kathedrale der Zivilisation

Das neue Verwaltungsgebäude des Müllkraftwerks sucht die architektonische Aussöhnung

Schwandorf. Der Prozess der Zivilisation, um nur zwei Beispiele zu nennen, hat nicht nur elektrischen Strom oder das Organisationsprinzip der großindustriellen Serienfertigung hervorgebracht. Er birgt auch so manchen Trugschluss in sich. Etwa, Landschaft und Natur gleich zu setzen.

Nirgendwo findet sich ein Flecken Erde mehr, der nicht direkt oder mittelbar von menschlichem Handeln beeinflusst, gestaltet ist. Landschaft ist - zumindest in Europa - immer Kulturlandschaft. Bernd Lederle spricht deshalb lieber von "Topografien". Dieser Begriff verschmilzt für den Stuttgarter Architekten die seiner Auffassung nach nur noch rhetorisch aufrecht erhaltene Unterscheidung zwischen Gebautem, Bauten und Landschaft. Nach der Maxime der Aufhebung dieser Kategorien entwirft er.

Das jüngste Projekt ist der neue Verwaltungsbau des Zweckverbandes Müllverwertung Schwandorf, ZMS. Ledere ging als Sieger eines Architektenwettbewerbs mit ursprünglich fast 1000 Interessenten hervor und bekam sogar den Zuschlag zur Umsetzung. Sogar. Denn der Entwurf des 41-jährigen Inhabers des Stuttgarter Büros "archimedialab" mutet nach üblicher Terminologie avantgardistisch an. Lederle charakterisiert ihn wortspielerisch als "eigentlich eher konservativ, weil ökologisch".

15. September 2007



Distinguierte Allüren liegen dem 2,03-Meter-Mann fern. Er meint, was er sagt. Demnach wird das neue ZMS-Gebäude am 15. September 2007 eingeweiht, steht er jetzt im Wort. Auf den Tag zwei Jahre nach Lederles bisher größtem und renommiertestem Projekt, dem Neckar Forum Esslingen: einem neuen Stadt- und Kongresshallen-Ensemble samt Hotel am Fuße der Esslinger Burg.

Auch hier habe er die Philosophie eines möglichst fließenden Übergangs von vorgefundener und gestalteter Topografie verfolgt. "Ein Gebäude darf nicht einfach als Objekt in der Gegend herum stehen", verwahrt er sich. Auf das Schwandorfer Projekt übertragen heißt das, die Dominanz der rein zweckbestimmten Ästhetik einer großtechnischen Anlage aufzuheben.

"Schon auf der Heimfahrt" sei klar gewesen, dass der künftige Verwaltungsbau des Dachelhofener Müllkraftwerkes in dem Lärmschutzwall aufgehen müsse. Damit war die sichelförmig-gestreckte und rechtwinklig zur Längsachse abgerundete Kontur des Baus vorgezeichnet. Ledere und seine Mitarbeiter hatten sich die Anlage angeschaut und konsequent aus diesen Eindrücken den Entwurf destilliert.

So ungeradlinig sein bisheriger Lebens- und Berufsweg ist, so offen soll sein "archimedialab" für Gedanken, Ideen rund um Architektur sein. Nicht zuletzt deshalb umgibt sich unter anderem der 41-Jährige gerne mit Studenten seiner Profession aus aller Welt. Der Vater schon baute Häuser und der Sohn wollte sich erst einmal richtig "Hardcore-Ingenieurtechnik" aneignen. Das Studium der Luft- und Raumfahrttechnik schmiss er bald wieder. "Dann noch Bildhauerei und fertig ist der Architekt", spann Lederle vor sich hin und trampend durch die Welt.

Klingende Namen



Zwei Jahre später nahm die Biografie eine zielführendere Wende. Architekturstudium in England. Nach dem Bachelor ging es nach Los Angeles an das private Southern California Institute of Architecture. Dort schloss Lederle mit dem Master ab. In dieser Zeit wurde "archimedialab" gegründet, kurzzeitige Engagements bei Daniel Libeskind (Jüdisches Museum Berlin; Freedom Tower New York) inklusive. 2000 ging es mit dem Büro zurück in das heimatliche Stuttgart. An Referenz- und Renommier-Entwürfen herrscht kein Mangel mehr: erster Preis bei dem Wettbewerb Olympiadorf Leipzig, Neckar Forum Esslingen und die "etwas krassen" Skizzen zu einem Reutlinger Kulturzentrum, dessen Chance der Realisierung in abgemilderter Form plötzlich wieder etwas gestiegen sind.

Dominanz relativieren



Fakt ist das Müllkraftwerk, drei Millionen Euro wird es kosten. Und wieder macht sich Lederle an die Aufhebung von seiner Meinung nach nur vermeintlichen Widersprüchen. Dominant thront die Anlage in der ausladenden Naabniederung auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, zu dessen Füßen im Norden und Osten der Stadtteil Dachelhofen liegt. Seit das Bayernwerk geschleift ist, steht der schon immer eng miteinander verflochtene Komplex Nabaltec (früher VAW-Nabwerk) und Müllkraftwerk als Synonym für die montan-industrieelle Vergangenheit einer im Grunde ländlich-agrarisch strukturierten Region.

Das Dachelhofener Müllkraftwerk symbolisiert kathedralengleich zudem den Grad heutiger europäischer Zivilisation. Es speist sich ausschließlich aus den Abfällen einer Durch-Und-Durch-Industriegesellschaft und versucht mit einem gewissen ökologischen Anspruch, via Kraft-Wärme-Kopplung und ausgefeilter Filtertechnik noch das Beste daraus zu machen. Das kommt Lederle, der sich selbst als einen ökologisch denkenden Menschen beschreibt, nur entgegen.

Standen anfangs noch entwurfs-ästhetische Erwägungen im Vordergrund, denkt "archimedialab" inzwischen mehr und mehr darüber nach, wie die Pläne möglichst ressourcenschondend umgesetzt werden können. Da bricht der Ingenieur in dem Architekten durch, der natürlich das Energiepotenzial des Kraftwerks nutzen möchte. Nicht aus verschwenderischer, sondern schwäbisch-sparsamer, respektive -ökologischer Sicht.

An anderer Stelle hat der 41-Jährige seine Schwandorfer Pläne als "Dekonstruktion des Unterschieds zwischen Landschaft und Gebäude" beschrieben. Sie, unterstreicht er, ziele auch auf eine Art architektonisch manifestierte Aussöhnung der Anlage mit ihrem Standort ab. Das Müllkraftwerk solle nicht mehr ausschließlich als ein Fremdkörper wahrgenommen werden.

Grenzlinien fallen



Deshalb die baulich fließenden, mit dem Leben arbeitender Menschen erfüllten Räume als Aufhebung starrer Grenzlinien zwischen einem Innen (Abfallverbrennung) und Außen (Abfallentstehung) der Anlage. Wem das zu elitär klingt, rät Lederle, der möge sich bis zur Fertigstellung des Komplexes gedulden. Nicht nur einmal habe er die Erfahrung machen können, dass seine Entwürfe anfangs skeptisch bis ablehnend aufgenommen würden. Wenn sie dann aber Realität geworden seien. sehe die Welt anders aus. Fließend eben, als Absage an das Denken in starren Kategorien.


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