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Von Josef Maier  |  06.08.2005  | Netzcode: 10752592  |  241 Mal gelesen.

Wenn Harvard das sehen könnte ...

Europa im amerkanischen Osten: das schicke Boston und das schlaue Cambridge - Die Spur der "Revoluzzer"

Boston/Massachusetts. Gelassen sitzt er da. John Harvard beobachtet das bunte Treiben. Erfahrene Studenten führen solche, die dies auch werden wollen, durch den Park. Die Grüppchen werden von Touristen gekreuzt. Die zücken Kameras, stehen staunend vor den Backsteingebäuden, hinter denen die künftige Elite geschult wird.

Harvard - auch das Denkmal auf dem Sockel - ist eine Attraktion. Und das nicht nur für die Söhne und Töchter, deren Väter Tausende von Dollar pro Semester hinblättern. Eine der weltberühmtesten Universitäten lockt auch immer mehr Touristen an. "Auch weil es um den Harvard Square immer mehr kleine Geschäfte und Kneipen gibt", erzählt Raghida. Die Libanesin arbeitet hier in einem Institut für Chemie.

Standesgemäß tafeln



Auch sie trifft täglich neben ihren Studenten Gaukler, Artisten, Künstler - und auch Überlebenskünstler. Ein Schachmeister mit altem Strohhut und mürrischem Gemüt bietet für zwei Dollar eine Übungsstunde an. Irgendwie hat hier alles mit Denken und Lernen zu tun.

Knapp 100 000 Einwohner zählt Cambridge im Norden Bostons. Der Flecken nördlich des Charles River ist eine eigene City. Nur allzu gern würden sich die Bostoner Stadtväter die Universitätsstadt einverleiben. Doch mit Harvard und der zweiten weltberühmten Universität, dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den Stadtmauern, lässt sich wunderbar wuchern. Auch mit der Memorial Hall of Civil War.

Vier Kilometer Geschichte



Etwa 300 Meter vom Harvard Square entfernt ragt dieses Gebäude in den Himmel. Ein kirchenähnlicher Bau. Drinnen kleine Räume, auch eine Mensa ist mittlerweile untergebracht. Man tafelt hier standesgemäß. Der Campus ist größer und grüner als anderswo. Das Studentenvolk sowieso bunter. Es gibt hier zehn Fakultäten mit 160 Studienrichtungen. Mehr als 40 Nobelpreisträger drückten hier die Uni-Bank. Derzeit gibt es fast 20 000 Studenten.

Und die zieht es manchmal natürlich auch hinüber über den Charles River nach Boston, zur wohl europäischsten aller amerikanischen Metropolen. Obwohl, die Stadt selbst zählt vielleicht einmal 650 000 Einwohner, der Rest von etwa zwei Millionen hat sich im Umland niedergelassen. Boston ist wirtschaftlich stark, junge quirlige Firmen siedeln sich hier an. Boston lässt sich dennoch nicht verbiegen, widerlegt voll und ganz das Klischee, die da jenseits des großen Teichs hätten keine Geschichte.

In Boston sind die Spuren immer noch deutlich. Im wahrsten Sinne des Wortes auf dem vier Kilometer langen Freedom Trail, dem Weg der Freiheit. Eine rote Linie, aufgemalt oder mit roten Backsteinen gepflastert, führt durch die City.

Im Boston Harbour erinnert ein Museum an den erbitterten Krieg zwischen Mutterland und den nach Unabhängigkeit Strebenden in der Neuen Welt. Im Dezember 1773 kippten die Einheimischen Tee aus England wegen der hohen Zölle ins Wasser. Die "Boston Tea Party". 1776 vertrieb George Washington die englischen Truppen endgültig aus der Stadt. Erinnerungsstücke und Dokumente zeichnen das Ereignis nach.

Weiter geht es zur Faneuil Hall, wo sich einst die "Revoluzzer" trafen, und danach zum Quincy Market, wo schon vor Jahrhunderten kräftig gehandelt wurde. Stattliche Gebäude säumen den Weg, wie das Old State House oder Massachusetts State House. Von Letzterem ist schon von weitem seine goldene Kuppel zu erkennen. Hier wird Politik gemacht, genauso wie im Viertel dahinter. Zumindest hat dort John Kerry, US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten von 2004, hier seine luxuriöse Stadtvilla. Im Kampf ums Weiße Haus verwies er auch immer wieder auf seine Bostoner Herkunft. Ohne Erfolg, nur allzu gerne hätten die meisten der Leute hier einen der ihren in Washington am Ruder gesehen.

Kitschige Schwanenboote



Wahrscheinlich auch die jungen Leute, die nicht weit entfernt davon im Common Park diskutieren. "Unseren kleinen Central Park", nennt Raghida die ausgedehnte Grünanlage. Den New Yorkern haben sie schon mal voraus, dass es sich um den ältesten Park der USA handelt. Früher wurden dort Todesurteile vollzogen, heute tobt hier das Leben. Abkühlung verschafft der Frog-Pond. Ein fast nur knöcheltiefer See, den die Kids lieben. Etwas weiter unten kreisen Schwanenboote durchs Wasser. Auch Raghida findet's "ein bisschen kitschig". Dennoch: An Sommertagen, erzählt sie, sei das der totale Renner.

Dahinter beginnt das edle Boston. In der Newbury Street ist der Reichtum zu Hause. Wie eine Lebensader zieht sich die Straße durch die Innenstadt. Edle Cafés, Galerien, Boutiquen wechseln sich ab. Dann steht die Trinity Church im Weg. Auch da zeigt sich, dass sich in Boston Moderne und Historie bestens vertragen. Der sakrale Bau spiegelt sich komplett im John Hancock Tower, dem mit gut 220 Metern höchsten Gebäude der City. Der Glaskasten spendet dem Steinbau Schatten. Wenn John Harvard von Cambridge herüberschauen könnte, es würde ihm auch gefallen.


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