Schwarzenfeld
Nicht nur Wirklichkeit kann fliegen
Der PC als Simulator macht es möglich: Im virtuellen Jet nach Innsbruck
Schwarzenfeld. Ungenauigkeiten, Fehler will und kann sich Walter Hochmuth-Bindl nicht erlauben. Das macht schon die Wegbeschreibung, wie er zu finden ist, deutlich. Für Ortsunkundige schwierig, mit seinen Angaben kein Problem. Dann, wie abgemacht, schnell einmal von Frankfurt nach Innsbruck zu jetten, scheint wohl die leichteste Übung zu sein.
In einem bescheidenen Zimmer in Schwarzenfeld. Der frühverrentete Industriekaufmann (50) pflegt die Passion des Simulatorfliegens. Böse Zungen würden von einem PC-Spiel sprechen. Aber eben böse Zungen nur. Schließlich läuft bereits ein Großteil der regulären Verkehrspiloten-Ausbildung an hochkomplexen Simulatoren ab. Derartige Geräte kann sich natürlich keine Privatperson leisten. Aber es geht auch etliche Schuhnummern kleiner.Einfacher Einstieg
Zu mindest am Anfang noch. Beispielsweise mit einem "Flight Simulator" von Microsoft. Mit dem hat auch Walter Hochmuth-Bindl angefangen. 1995, am haushaltüblichen PC mit Bildschirm, Tastatur und Joystick. Heute nimmt der 50-Jährige in einer Kulisse Platz, die die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion ins Fließen bringt. In der Form des Cockpits von einer Boeing 737NG: "Das Modernste, was Boeing als Antwort auf den Airbus A 320 zu bieten hat." Diesen Anspruch selbst umzusetzen, lässt dem Mann offenbar keine Ruhe mehr. Zug um Zug entsteht so in einem Zimmer in Schwarzenfeld der Nachbau des Arbeitsplatzes eines, wie es offiziell heißt lizensierten Verkehrsflugzeugführers, eingewiesen auf das Muster einer Boeing 737NG. Das ist kein "Eieruhr-Flieger" mehr, wie einschlägige Kreise gerne lästern, wenn noch Mechanik mit im Spiel ist.
Die Hausstrecke
Hier ist die Welt digitalisiert, hier gibt es keine analogen Instrumente mehr, die Wirklichkeit kennt nur noch Displays, Daten, Zahlen. In genau diese Virtualität entschwindet Walter Hochmuth-Bindl, wenn er sich auf EDDF von Victor 122 zur 07 aufmacht. Soll heißen: Per Flugsimulator will der 50-Jährige mit 120 Passagieren an Bord einer Airberlin-Maschine vom Frankfurter Rhein-Main-Flughafen unter ganz bestimmten Wetterbedingungen nach Innsbruck fliegen.
Die Hausstrecke des Rentners, der lieber verlegen schweigt, bei der Frage, was dieses Szenario denn eigentlich gekostet hat. "Rund 5000 Euro allein die Hardware", meint er hauptsächlich Pilotensitz, Steuerhorn- und Pedale, all die vielen Verblendungen mit Schaltern, Leuchtziffern, Lämpchen, die Schub- oder Klappenhebel und natürlich das Instrumenten-Hauptpanel. Insgesamt sollen es gar 12 000 Euro sein.
Ein Beamer wirft derweil das an die Wand, was sich bei einem Blick aus dem Cockpit bietet. Egal wo. In Frankfurt auf dem Boden, in 10 000 oder 27 000 Fuß über dem Rheintal, im äußerst schwierigen Anflug über Alpenerhebungen nach Innsbruck hinein. Natürlich ist in Frankfurt alles noch viel einfacher. Da nimmt dem Piloten die Technik nahezu jede fliegerische Arbeit ab. Sind die richtigen Wetter- und ansonsten nötigen Daten eingegeben, geht es dahin. Hat Walter Hochmuth-Bindl noch relativ wenig zu tun, außer mit Argusaugen all die Instrumente zu überwachen und per neuer Eingaben zu korrigieren.
Nur eine Fiktion
Deutlich nervöser wird der 50-jährige Simulatorflieger, als der Beamer die ersten Alpenhöhen an die Wand wirft und Innsbruck naht. Ein Flughafen, der nicht per automatischem Anflugsystem angesteuert werden kann. "Deshalb habe ich ihn mir ausgesucht." Die Konzentration steigt sichtlich und das Steuerhorn, das bisher eher unbeachtet blieb, kommt nun zu Rang und Namen.
Einen empfindlichen Magen dürfen diese 120 Passagiere nicht gehabt haben, sonst wäre nach dieser Landung Großreinemachen angesagt gewesen. Verzeihen wird sich Walter Hochmuth-Bindl wohl nie, dass er ausgerechnet bei dieser Landung in Innsbruck gewaltig über die Runway hinaus geschossen ist. "Aber es ist ja nichts passiert", tröstet ihn Ehefrau Traudl.
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