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Von Marielouise Scharf  |  22.03.2004  | Netzcode: 10532211  |  553 Mal gelesen.
Amberg-Sulzbach

"Jetzt haben wir Terror. Er ist wunschgemäß bestellt."

Dr. Eugen Drewermann über Irakkrieg, Islamismus und den Wandel der Zeit - Von Propagandalügen und dem Fall ins Desaster

Die einen mögen ihn, die anderen lehnen ihn ab. Zu sagen hat er stets Wichtiges. Sein Blick ist geschärft für die Anliegen und Nöte. Zu Amberg-Sulzbach hat Dr. Eugen Drewermann eine besondere Beziehung. Nachdem ihm 1991 die kirchliche Lehrbefugnis und 1992 die Predigtbefugnis und Ausübung des Priesteramtes entzogen worden ist, hat er die Einladungen zu Vorträgen, die durch Siegfried Kratzer vom Evangelischen Bildungswerk an ihn ergangen sind, besonders geschätzt. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußerte er sich zu Zeitfragen, zur Situation nach dem Irakkrieg und zum Islamismus.

Dr. Drewermann, Sie interpretieren Märchen und lesen daraus den Kosmos des ganzen Lebens. Wie interpretieren Sie die derzeitige Situation in der Welt?

Drewermann: "Ich bin darüber sehr empört, dass wir in all den Bürgerprotesten und Warnungen im Verlauf der letzten 40 Jahre so gut wie nichts erreicht haben. Wir haben den Trend nicht umkehren können, nicht einmal die Geschwindigkeit, mit der wir ins Desaster fallen, verlangsamen können. Das bezieht sich auf die rabiate Ausbeutung unserer Natur. Die Welt bricht aus den Fugen. Wir aber bilden uns ein, dass wir die Profitvermehrung von ein paar Firmen, von ein paar Multimillionären auf Kosten des ganzen Rests der Welt als unser Anspruchsrecht dekretieren und militärisch flankieren können. Das ist exakt das Programm der Neokonservativen und der Bush-Administration für das kommende Jahrhundert. Man will die Schlüsselstellungen strategisch besetzen, die zwischen Indien und China, den beiden volkreichsten Staaten der Welt, die strategische Kontrolle erlauben. Man will die Erdölressourcen für die nächsten 30 Jahre bis die Lagerbestände leer gefördert sind unter Kontrolle halten. Man will die Handelswege kontrollieren, den Arbeitsmarkt, die Dumpinglöhne immer weiter herunterdrücken. Man öffnet alle Grenzen für den Transfer von Kapital und Waren und schließt gleichzeitig brutal mit Mauern sich selber ab vor dem Zustrom der Menschen, die mit der wachsenden Verelendung nicht mehr zurecht kommen."

Was kann nach Ihrer Einschätzung der Einzelne tun. Wie kann man gegensteuern?

Drewermann: Es hätte eine Menge guter Möglichkeiten gegeben. Wir hätten 1989 die Chance gehabt - was auch Gorbatschow massiv vorgeschlagen hat bei der Wiedervereinigung - gleichzeitiger Austritt aus dem Warschauer Pakt und der Nato. Man stelle sich vor, man hätte 30 Milliarden Euro jedes Jahr seit 1989 frei gehabt für Aufgaben im Kampf gegen die Ursachen von Krieg, Terrorismus, Gewalt, Massenelend, Umweltzerstörung, Tierquälerei. Rein rechnerisch hätten wir heute keine Staatsverschuldung mehr durch das Aufkommen alleine der frei werdenden absurden Militärhaushaltsquoten. Die Chance haben wir vertan, weil die Amerikaner sie nicht gerne gesehen hätten.

Schlagwort: Islamismus, Terrorismus - welche Zusammenhänge sehen Sie?

Drewermann: "Ich glaube, dass wir die Perspektiven so drehen lassen, wie sie über CNN und über die Propagandastellen vor allem der Amerikanischen Regierung geplant sind. Man hat nach 1989, nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums nach einem neuen Feind gesucht. Auch um die Rüstungsausgaben zu rechtfertigen und die gigantischen Aufträge für Lockheed, für die Nasa, für alles Mögliche in Gang zu halten, um die geostrategischen Hegemonialpläne der Amerikaner für das kommende Jahrhundert auszulegen.

Man brauchte eine Attrappe zum Ersatz für die ständige Bedrohung des Sowjetimperiums, die es im kalten Krieg so nie gegeben hat. Auch das war eine Propagandalüge des CIA. Sie hat unvorstellbares Elend angerichtet und die Macht im Westen verstärkt. Man hat systematisch überlegt, wer dafür überhaupt in Frage kommen könnte, ein Horrorszenario für die Zukunft konstituiert und dann blieb nur noch der Islamismus übrig. Es ist eine Kreatur - im Grund eine Wunschkreatur. Noch heute lügt Bush, dass es im Irak um einen Antiterrorkrieg gegangen sei. Jetzt haben wir den Terror. Jetzt haben wir Terror im Irak. Er ist wunschgemäß bestellt."

Wie sehen Ihre Ziele und Wünsche für eine bessere, menschlichere Zukunft aus?

Drewermann: "Ich sähe es überaus gerne, wir hätten mal irgendwo Erfolg. Zum Beispiel wir hätten Konsumenten, die sich nicht anhören, wie auf der CeBIT gerade Schröder davon spricht, dass sich das Konsumverhalten gerade bessert. Mit anderen Worten, dass die Regale bis zum Brechen gefüllt werden und die Mägen bis zum Platzen, sondern wir würden zum Beispiel vor Ostern mal überlegen, was wir den hunderttausenden und millionen Hühnern antun, die wir in nichts weiter als leidendes Fleisch für die Eierproduktion verwandeln. Vielleicht ließen wir uns das ein paar Cent mehr kosten, dass die Tiere zumindest die Chance hätten, glücklich zu sein, ehe sie uns Menschen nützlich sind.

Wenn so etwas sich irgendwo zeigen könnte, dann wäre ich sehr froh. Der nächste Wunsch wäre, wir könnten zum ersten Mal in der Geschichte wirkliche Schritte für die Abrüstung tun. Und zwar nicht, weil wir kein Geld mehr für die Rüstung haben, sondern aus wirklicher Überzeugung."


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