Weiden
Sehr geehrter Herr Diktator...
"amnesty international" Weiden - Protest aus vielen Ecken der Welt
Weiden. Seit 25 Jahren gibt es in Weiden eine Ortsgruppe von "amnesty international" (ai). Etwa zehn Mitglieder zählt Gründer Veit Wagner zum "engeren Kreis" der Aktiven. Nur ein kleines Häuflein unter den weltweit etwa einer Million und deutschlandweit 30000 Mitgliedern, doch Veit Wagner sagt sich: "Viele Tropfen machen ein heftiges Wasser."
Und das ist auch die Antwort auf die Frage: Wie kann man von Weiden aus Gefangenen irgendwo auf der Welt helfen? In der ai-Zentrale in London sind 80 Researcher (Forscher) damit beschäftigt, Menschenrechts-Verletzungen auf der ganzen Welt aufzuspüren. Ohne diese Arbeit wäre eine Ortsgruppe in der Tat wenig hilfreich. Weil aber jede ai-Ortsgruppe auf der Welt über diese vorab recherchierten Informationen verfügt, kann sie genau den richtigen Diktator persönlich anschreiben. "Sehr geehrter Commandante..." gehen solche Briefe dann etwa los.In jedem "ai-Journal", der Verbandszeitschrift, stehen Adressen und Hintergründe jedes einzelnen Falls und Hinweise, worum man den "sehr geehrten Herrn Diktator" bitten solle. "Wir schreiben immer freundliche Briefe", erklärt Veit Wagner. Zwar lasse sich der Addressat kaum von einem einzelnen Brief aus Deutschland irritieren, aber immerhin merke er dadurch, dass die Angelegenheit weltweit auf Interesse stößt. "Der Protest muss aus möglichst vielen Ecken der Welt kommen."
Damit sich nicht jeder bei jedem Brief krampfhaft eigene Formulierungen einfallen lassen muss, ist Veit Wagner, der am Kepler-Gymnasium Deutsch und Englisch unterrichtet, noch auf eine andere Idee gekommen. Durch vorformulierte Briefe will der 58-Jährige "die Hemmschwelle senken". Man muss nur noch unterschreiben und den Brief in den Briefkasten werfen. Etwa 150 Menschen haben bei dieser seit zwei Jahren laufenden Aktion "Vier pro Jahr" schon mitgemacht und vier Briefe in zwölf Monaten abgeschickt.
Was der Angeschriebene mit den vielen Briefen macht, darüber gibt es nur geringe Erkenntnisse. Nur selten schreibt mal einer zurück. "Einmal hat das Büro von Ajatollah Chomeini geantwortet", erinnert sich Veit Wagner. "Warum haben Sie nicht zu Zeiten des Schah von Persien protestiert?", stand in dem Brief. "Das haben wir", sagt Veit Wagner, der es aber bei diesem einen Brief an den Ajatollah bewenden ließ.
ai ist politisch neutral und kontrolliert nicht nur die üblichen Verdächtigen. Auch der Bayerische Innenminister Günther Beckstein hat schon mal Post bekommen. Hier ging es natürlich nicht um Folter oder "Verschwindenlassen" von Menschen, sondern um eine aus Sicht von ai ungerechtfertigte Abschiebung eines Asylbewerbers. Obwohl man den Erfolg der Briefe nicht direkt messen kann, schätzt Veit Wagner: "In etwa 40 Prozent der Fälle ist irgend eine Verbesserung erreicht worden."
Verstärkt setzt ai heute auch auf nicht personenbezogene Aktionen wie Flüchtlingsarbeit oder weltweite Kampagnen - zur Zeit etwa gegen Kindersoldaten ("Es gibt etwa 300000 auf der Welt") - oder die Verbreitung von Kleinwaffen. "Es gibt weltweit 639 Millionen. 60 Prozent davon sind in den Händen von Zivilisten." Grundsätzlich ist ai auch gegen die Todesstrafe. Veit Wagner hat schon als Student in Regensburg im Jahr 1972 die Bezirksgruppe Oberpfalz gegründet. "Damals haben sie uns beschimpft", erinnert er sich.
Heute ist eher das Gegenteil der Fall. Die abgeklärte Öffentlichkeit muss mit Infoständen, Ausstellungen oder Lesungen immer wieder aktiv auf die Problematik aufmerksam gemacht werden. "Aufklärung, Information, Aktivierung", beschreibt Veit Wagner das Prinzip. Die Weidener Ortsgruppe trifft sich regelmäßig bei Veit Wagner. Wer Interesse hat, dazu zu stoßen, kann sich bei Veit Wagner melden: Telefon 0961/44745. Harald Mohr


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