Von Thomas Dobler |
18.02.2012
| Netzcode: 3144733 | 631 Mal gelesen.
Schwandorf
Lottchen in einer bewegten Zeit
Kurzweilige Zwanziger-Jahre-Revue in der Kebbel-Villa mit viel Musik und Tanz
Schwandorf. Mit einer Geschwindigkeit, dass den Männern die Puste wegblieb, nutzten die Frauen ihre Chancen in jenen goldenen Jahren der 1920er. Sie warfen Ballast ab: Haarnadeln, Korsetts und lange Röcke. Manche waren noch mutiger und zogen sich ganz aus. "Nackttänzerin" war ein Begriff dieser Zeit und so durfte eine Nackttänzerin, natürlich nur eine literarische, auch bei der Zwanziger-Jahre-Revue in der Kebbel-Villa nicht fehlen, die den Unsinnigen Donnerstag für die vielen Zuhörer vergoldete.
In der Zwanziger-Jahre-Revue "Gib"n Kuss auf Lottchen" sangen und spielten im Oberpfälzer Künstlerhaus Kirstin Rokita, Nina von Düsterlho und Christine Wagner (von links) sowie Eberhard Geyer (am Klavier). Bild: Götz
"Gib 'n Kuss auf Lottchen" lautete der Titel der unterhaltsam-musikalischen Show, mit der die drei reizenden Roaring-Twenties-Schönheiten Nina von Düsterlho, Kirstin Rokita und Christine Wagner in eine Zeit entführten, deren Lieder frivol, deren Musik beschwingt und deren Lebensgefühl schnell und impulsiv war - wenn man den Schlagern und Chansons glauben darf.
Auch wenn es schon acht Jahrzehnte und mehr her ist, fast jeder kann noch mindestens einen Hit aus jener Dekade singen oder summen. Zum Beispiel den alten Zarah-Leander-Evergreen "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn". Aber der stammt in Wirklichkeit aus einer Zeit, als ein neuer und brutaler Geist die kurze Blüte schon zertreten hatte. Das Stück brachte Pianist Eberhard Geyer als sanftes Klavier-Intro zur Show, so dass von Anfang an klar war, dass das Heiter-Frivole, das den Abend beherrschen würde, nur vorübergehend war...
Aber noch war es nicht soweit, noch flanierten die Sängerinnen in der Kebbel-Villa in ihren knappen Charleston-Kleidchen, mit ihren Federboas oder im Frack und Zylinder wie Marlene Dietrich durch die Reihen der Zuhörer und so mancher sanft errötende Herr durfte sich die flüchtigen Avancen gefallen lassen, die die Schönen der Nacht beiläufig verteilten. Und sie hatten auch gleich den richtigen musikalischen Rat parat: "Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt auf Erden nicht nur den einen."
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Schwandorf
Lottchen in einer bewegten Zeit
Kurzweilige Zwanziger-Jahre-Revue in der Kebbel-Villa mit viel Musik und Tanz
Wer es literarisch mochte wurde ebenfalls bedient: Kurze Texte von Tucholsky, Brecht und Ringelnatz wurden zwischen den Liedern locker eingestreut und vieles davon war ganz und gar nicht jugendfrei. Wirklich amüsant war Tucholskys namensgebende Nicht-Beichte Lottchens an ihren abwesenden "Daddy", die Nina von Düsterlho glaubhaft unschuldig vorspielte. Denn Lottchen redete sich um Kopf und Kragen: "Erstens war überhaupt nichts und zweitens kennst Du den Mann überhaupt nicht und drittens weil er Seemann war, und ich hab" ihm gar nichts geschenkt, und überhaupt, wie Paul Graetz immer sagt: Kaum hat man mal, dann ist man gleich!"
Und dann war da noch die Nackttänzerin Chou-Chou, an deren Körper sich das Verstreichen der Zeit ablesen lies. Ihr Ruhm verging, bis sie eines Tages ihren Auftritt um etwas bereicherte, das man hier nicht beschreiben kann - da war der Saal wieder voll. Wohl mindestens so voll wie am Unsinnigen Donnerstag der Saal in der Kebbel-Villa, und der Beifall dürfte für die drei Künstlerinnen und ihren Mann am Klavier am Ende kaum weniger intensiv gewesen sein wie für die arme, frivole Chou-Chou.
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