Von (bl) |
07.02.2012
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Oberviechtach
Ein kleiner Happen vom Überfluss
Ansturm auf Angebot der Oberviechtacher Tafel größer als erwartet - Bedürftige füllen Kühlschrank
Oberviechtach. (bl) Zwei Karotten und ein schon etwas welker Endiviensalat sind die Restposten in der Gemüseabteilung. Strudelteig und Pulver für Kartoffelpüree finden willige Abnehmer, aber Joghurt gibt es an diesem Donnerstag nur zwei pro Person. "Essen, wo es hingehört" steht am Eingang zu dieser etwas anderen Lebensmittelhandlung unter Regie der Oberviechtacher Tafel.
"Essen, wo es hingehört", lautet die Devise der Oberviechtacher Tafel mit ihrem Vorsitzenden Dr. Friedrich Keller (links), der inzwischen 56 Familien zu den "Kunden" der Abgabestelle in der Karfreitaggasse zählt. Mit einem starken Team und guter Organisation ist der Ansturm auf die kostenlosen Lebensmittel gut zu bewältigen. Bilder: Bugl (2)
Eine halbe Stunde nach Öffnung der Lebensmittel-Ausgabestelle in der Karfreitaggasse überwiegt in der ehemaligen Metzgerei Suckart deutlich das blanke Edelstahl vor bunten Verpackungen. Egal ob Tütensuppe oder Reis, der Inhalt hat einen kleinen Schönheitsfehler: Sein Mindesthaltbarkeitsdatum ist abgelaufen, die Supermärkte haben die Ware deshalb aussortiert. "Das meiste ist heute schon weg, das geht ganz schnell", berichten die "Verkäuferinnen", die zu zehnt Auskunft über das Sortiment geben. Ihre "Kunden" sind nicht wählerisch, wenn sie statt mit Einkaufszettel mit Karteikarte und großer Tasche Schlange stehen.
"Früher war der Kühlschrank manchmal ziemlich leer", erzählt ein 21-Jähriger, der mit Freundin und Schwiegermutter zum Großeinkauf gekommen ist und auch die Adventskalender vom vorigen Jahr nicht verschmäht. "Jetzt kommen wir besser über die Runden. Einfach super, was die hier gemacht haben", erzählt der junge Mann, der bereits Vater einer kleinen Tochter ist. Statt mit dem Auto ist die Familie mit einem umfunktionierten Kinderwagen zum Einkauf angerückt und packt die Waren vom roten Einkaufskorb in zwei übereinander gestapelte Plastikwannen.
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Oberviechtach
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Teurer Käse und Garnelen
"Bislang ist das alles weggeworfen worden", sagt Dr. Friedrich Keller, Vorsitzender der Oberviechtacher Tafel, der an der Kasse ein paar Euro als "Obolus" einsammelt und die Ausweise verteilt, die hier zum kostenlosen Einkauf berechtigen. Enorme Mengen an Lebensmitteln waren das, gerade um die Weihnachtszeit. "Da sind richtig gute Sachen dabei wie teurer französischer Käse oder Garnelen", berichtet eine der Helferinnen. Niemand in dem Team hinter der Ladentheke hatte mit so einem Andrang gerechnet, als die Tafel im Dezember zum ersten Mal Lebensmittel an Bedürftige verteilte. Statt der erwarteten fünf Einzelfälle sind es inzwischen 56 Familien, deren Mitglieder ohne Berührungsängste die Relikte einer Wegwerfgesellschaft konsumieren. "Manche stehen schon vor acht Uhr vor der Türe, weil sie mit dem Bus kommen", erzählt Dr. Keller, der es in diesen Fällen mit der Einteilung der Kunden nicht so genau nimmt. Denn damit es gerecht zugeht, wird im Viertel-Stunden-Takt je nach Ausweisnummer bedient.
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Das soll sicherstellen, dass nicht gedrängelt wird und jeder mal die erste Wahl hat. Jeweils eine Stunde vor Ladenöffnung können sich die Kunden registrieren lassen, wenn sie Unterlagen mitbringen, die sie als Hartz-IV-Empfänger ausweisen oder andere Notlagen bescheinigen. "Wir sind aber keine Polizeidienststelle, die das permanent kontrolliert", schränkt der Vorsitzender der Tafel ein. Lieber investieren die Mitglieder des Vereins ihre Zeit in das Sortieren der gespendeten Lebensmittel. Eine zusammen mit dem Gesundheitsamt erarbeitete Liste hilft, um festzustellen, wie lange das Mindesthaltbarkeitsdatum auf den Restposten aus den Supermärkten gefahrlos überschritten werden kann. "Wir sind da inzwischen schon eine eingeschworene Gemeinschaft", schwärmt eine 67-Jährige, für die der Job bei der Tafel nicht das einzige ehrenamtliche Engagement darstellt. "Es macht Spaß, man kriegt die Zeit, die man hier investiert, 100 Mal zurück", hat sie festgestellt. Ihr Lohn? Ein dankbarer Blick, ein freundlicher Gruß.
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Anders einkaufen
Dazu kommt ein Stück Zufriedenheit, dass wertvolle Lebensmittel nicht einfach vernichtet werden. "Auch dem Personal in den Supermärkten tut es weh, wenn sie so viel wegwerfen müssen", weiß Dr. Keller. Seit er sich für die Tafel engagiert, hat er festgestellt, dass sich auch sein eigenes Einkaufsverhalten geändert hat. "Ich gehe achtsamer mit Lebensmitteln um", so seine Beobachtung, "und mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum nehme ich es auch nicht mehr so genau".
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