Die Temperaturen sinken in Russland, aber die Proteststimmung steigt: Einen Monat vor der Präsidentenwahl bringt die Opposition in Moskau erneut Zehntausende auf die Straße. Erstmals demonstrieren zeitgleich auch Anhänger von Kandidat Wladimir Putin, ebenfalls Zehntausende folgen dem Ruf. Wer mobilisiert an diesem frostigen Samstag mehr Anhänger - der Regierungschef oder seine Gegner? Im Eisschrank Moskau tobt ein heißer "Zahlenkrieg".
Am Ende sind es wohl insgesamt 230 000 Menschen, die bei minus 18 Grad Celsius bei den größten Demonstrationen in Russland seit 20 Jahren auf die Straße gehen. Selbst die Polizei muss einräumen, dass es der Opposition gelingt, noch einmal mehr Menschen zu mobilisieren als bei den vorigen Protesten. Ein Signal an Putin. "Noch nie habe ich so viele Menschen auf der Straße gesehen", sagt der 31-jährige Alexander. Er war bereits bei den Kundgebungen am 10. und 24. Dezember 2011 dabei.
"Russland ohne Putin", skandieren Tausende. Alt und Jung sind hier, Anhänger der liberalen Partei Jabloko und der Ultranationalisten sowie der radikalen Linken Front. Vor allem aber sind Bürger gekommen, die bislang politisch völlig passiv waren, viele stammen aus der immer wohlhabenderen Mittelschicht. Sie wollen ein Zeichen setzen vor der Abstimmung am 4. März, bei der sich Putin zum dritten Mal in den Kreml wählen lassen will. "Keine einzige Stimme für Putin", steht fordernd auf einem Plakat neben der Bühne.
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Weiß ist das Zeichen der Regierungsgegner, es symbolisiert die Forderung nach "sauberen" Wahlen und einem friedlichen Wandel. Weiße Schleifen, Anstecknadeln, Mützen oder Schals - fast jeder hier auf dem Bolotnaja-Platz bekennt Farbe. Hunderte weiße Luftballons wehen über der Menge, die neu gegründete Liga der Wähler hat sie verteilt. Trotz Putin-Frust und Winter-Frost: Es wird viel gelacht, allerorten sind selbstgemalte Plakate zu sehen. Auf der Bühne spielt eine Rockband aus ehemaligen russischen Elitesoldaten den Anti-Putin-Song "Niemand außer uns" - längst ein Hit im Internet.
Völlig anders ist die Stimmung etwa acht Kilometer westlich auf dem Hügel Poklonnaja Gora. Aus einer Menge von Zehntausenden Demonstranten ragen Banner mit Sprüchen wie "Wer Russland liebt, wählt Putin". Russland-Fahnen wehen im eisigen Wind. Flaggen der Putin-Partei Geeintes Russland sind nicht zu sehen - absichtlich: Die Demonstration soll wirken wie eine Bewegung aller Gesellschaftsschichten. Aber die Stimmung wirkt aggressiv. Missmutig stapft der Schlosser Sergej in traditionellen Filzstiefeln durch den Schnee. Den 50-Jährigen "interessiert es nicht", wer ihm den Gratistransfer von Podolsk rund 40 Kilometer südlich von Moskau bezahlt hat. "Es ist gut, hier zu sein, aber noch besser, dass wir bald heimfahren", sagt er und macht Erinnerungsfotos.
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Von der Bühne aus beschimpft der Regisseur Sergej Kurginjan Putin-Kritiker als "Söldner", die "im Auftrag der USA" Russland zerstören sollen. Auch andere Redner warnen vor einem Rückfall in die chaotischen 1990er Jahre, sollte Putin die Wahl verlieren. "Wollt ihr wieder hungernde Kinder auf den Straßen?", ruft einer der Organisatoren. "Njeeeeet", klingt es aus zahlreichen Kehlen. Es geht auch um die Macht der Bilder: Bisher gingen nur Aufnahmen von Massenprotesten gegen Putin um die Welt. Nun hält das Regierungslager erstmals mit einer eigenen Großkundgebung dagegen.
"Ich interessiere mich eigentlich nicht für Politik, aber heute will ich unseren Regierungschef unterstützen", sagt Swetlana, die Demonstranten mit heißem Tee versorgt, der dpa. Die 35-jährige Lehrerin aus Sergijew Possad bei Moskau beteuert wie so viele, dass sie nicht zur Teilnahme gedrängt worden sei. Andere Staatsbedienstete hatten sich aber zuvor in Medien über Zwang beklagt.
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