Von Albert Franz |
02.02.2012
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Amberg
Keine Freiheit ohne Verantwortung
CSU-Vordenker Alois Glück beim Ethik-Forum der HAW über Fehler im System - "Dem Fortschritt eine neue Richtung, eine neue Qualität geben"
Vor vollen Rängen sprach Alois Glück (links) beim Ethik-Forum der Hochschule Amberg-Weiden in Amberg. Glück forderte dabei eine neue Balance zwischen Freiheit und Verantwortung und erinnerte an die Tugend des rechten Maßes. Bild: Stephan Huber
Als einen, der Nachdenken und Vordenken unter einen Hut bringt, präsentierte Erich Bauer, der Präsident der Hochschule Amberg-Weiden, den Gast. Alois Glück, Landtagspräsident a. D. und amtierender Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, sorgte am Dienstagabend denn auch für volle Ränge im Siemens-Innovatorium in Amberg. Leichte Kost war nicht zu erwarten beim Ethik-Forum "über die Bedeutung der Ethik für Zukunftsstrategien". Doch der 72-Jährige versuchte das Thema zu erden, so gut es ging.
Glücks Bestandsaufnahme: Experten, wie etwa in der Finanzwelt, verstehen ihre eigenen Systeme nicht mehr. Erstaunlich fand er die Botschaft vom Weltwirtschaftsforum in Davos: Der Kapitalismus könne die globalen Probleme nicht mehr lösen. In ungekanntem Tempo häuften sich krisenhafte Erscheinungen. Längst erkläre das Fehlverhalten Einzelner nicht mehr alles. Glück ist sich sicher: Hier geht es um Systemprobleme. Seine Diagnose: "Unsere heutige Art zu leben ist nicht zukunftsfähig ... Wir leben von der Substanz ... Wir erwirtschaften seit Jahren nicht mehr, was unsere Art zu leben kostet."
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CSU-Vordenker Alois Glück beim Ethik-Forum der HAW über Fehler im System - "Dem Fortschritt eine neue Richtung, eine neue Qualität geben"
Glücks Folgerung: "Wir müssen dem Fortschritt eine neue Richtung, eine neue Qualität geben." Das Schneller-Höher-Weiter ängstige immer mehr Menschen. Schlüssel zu einer humaneren Welt sei ein Menschenbild, bei dem die Würde des Menschen unantastbar sei. "Die Alltagswährung ist der Respekt vor dem Anderen."
Außerdem fordert Glück eine neue Kultur der Verantwortung. Im Zuge des Trends zur Selbstverwirklichung sei die Balance zwischen Rechten und Pflichten verloren gegangen, Freiheit und Verantwortung seien entkoppelt worden. Die Finanzkrise, bei der Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert worden seien, zeige, dass die Gewinnmöglichkeit auch an die Haftung gekoppelt sein müsse.
Fortschritt wohin?
Neu zu überdenken sei auch der Unterschied zwischen Lebensstandard und Lebensqualität. "Das Bruttosozialprodukt ist nicht mehr als eine Umsatzzahl", so Glück. Und schließlich erinnert der langjährige Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion an die Verantwortung für nachkommende Generationen. Innovationskraft und die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung müssten sinnvoll verknüpft werden. Er meint damit die christliche Tugend des rechten Maßes.
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CSU-Vordenker Alois Glück beim Ethik-Forum der HAW über Fehler im System - "Dem Fortschritt eine neue Richtung, eine neue Qualität geben"
Einfache Lösungen, einfache Heilsbotschaften auf dem Weg zur Neubesinnung hat aber auch Glück nicht zu bieten. So warnt er, dass das Zurück zum einfachen Leben nur ein Weg für Einzelne sei, nicht aber für ganze Gesellschaften. Glück sagt Ja zu Innovation und Fortschritt, beklagt aber auch: "Was völlig fehlt ist eine gesellschaftliche Debatte, welchen Fortschritt wir wollen."
Und wer soll die Innovation bringen? Innovation gehe immer von Minderheiten aus, "es hat noch nie einen Massenaufbruch zu neuen Ufern gegeben, es sei denn eine Massenflucht", sagt der 72-Jährige. Auch Parteien sieht Glück nicht unbedingt als Hort des Fortschritts: "Das größte Problem von Parteien oder Politik ist, wenn sie zum geschlossenen System werden." Nötig sei dabei die Vorbildfunktion in Politik und Wirtschaft: "Wer in Führungsverantwortung geht, muss ein Stück weit Vorbild sein." Dabei ist das Leitbild Glücks nicht nur eine Leistungselite, sondern auch eine Verantwortungselite.
Weltweit denken lernen
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Keine Freiheit ohne Verantwortung
CSU-Vordenker Alois Glück beim Ethik-Forum der HAW über Fehler im System - "Dem Fortschritt eine neue Richtung, eine neue Qualität geben"
Hoffen und Bangen liegen nahe beieinander beim Präsidenten der katholischen Laien. Einerseits beklagt Glück, das "schreckliche Versagen", dass aus der Finanzkrise nichts gelernt worden sei. Andererseits sieht er überall auch Hoffnungsschimmer, etwa das große Engagement der Jugend in der Behindertenarbeit, in Hospizbewegung oder in Kriseninterventionsteams.
Auch werde längst der sozialen Kompetenz von Führungskräften wieder mehr Gewicht beigemessen. Weitere wichtige Handlungsfelder: Es gehe nicht ohne die Fähigkeit zu Veränderung. "Wir müssen lernen, weltweit zu denken", sagt Glück. Schon an der Oberstufe der Gymnasien, so empfiehlt er, solle die Offenheit für das Fremde gelernt werden. Probleme wie die drohende Klimakatastrophe oder der Hunger in der Welt seien ohne Innovation nicht lösbar. Anderseits müsse die Dynamik mit Stabilität verbunden werden. Soziale Gerechtigkeit sei unabdingbar für die innere Stabilität von Gesellschaften, die von riesigen Fliehkräften bedroht seien. Selbst in Amerika zeige sich, dass das Versprechen der Chancengerechtigkeit nicht mehr funktioniere. "Die Instabilitäten holen uns alle ein", glaubt Glück. Und zur sozialen Gerechtigkeit müsse die Vermittlung von Werten kommen. "Flachwurzler können in stürmischen Zeiten nicht bestehen", diese Erfahrung hat Glück schließlich schon früh im Bergwald seiner oberbayerischen Heimat gemacht.
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