Schießereien gehören im Christenviertel der syrischen Stadt Homs zum Alltag - Angst dominiert das Leben
Es regnet in Homs. Der erste Kontrollpunkt, seit eine Gruppe internationaler und arabischer Journalisten Damaskus in den frühen Morgenstunden verlassen hat. Verfroren und müde blicken die Soldaten an der Straßensperre zu den Fenstern auf, aus denen Kameras und Fotoapparate auf sie gerichtet sind. Alle müssten unbedingt zusammenbleiben, sagt einer der Begleiter vom Informationsministerium, die Sicherheitslage sei angespannt. "Stadtviertel wie Baba Amro, Khaldiye oder Akrama können nicht besucht werden." Am Rande von Akrama wurde am 11. Januar ein französischer Journalist getötet, als bewaffnete Regierungsgegner Häuser von Aleviten unter Beschuss nahmen. Er und sein Team waren auf eigene Faust nach Homs gefahren.
Der anfangs friedliche Aufstand der Syrer für Freiheit und Respekt, für Demokratie und Teilhabe nimmt konfessionelle Züge an. Die bewaffneten Aufständischen sind sunnitische Muslime, die in dem Mosaik aus Religionen und Ethnien in Syrien die Mehrheit bilden. Sie werfen den Aleviten vor, Präsident Baschar al-Assad und das politische System zu unterstützen. Aleviten würden vom Iran und der libanesischen Hisbollah unterstützt, weil sie schiitische Muslime seien, so ein weiterer Vorwurf.
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Verlassene Märkte
Die Aleviten waren einst Diener und Leibeigene sunnitischer Herrscher in der Region. Das änderte sich 1970 mit der Machtübernahme des Aleviten Hafez al-Assad, der - wie auch der heutige Präsident - Religion und Politik strikt trennte.
Die sonst quirligen Märkte im Zentrum der Stadt liegen verlassen. In der Altstadt von Homs, auch das christliche oder "Kirchenviertel" genannt, findet man die Kanisa Umm az-Zunnar, die "Kirche des Gürtels der Mutter", eine der ältesten Kirchen Syriens. Die dort verehrte Reliquie soll der Gürtel der Jungfrau Maria gewesen sein. Die Zugänge zu den Seitenstraßen werden von Soldaten hinter aufgetürmten Sandsäcken bewacht; Soldaten helfen auch der Bevölkerung bei der Überquerung der Hamidiye-Straße. Ununterbrochen ist Gewehrfeuer zu hören.
Vor einem kleinen Restaurant steht ein älterer Mann und beobachtet die ausschwärmenden Fernsehteams. Er heiße George, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. In den 22 Jahren, die er das Restaurant führe, sei das Geschäft nie so schlecht gewesen, sagt er. Im Viertel gebe es keine Probleme: "Wir sind alle Christen." Er hoffe, dass sich bald alle an einen Tisch setzen, um den Konflikt zu lösen. "Anders geht es nicht."
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Auch eine ältere Frau möchte ihren Namen nicht nennen. Sie sei Lehrerin, der Unterricht gehe so gut wie möglich weiter. "Unser Leben ist gut, so lange hier keine Bomben explodieren", meint die 60-Jährige. Das Haus ihres Nachbarn sei von Mörsergranaten völlig ausgebrannt. "Demokratie kann nicht mit Waffen erreicht werden." Frieden sei alles, was sie wolle, fügt sie noch schnell hinzu, bevor sie wegen der immer heftigeren Schießereien weitereilt: "Wir wollen nur Frieden!"
Ein junger Mann scheint sich an den Schießereien nicht zu stören. Zügig überquert er die Straße in die Richtung, aus der das Gewehrfeuer zu kommen scheint. Das bunte Kragenfutter seiner Winterjacke hat er nach außen gekehrt und ein goldenes Kreuz daran geheftet. "Wir haben uns irgendwie daran gewöhnt", lacht er: "Ich lasse mich von niemandem einschüchtern." Als Bahij Massour, 21 Jahre, stellt er sich vor und öffnet eine Plastiktüte voller Bücher. Er sei auf dem Weg zu einem Freund, mit dem er sich auf die Universitäts-Prüfungen vorbereiten wolle.
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Von Rebellen bedrängt
Bahij Massour studiert Tourismus an der Universität Homs. Schon mehrmals sei er auf dem Nachhauseweg von Maskierten bedroht worden, erzählt er. Sie hätten ihn aufgefordert, sich den Protesten gegen die Regierung anzuschließen, sonst werde es ihm schlecht ergehen. Er selbst stehe auf keiner Seite, doch er wisse, dass viele Menschen schlechte Erfahrungen mit dem "System Assad" gemacht hätten und zornig seien: "Es sind arme, benachteiligte Menschen, und ihre Forderungen sind gerecht", ist der Student überzeugt. Doch sie würden "von Leuten im Ausland angestachelt". Sie riskierten ihr Leben - und würden am Ende wohl doch alles verlieren.
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