Von Barbara Just, KNA |
26.01.2012
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München
Das Papstamt braucht die Kritik
Der Streit zwischen den Deutschen und dem Vatikan hat eine lange Tradition
München. Kritik an einem Papst ist nichts Außergewöhnliches, sondern schlichtweg der "Normalfall". Kein Revoluzzer vertritt 1977 diese Auffassung, sondern der Erzbischof von München-Freising, Kardinal Joseph Ratzinger. Und er fügt hinzu, dass der zu dieser Zeit amtierende Paul VI. zwar wie kein anderer Papst seit Pius IX. der Beschimpfung ausgesetzt, aber als "Papst des Gewissens" nicht an Demoskopien gebunden sei, sondern an den Glauben. Ein Papst, der nicht der Kritik verfiele, hätte seine Aufgabe nicht erfüllt.
Papstkritik: Kein neues Phänomen in den vatikanisch-deutschen Beziehungen, sagt der Historiker Karl-Joseph Hummel. Bild: Katholische Akademie
Bis heute bleibt Ratzinger auch als Papst Benedikt XVI. dieser Devise treu, selbst wenn die Kritik hart ist. So schmerzte ihn besonders jener heftige Protest gerade seiner deutschen Landsleute, nachdem die Exkommunikation für vier Bischöfe der umstrittenen Pius-Bruderschaft 2009 zurückgenommen wurde. Grundsätzlich aber ist Papstkritik kein neues Phänomen in den römisch-deutschen oder vatikanisch-deutschen Beziehungen, wie der Bonner Historiker Karl-Joseph Hummel vergangene Woche in der Münchener Katholischen Akademie sagte.
Konfessionell aufgeladen
Seit der Reformationszeit hat sich die politische und moralische Rom-Kritik zusätzlich konfessionell aufgeladen. Martin Luther habe gegen einen wachsenden Zentralismus und die Geldgier der Kurie gewettert, erinnerte Hummel. Dabei liefen die Auseinandersetzungen nicht nur intern über Denunziationen, sondern auch mit den Mitteln der jeweiligen medialen Öffentlichkeit. Ein Künstler wie Lucas Cranach machte sich 1523 über den Heiligen Vater als "Papstesel" lustig. Hans Süss von Kulmbach sah bereits 1508 die katholische Kirche als sinkendes Schiff. Bissige Karikaturen gibt es nach wie vor. Dazu aber kommen grenzwertige Schmähungen und Bildmanipulationen im Internet, wenn etwa der auf einem Foto mit beiden Händen segnende Jungpriester Ratzinger auf dem retuschierten Foto nur noch den rechten Arm beim angeblichen Hitlergruß hebt.
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Das Papstamt braucht die Kritik
Der Streit zwischen den Deutschen und dem Vatikan hat eine lange Tradition
Mit nationalen und internationalen Interessen hatte auch der Zentrumspolitiker Ludwig Windthorst (1812-1891) zu ringen. Während Papst Leo XIII. auf eine strategische Zusammenarbeit mit dem Katholiken-Gegner und Reichskanzler Otto von Bismarck setzte, legte Windthorst Wert auf eine Politik, die unabhängig von Weisungen aus dem Vatikan oder von den Bischöfen war. Der Politiker blieb standhaft. Dennoch entwarf er vorsorglich für den Fall des Scheiterns seiner Partei die Inschrift für einen Gedenkstein: "Von den Feinden nie besiegt, aber von Freunden verlassen."
Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) hatte als Katholik seine liebe Not mit Papst Johannes XXIII. Nach einer Audienz soll er geschworen haben: "Der Kerl sieht mich nie wieder." Des Kirchenoberhaupts Politik der Annäherung an die Länder des kommunistischen Ostblocks und speziell an die DDR, wie sie auch Paul VI. fortsetzte, passte dem Kanzler genauso wenig wie dem Berliner Kardinal Alfred Bengsch.
Drei Formen der Kritik
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Das Papstamt braucht die Kritik
Der Streit zwischen den Deutschen und dem Vatikan hat eine lange Tradition
Die Kritik am Papst unterteilt Historiker Hummel in drei Varianten. Da sei die vorsichtige Form, in der der Unmut am Umfeld des Kirchenoberhaupts und an seinen Mitarbeitern geübt werde, dann jene am Individuum und dem persönlichen Handeln sowie letztlich die radikale, die auf ein Ende des für überholt gehaltenen Amtes abziele.
Dennoch bleibt die Frage, wie berechtigte Kritik geäußert werden soll. Momentan neigten papstkritische Katholiken ebenso wie die Kirchenhierarchie dazu, etwa mit offenen Briefen einerseits oder vatikanischen Erklärungen andererseits die jeweils eigene Position darzustellen, stellte Hummel fest. Doch eine sich stets erneuernde Kirche, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) postuliert, wäre gut beraten, wenn ihr Widerstand "nur den Irrtümern der Moderne gilt und nicht der Moderne selbst".
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