Von (mte) |
23.11.2011
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Neustadt/WN
"Gute Eltern sind feinfühlig"
Expertin weiß: Frühkindliche Bindung stabilisiert Psyche - Auch Krippen-Erzieher sind gefordert
Neustadt/WN. (mte) Mit etwa 100 Interessierten rechnete der Veranstalter, als er zur Fachtagung "Frühkindliche Bindung" einlud. "Doch es kamen Anmeldungen über Anmeldungen. Vermutlich wegen der verstärkten Betreuung in Kinderkrippen", freut sich Berthold Kellner, zweiter Vorsitzender der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft, kurz PSAG, am Montag. Übrigens vor letztlich knapp 400 Zuhörern im großen Saal der Stadthalle.
Fachleute sitzen hier. Aus dem psychosozialen Bereich zum Beispiel. Hebammen, Pflegeeltern, Vertreter von Jugendämtern oder auch Kindergarten- und Krippenerzieher aus Weiden sowie den Landkreisen Neustadt und Tirschenreuth. Sie alle interessiert, wie die frühen Erfahrungen in der Beziehung zur Mutter oder der Person, die sich am meisten um das Kleine kümmert, das Leben des Nachwuchses prägen. Ob diese Erfahrungen - falls negativ - gar zur Entstehung psychischer Erkrankungen beitragen und welche Rolle Kinderkrippen hier spielen, wollen die Anwesenden auch von der Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik München wissen.
Die erste große Liebe
Und Dr. Fabienne Becker-Stoll gibt Antworten. Sie alle basieren auf Forschungsergebnissen, meist Tests mit 12 Monate alten Kindern. Die Erkenntnis: Ja, die ersten Lebensjahre, besonders das erste, sind entscheidend. Hier versucht das Baby, sich aktiv zu binden, meist an die Mutter. "Sie ist die erste große Liebe des Babys." Dies gelingt, indem die Eltern die Bedürfnisse des Kindes erkennen und befriedigen. "Gute Eltern sind feinfühlige Eltern. Und Feinfühligkeit lässt sich trainieren", sagt Becker-Stoll. Die Folge: Die frühkindliche Bindung funktioniert, das Kind spürt Nähe, bekommt Sicherheit, aus dieser heraus entdeckt es seine Umwelt, bekommt seine Emotionen besser in den Griff, und das bildet die Grundlage für psychische Gesundheit.
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"Gute Eltern sind feinfühlig"
Expertin weiß: Frühkindliche Bindung stabilisiert Psyche - Auch Krippen-Erzieher sind gefordert
Doch wie feinfühlig müssen Eltern ihrem Baby gegenüber sein? Wenn ein Kind schreit, sollte eine angemessene und prompte Reaktion erfolgen: "Experten sagen binnen einer Sekunde", erklärt Dr. Fabienne Becker-Stoll. Ein Raunen geht durch die vornehmlich mit Frauen besetzten Stuhlreihen. Schreit ein Kind nach Nähe sollte man es halten nicht stillen. Und umgekehrt. Vorausgesetzt das Feingefühl lässt die Mutter das erkennen. Falls nicht, sollten Eltern Hilfe von außen annehmen, meint die Expertin und verweist erneut auf die positiven Forschungsergebnisse nach einem "Individualcoaching" für Eltern. Aber wer soll diese Hilfe leisten, fragt SPD-Landtagsabgeordnete Annette Karl. Eine Schreiambulanz zum Beispiel, meint die Diplom-Psychologin, die selbst zwei Kinder hat, von denen eines ein Schreibaby war. Generell findet die Münchenerin: "Wir lassen Eltern anfangs zu lange im Regen stehen." Kinder seien kein Projekt, dass man möglichst effizient alleine stemmen müsse.
"Es geht also darum, den Kindern möglichst feinfühlige Bezugspersonen zukommen zu lassen", erklärt Dr. Becker-Stoll. Das kann auch eine Erzieherin in der Krippe sein (siehe Kasten). Und: "Auch für Eltern mit den besten Absichten ist es schwer, stets feinfühlig zu sein." Dann leide zwar die Bindungsqualität. Deshalb leide das Kind aber später nicht zwangsläufig an einer psychischen Störung. "Nur in den seltensten Fällen wird bis zum 5. Lebensjahr eine Bindungsstörung attestiert. Aber wenn dem so ist, ist das ein Fall für den Kinderarzt oder -psychologen."
Schlaf ist immer Thema
Doch das ernste Thema lässt auch Raum für Lacher. Zum Beispiel als Becker-Stoll über die Frage aller Fragen an junge Eltern spricht: Schläft das Kind schon durch? Ihre Antwort: "Elterliche Kompetenz misst sich nicht daran, wie schnell ein Kind durchschläft. Das ist entwicklungspsychologisch absoluter Quatsch."
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