Regensburg
Stadion neu, Geld wie Heu?
Sportchef Franz Gerber will den SSV Jahn 2000 zu neuen Stadien, Erfolgen, Ligen führen
Regensburg. Der Mann, der schon geschasst war, scheint das Unmögliche zu schaffen: Franz Gerber rüstet mit immer weniger Geld eine immer bessere Mannschaft auf - Aufstieg nicht ausgeschlossen. Im neuen Stadion will er ab 2014 ein Fußballerlebnis für Familien aus der ganzen Oberpfalz zelebrieren.
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| Der Funke springt oft nicht über im alten Jahnstadion: zündelnde Gladbach-Fans. Bild: Thomas Schaller |
Gerber: Als ich im Februar 2010 entlassen wurde, standen wir an sechster Stelle. Von da an wurden alle Spiele verloren. Gottseidank gab es dann notwendige Korrekturen und wir konnten die Klasse gerade noch halten. 2010/11 haben wir nach einer kleinen Schwächephase einen guten 8. Platz behauptet. Dieses Jahr dürften wir von der Mannschaft, vom Potenzial her keinen Einbruch mehr haben. Wir können eine vernünftige Rolle spielen.
Käme der Aufstieg, wenn er denn gelänge, zu früh?
Gerber: Nein, zu früh kommt der nie, weil wir dann die dementsprechenden Möglichkeiten hätten, die Mannschaft zu verstärken. Man braucht in so einer Situation auch etwas Glück. In diesem Jahr kommt uns zugute, dass alle drei Zweitliga-Absteiger keine Rolle spielen. Wir haben eine wirklich gute Mannschaft, die sich in ihrer Mischung aus Kampf- und Spielstärke perfekt ergänzt.
Was hat der Jahn aus den Fehlern des letzten Aufstiegsdesasters gelernt? Könnte man eine Kern-Mannschaft in die Zweite Liga mitnehmen, würde man auf Rudelbildung jenseits der Zenturienstärke und Veteranen wie Hutwelker verzichten und konsequent weiter auf junge Wilde setzen?
Gerber: Optimistisch können Sie nur sein, wenn die handelnden Personen das nötige Know-how haben, um zu beurteilen: Wen brauche ich, wen hole ich, wer passt rein, auch vom Typ her? Wenn wir mit unserem knappen Budget solche Fehler gemacht hätten, wären wir abgestiegen. Da gehört auch etwas Glück dazu, aber nicht nur. Der Umbruch ist im dritten Jahr hintereinander gelungen. Ob Hagmann, Berger, Reichwein oder Hörnig in den vergangenen Jahren, oder Philp, Müller, Kurz und Neunaber in der aktuellen Saison - es war kein Fehlgriff dabei.
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| Interessant wäre einmal das Experiment, dass jeder in der Liga drei Millionen Euro bekommt, und wir schauen dann mal, was dabei herauskommt. (Franz Gerber) |
Hat der Kern dieser Mannschaft im Falle des Aufstiegs das Potenzial, in der Zweiten Liga zu bestehen?
Gerber: Ich hoffe sehr, dass der Kern der Mannschaft bleibt, er hat das Potenzial. Im Moment ist der Jahn wirtschaftlich begrenzt, auch, weil er leider nicht so unterstützt wird wie andere Vereine. Man muss mal schauen, wer woanders Hauptsponsor ist. Ohne entsprechende Sponsoren gäbe es beispielsweise kein Fortuna Düsseldorf mehr, die jetzt Tabellenführer in der Zweiten Liga sind.
Wie schaffen Sie es bei dieser finanziellen Situation überhaupt, Spieler nach Regensburg zu lotsen?
Gerber: Es waren ja immer Spieler aus den unteren Klassen oder welche, die kein Angebot mehr bekamen und von denen ich gesagt habe, der hat das Potenzial.
Auch bei Tobias Schweinsteiger?
Gerber: Schweini war ein besonderer Glücksfall, da waren wir sehr schnell am Ball, Unterhaching wollte ihn nicht mehr und er wollte nicht weg aus Bayern. Laurito und Nachreiner kommen aus der unteren Klasse, Neunaber war arbeitslos, Hofmann war bei 60 ohne Vertrag, Klauß hatte in Stuttgart keine Perspektive mehr - bei uns haben sie alle eingeschlagen. Dazu kommt, dass Regensburg eine sehr schöne Stadt ist.
Und wenn sie dann einschlagen, kaufen sie die Reichen wieder weg?
Gerber: Die Gefahr ist riesig, dass die Perlen weggekauft werden. Da mache ich dem Spieler keinen Vorwurf. Ich finde nur schlimm, dass nicht ehrlich mit Thema umgegangen wird. Es ist doch o.k., dass ich versuche, mich zu verbessern. Man strebt nach Höherem, möchte sportlich aufsteigen. In Ordnung finde ich nur nicht, wenn jemand sagt, mein Herz schlägt für den Verein und 14 Tage später spielt er woanders.
Der Kader ist aufgrund des bescheidenen Budgets noch übersichtlicher als die Jahre davor - war die Verabschiedung der alten Kämpen wie Alexander Maul zum Ende der letzten Saison wirklich den Finanzen geschuldet oder war das nur ein eleganter Weg, um die Mannschaft zu verjüngen?
Gerber: Es war von vornherein klar, dass einige Spieler keinen Vertrag mehr bekommen. Im Fall Maul wollten wir zu reduzierten Bedingungen um ein Jahr leistungsbedingt verlängern. Ich war der einzige, der gesagt hat, dass seine Zeit zu Ende geht. Dass sich dann die finanzielle Situation zugespitzt hat, war für mich als sportlicher Leiter auch eine unangenehme Situation. Einige gute Spieler, die wir gerne verpflichtet hätten, unterschrieben deshalb woanders.
Der Umbruch hatte schon 2009/10 eingesetzt. Wir haben innerhalb von zwei Jahren die Mannschaft fast komplett ausgetauscht, da schaffst du dir natürlich Feinde. Aber das "Kick und Rush"-System, das wir bis dahin spielten, und der Versuch, hinten nur ja keinen reinzukriegen, ist nicht meine Philosophie. Ich möchte, dass wir uns Chancen erspielen. Zumindest gibt uns der Erfolg da recht.
Vielleicht hätte man das besser kommunizieren können - für den Fan sah's so aus, dass verdiente Spieler den Laufpass bekamen und kein adäquater Ersatz da war?
Gerber: Da gebe ich Ihnen recht, auch wenn man nicht jede Entscheidung nach außen tragen kann. Und dazu kommt, dass wir viele existenzielle Baustellen hatten. An die Spieler komme ich aufgrund meines Know-hows, meiner Kontakte heran. Sie müssen jünger, günstiger aber auch besser sein. Philp und Müller sind gute Beispiele dafür. Ich kann schon verstehen, dass der Fan da erstmal Zweifel hat, ob der das kann, und sich sagt: "Da holen die nur die Ersatzspieler von Absteigern oder kleinen Vereinen!"
Ich habe immer gesagt, dass wir den Etat reduzieren, aber die Mannschaft verbessern müssen. Das ist mir bei Hannover und St. Pauli auch schon gelungen: Sebastian Kehl, Altin Lala, Steven Cherundolo, Bastian Reinhard, Chris, Alex Meier - das waren alles unbekannte Spieler, die in meiner Zeit geholt wurden.
Sind die schlimmsten Engpässe jetzt eigentlich ausgestanden?
Gerber: Als ich die Verantwortung übernommen habe, waren wir finanziell am Ende. Ich war mit dem damaligen Präsidenten Manfred Kraml beim DFB, wir saßen dort einem 20-köpfigen Gremium gegenüber, das klipp und klar erklärte: "Für euch ist Schluss, außer es gelingt euch, innerhalb von vier Wochen 3,5 Millionen Euro zusammenzukratzen." Da es kein Vertrauen in den Verein gab, gründeten wir die Kapitalgesellschaft, bei der Investoren entscheiden, was mit ihrem Geld passiert. Das ist Gott sei Dank gelungen, dadurch war das allernötigste Geld da. Aber dazu musste eben auch ausgemistet werden. Ich will nicht, dass wir jede Saison erst am vorletzten Spieltag die Klasse halten.
Was verdient eigentlich ein Jahn-Spieler im Durchschnitt?
Gerber: Bei einem Jahresbudget von 1,5 Millionen Euro und einem Kader von 30 Leuten inklusive Trainer und Betreuer können Sie das einfach ausrechnen.
Das neue Stadion kommt: Wann findet das erste Heimspiel in der "Riepl-, Händlmaier oder Krones-Arena" statt?
Gerber: Wir hoffen auf einen Baubeginn im Herbst 2012, dann noch ein Jahr Bauzeit.
Können Sie uns erklären, warum alle so große Hoffnungen in den Stadienneubau setzen: Kommen die Zuschauer wirklich öfter als einmal, um einen Neubau zu bestaunen? Lassen sich Sponsoren davon beeindrucken?
Gerber: Das wird der Schlüssel, um an potente Wirtschaftsunternehmen heranzukommen. Wir orientieren uns am Ingolstädter Modell mit 15 000 Zuschauern, erweiterbar auf 30 000. Ich bin sicher, dass Regensburg und die Region Ostbayern das hergeben, wir sind weit genug weg von München und Nürnberg. Man sieht an Beispielen in ganz Deutschland, überall gingen die Zuschauerzahlen nach oben. Ingolstadt hatte immer so wie wir um die 2500 Zuschauer, im ersten Zweitligajahr noch 3700 - inzwischen sind es über 7000.
Die angepeilte Verdoppelung gilt dann für die Zweite Liga?
Gerber: Ich meine, man kann die Zuschauerzahlen schon in der Dritten Liga verdoppeln. In Ingolstadt spielt mein Sohn, von daher weiß ich, dass dort auch die Frauen gerne hingehen: "Da treff ich die Frau soundso, da trink'ma ein Glas Sekt."
Der Frauenanteil liegt bei bis zu 40 Prozent, das Freizeitverhalten der Familie hat sich gewandelt, die Frauen bestimmen das Familienleben. Die sagen: "Du arbeitest die ganze Woche und am Samstag willst zum Fußball - aber dann nicht ohne mich!" Fußball in einer neuen Arena ist für die Familien ein Erlebnis - der Komfort ist besser, es gibt bessere Speisen und Getränke, zeitgemäße Toiletten und eine nervenschonende Parkplatzsituation. Wenn es bei uns nach Regen aussieht, fehlen uns 1000 Leute. Im neuen, überdachten Stadion haben wir das Problem nicht mehr.
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