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Von Thomas Burmeister, dpa  |  08.09.2010  | Netzcode: 2483429  |  574 Mal gelesen.

Manhattan an der Maas

Für Rotterdam begeistern sich Architekturfans ebenso wie Szenegänger

Die Erasmusbrücke in Rotterdam ist ein
Die Erasmusbrücke in Rotterdam ist ein Anziehungspunkt für Architekturfans. Sie gibt einen Eindruck von der Bauweise des späten 20. Jahrhunderts. Bilder: dpa (3)
Wer in Holland A sagt, sollte unbedingt auch R sagen. Denn das A wie Amsterdam ist längst nicht alles, was das Königreich Städtereisenden zu bieten hat. Wer ein hypermodernes, junges, lautes, trendiges, ja avantgardistisches Holland erleben will, muss am Ticketautomaten auf dem Amsterdamer Hauptbahnhof nur "R" wie Rotterdam tippen und 13,50 Euro zahlen - und nach gut einer Stunde Fahrt taucht er ein ins Leben einer aufregenen Hafenstadt.

Die zweitgrößte Stadt der Niederlande ist zwar auch ohne den Umweg über Amsterdam eine Reise wert. Aber Rotterdamer lieben den Vergleich mit der eleganten Hauptstadt und pflegen die Konkurrenz. Man muss nicht erst den Fußballklassiker Feyenoord Rotterdam gegen Ajax Amsterdam erleben, um zu begreifen, wie der Mix aus gegenseitiger Ab- und Zuneigung aussieht. Holland-Plaudereien mit Einheimischen bei ein paar "Biertje" oder "Wijntje" werden rasch leidenschaftlicher, wenn der Fremde durchblicken lässt, er komme gerade aus Amsterdam. Oder - schlimmer noch - er wolle demnächst dorthin weiterreisen.


"Wir mussten uns halt alles ein wenig härter erarbeiten als die Amsterdamer", sagt Jesse Kazemier. Der junge Bootsbauer ist im Oude Haven anzutreffen. Hier verschmilzt holländische Gemütlichkeit mit der Kühnheit, für die das Land durch seine Seefahrer berühmt wurde: Kuschelige Cafés stehen vor der kantigen Architektur der Kubushäuser, die der Architekt Piet Blom 1984 hier hinsetzte. An Wochenenden frönt Jesse Kazemier seiner Leidenschaft, Kanus in Handarbeit herzustellen. Gern gibt er auch Touristen Auskunft, aber eine Pause macht er dafür nicht. "Schließlich sind wir in Rotterdam", meint Jesse. "Unser Motto lautet: 'Niet lullen maar poetsen!'" - frei übersetzt: "Nicht labern, sondern rackern". In Rotterdam, so sagt man, werden Hemden immer gleich mit aufgerollten Ärmeln verkauft.

Durch den Hafen radeln



Die Kubushäuser von Piet Blom stehen seit 1984 am
Die Kubushäuser von Piet Blom stehen seit 1984 am Alten Hafen von Rotterdam.
So es ist kein Wunder, dass Fleiß und ein gesunder maritimer Geschäftssinn hier den mit Abstand größten Hafen Europas heranwachsen ließen. Erkunden können ihn Besucher bei Touren mit den modernen Spido-Booten oder bei Radwanderungen entlang der Kais, für die man aber mindestens einen halben Tag einplanen sollte.

"Niet lullen maar poetsen" - es war auch diese Einstellung, die den Rotterdamern half, schwere Zeiten nach den verheerenden Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg nicht nur zu überstehen, sondern wie Phönix aus der Asche daraus hervorzugehen. "Die Zerstörung wurde als Möglichkeit gesehen, unsere Stadt als moderne, weltoffene Metropole neu zu erfinden", berichtet der junge Architekt Marcel Geerding. "Von den Stadtvätern gefördert und dank großer Talente wie Rem Koolhaas wurde Architektur neben dem Hafen zu einem zweiten Standbein."

Gern führt Geerding im Nebenjob für ein Tourunternehmen Besucher zu den städtebaulichen Glanzlichtern seiner Heimatstadt. Die Palette reicht von der ikonenhaften Erasmus-Brücke über das World Port Center von Sir Norman Foster und die "schräge" Zentrale des Telekom-Konzerns KPN von Renzo Piano bis hin zu den beiden neuesten Wolkenkratzern, dem "New Orleans" von Alvaro Siza und dem "Rotterdam" von Rem Koolhaas. Sie rahmen das altehrwürdige Hotel "New York" ein, einst das Hauptquartier der Holland-Amerika-Linie.

Den schönsten Blick über das "Manhattan an der Maas" bietet der Euromast. Der Turm, 1960 zur Eröffnung der Gartenschau Floriade fertiggestellt, punktet im europäischen Vergleich zwar nicht unbedingt mit überragender Höhe - es sind 185 Meter bis zur Spitze. Aber die Lage ist traumhaft, mit Blicken bis zur Nordsee. Unten geht man am besten zum nahen Pier der Wassertaxis. Diese oft von alten Hafenarbeitern gesteuerten, gelb-schwarzen Flitzer rasen in einem Wahnsinnstempo über die Wasserstraßen. Ein häufiges Ziel ist dabei ein Ozeandampfer: Die "SS Rotterdam" beförderte ab dem Jahr 1958 gut betuchte Gäste nach New York und später bei Kreuzfahrten zu exotischen Zielen. Nach einer millionenschweren Renovierung liegt sie nun für immer fest vertäut am Kai: als Hotel, Museum, Gastronomie- und Partytempel.

Foto aus HUP-Import
Keine BU aus Foto-Import


Bei Partyfreunden beliebt ist auch die Bar- und Gourmetmeile Witte de Withstraat, wo von erstklasisger italienischer Küche bis hin zu Imbissgerichten aus indonesischen Kochstuben alles zu haben ist. Auch die Club-Szene der Stadt trägt maßgeblich dazu bei, dass Rotterdam als Metropole der Jugend und der immerwährenden Dance-Floor-Innovation gilt. Zu den Hotspots gehören die Großraumdisco "Off Corso" oder der Live-Band-Club "Rotown". Auch hier gilt: Man schaut mit einem Auge nach Amsterdam, um es möglichst noch eine Spur toller zu machen.

Tänzer erzeugen Strom



Dem ständigen Drang nach Neuem war 2008 auch die Eröffnung der ersten "Öko-Disco" der Welt zu verdanken. "We want your energy" heißt der Slogan des "Club Watt", in dem ein Teil des Energiebedarfs durch die Gäste erzeugt wird, indem sie die elektromechanische Tanzfläche kräftig bearbeiten. Wie viel das gerade bringt, zeigen Leuchtdioden an. Auch hier heißt es also: "Niet lullen maar poetsen!"


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Informationen

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