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Von (eik)  |  02.09.2010  | Netzcode: 2476196  |  452 Mal gelesen.
Amberg

"Die Schiffgasse gehörte uns"

Richard Schwab (84) erinnert sich an seine Jugendzeit als einer von sieben "Schiffgasslern"

Amberg. (eik) "Was war das doch für eine schöne Zeit", schwärmt Richard Schwab, wenn er an seine Jugend denkt. Seine Jugend, das war die Schiffgasse - und die sechs Freunde, mit denen der Amberger, der im November 85 Jahre alt wird, damals, zwischen 1930 und 1940, die Gegend unsicher machte. Eine Gegend, die gerade ihr Gesicht verändert: Die laufenden Sanierungsarbeiten in der Schiffgasse haben Schwab auf die Idee gebracht, seine Erinnerungen von damals mit den AZ-Lesern zu teilen.

Ein Bild aus Richard Schwabs Kindertagen. So sah
Ein Bild aus Richard Schwabs Kindertagen. So sah es damals in der Schiffgasse aus. Aktuell wird dort gerade die Ufermauer (rechts im Bild) saniert.
Sieben Buben gehörten zu den "Schiffgasslern" - alle dort aufgewachsen, in ihrer Jugend unzertrennlich und täglich in der Schiffgasse unterwegs. "Verständigt wurde sich mit einem speziellen Schiffgasslerpfiff", verrät Richard Schwab.

Die Freundschaft der "Schiffgassler" hielt auch noch an, als aus den Buben von einst erwachsene Männer geworden waren, die eigene Familien gründeten. Viele Feste wurden gemeinsam gefeiert. Sogar ein "Schiffgasslertreffen" gab es 1979. Danach trafen sich die Jugendfreunde regelmäßig zum Bergfest - auch wenn die Gruppe mit der Zeit immer kleiner wurde.

Aus der Jugendzeit der "Schiffgassler" kann Richard Schwab manches G'schichterl erzählen. "Damals standen keine Autos am Straßenrand. Wir konnten herrlich, oft bis zur Dunkelheit, Räuber und Gendarm spielen: Die Schiffgasse gehörte uns Jungens." Die drei Fischhändler Hierl, Reichardt und Ram hatten ihre Geschäfte dort. "Da standen am Karfreitag die Kunden Schlange", erinnert sich Schwab. Wenn die Händler die Fische aus der Fischhälterei holten, waren die Kinder stets dabei.


Im Waschtrog auf der Vils




Auch die Schwabs hatten ihren Betrieb dort - eine Schusterei. "Mein Vater stellte die damals sehr bekannten Schwab-Pantoffeln her", erzählt Richard Schwab. Dann schwärmt der 84-Jährige von der "schönen Zeit, als wir in der Vils mit dem Netz kleine Fische fingen und mit dem Waschtrog auf dem Wasser fuhren". Die größte Gaudi war das Bad in der Vils. "Es war schon damals verboten. Aber das störte uns nicht im Geringsten."

Das tollste Erlebnis war es für die Buben, wenn sie von der Schiffbrücke in die Vils sprangen. "Heute wäre das bei dem niedrigen Wasserstand gar nicht mehr möglich."
Hochwasser auf der Vils: Für die Buben aus der
Hochwasser auf der Vils: Für die Buben aus der Schiffgasse war das immer eine besonders spannende Sache. Auch weil sie dann vom Fischhändler aus der Nachbarschaft mit dem Kahn herumgeschippert wurden.
Schwab erinnert sich noch sehr gut daran, "als uns einmal dabei der Schutzmann Silberhorn überraschte": "Alle liefen davon. Nur ich - ich war damals schon ein Schlauer - versteckte mich im Keller unseres Hauses. Doch der Polizist brauchte nur seelenruhig meinen nassen Fußspuren nachzugehen", amüsiert er sich. Doch der kleine Richard hatte Glück. "Ich musste nicht mit auf die Wache und die Sache ging ganz harmlos aus."
"Wie oft hat sich die Nachbarin aufgeregt, wenn wir beim Spielen zu laut wurden!" - auch daran denkt Schwab heute noch. "Einmal haben wir bei uns im Hof eine Holzhütte gebaut mit einem klapprigen Kohleofen. Als dann aus der Hütte Rauch kam, da wäre die Nachbarin beinahe in Ohnmacht gefallen. Mein Vater kam gelaufen und löschte das Feuer."

Spaß mit der Feuerwehr



Die Sommerabende, an denen die Feuerwehr ihre Übungen abhielt, waren für die "Schiffgassler" immer besonders interessant: Zur Übung wurde aus der Vils Wasser gepumpt und dann mit einem großen C-Rohr durch die Gegend gespritzt - sehr zur Freude der Buben. "Wir sind währenddessen in der Badehose herumgesprungen und hatten einen Heidenspaß." Es wurden auch die Kommandos geübt, berichtet Schwab. "Ich erinnere mich noch gut an einen, der sich immer in die verkehrte Richtung drehte: Er hatte keine Ahnung, wo links und rechts war."

Der Ölberg bei der Martinskirche war damals ein beliebter Platz zum Schlagballspielen.
Nicht nur fröhliche Erinnerungen hat Richard
Nicht nur fröhliche Erinnerungen hat Richard Schwab an seine Kindheit am Fluss - auch ein Schreckenserlebnis ist ihm im Gedächtnis geblieben: Bei Hochwasser fiel er als Knirps einmal in die Vils.
"Wenn jedoch der Mesner Albrecht schimpfend ankam, dann wetzten wir davon. Öfter gingen bei diesem Spiel natürlich Kirchenfenster kaputt. Wir waren das selbstverständlich nicht!" Der Eisenzaun auf dem Ölberg hat Schwab einmal arg in Verlegenheit gebracht: "Aus Übermut steckte ich meinen Kopf durch zwei Stäbe und kam nicht mehr heraus. Ich schrie um Hilfe und mit vereinten Kräften wurde ich aus meiner misslichen Lage befreit." Auch das musste er ausprobieren: "Im Winter habe ich mit meiner Zunge an den Eisenstäben geleckt - und brachte sie dann nicht mehr los. Da half nur warmes Wasser."

Manchmal waren die "Schiffgassler" aber auch brav und gingen dem Mesner zur Hand. Zum Beispiel am Dreikönigstag, "wenn aus dem großen Holzbottich Weihwasser ausgegeben wurde und wir den Leuten Kannen und Flaschen füllten". Gerne erinnert er sich auch an das Glockenläuten mit dem Handbaum. "So hieß der Mann, der uns immer im Glockenhaus mit läuten ließ", erklärt Schwab: "Dabei hängten wir uns an die Seile und ließen uns einige Meter nach oben ziehen." Ein besonderes Erlebnis war es auch, wenn die Kinder am Karfreitag mit auf den Turm steigen durften und die Ratsche anstelle der Glocken bedienten.

Per Kahn zum Einkaufen



Hochwasser an der Vils war natürlich auch immer spannend für die Buben. Noch heute zeigen Markierungen am Stadtarchiv, wie hoch das Wasser stand. "Da wir nicht mehr aus dem Haus konnten, holte uns der Fischhändler Hierl mit einem Kahn ab", berichtet Schwab - zum Beispiel zum Einkaufen. Einmal hatte der kleine Richard großes Glück: "Bei Hochwasser fiel ich in der Nähe der Schiffbrücke als kleiner Knirps in die Vils. Wenn nicht zufällig die Fischhändlerin dies gesehen und mich herausgezogen hätte, wäre ich heute sicher nicht mehr unter den Lebenden." Zwei der Buben - Schwab war einer von ihnen - zogen später als Erwachsene sogar mit ihren Ehefrauen in ihre Erstwohnung in der Schiffgasse.

Für Schwab nahm die Zeit dort ein jähes Ende: "Wir hatten auf dem Dachboden sehr viel Holz gelagert. Das brauchte mein Vater zum Schnapsbrennen, was in den 40er Jahren keine Seltenheit war. Durch die Sommerwärme erhitzte es sich von selbst und brannte den Dachstuhl nieder. So mussten wir unsere geliebte Schiffgasse verlassen."


Als "Schiffgassler" machten sieben Buben ihre
Als "Schiffgassler" machten sieben Buben ihre Nachbarschaft unsicher. Einer von ihnen ist Richard Schwab (Dritter von links), der heute, als 84-Jähriger, manches G'schichterl aus seiner Jugend erzählen kann. Bilder: privat

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